Beach Lodge in Südafrika

Das ist wahrer Reise-Luxus!

Von Alex Bohn
Aktualisiert am 30.10.2020
 - 10:55
Tausende Jahre versteinerter Sand prägt die Küste und eignet sich als Feuerstelle.zur Bildergalerie
Mehr Wale als Menschen: Die Artenvielfalt würdigen, sich für ihren Erhalt verantwortlich fühlen, die Umweltbilanz beachten – und dafür entsprechend zahlen. Zu Besuch im südafrikanischen Naturschutzgebiet De Hoop.

Am Anfang vieler Reisen steht ein Missverständnis: Sie sollen einen hohen Erholungswert bieten und nicht alltäglich sein; sie sind das aber angeblich nur, wenn sie in die Ferne führen, am besten in andere, wärmere Klimazonen, mit anderen Tieren und Pflanzen und in eine andere Kultur. Um aber in der Fremde nicht zu fremdeln, sollen die Unterkünfte zumindest über die Annehmlichkeiten des eigenen Herkunftsortes verfügen oder am besten ein noch höheres Komfortlevel bieten.

Zeitgemäß ist diese Vorstellung nicht mehr wirklich: Fernreisen, zumal mit dem Flugzeug, haben eine denkbar miserable Umweltbilanz, was das Gewissen belasten kann, die Covid-19-Pandemie verkompliziert den Weg von A nach B derzeit auf absehbare Zeit noch zusätzlich. Muss der von Fernweh geplagte, bewusste Mensch deswegen nun zu Hause bleiben? In der Lekkerwater Beach Lodge im südafrikanischen Naturschutzgebiet De Hoop sieht man das nicht so, sondern entwickelt stattdessen neue Urlaubskonzepte für neue Bedürfnisse einer internationalen Klientel.

Endloser, feinsandiger Strand

Zunächst fällt die Anlage am Indischen Ozean durch ihre seltsame Lage auf: Zwar erstreckt sich zu den Füßen der sieben Hütten ein endloser, feinsandiger Strand. Aber baden kann man hier nicht, denn im Wasser tummeln sich Haie. Auch zum Surfen ist der Ort ungeeignet, den gleichmäßig heranrollenden Wellen zum Trotz. Aber die Idylle täuscht, unterhalb der Wasseroberfläche türmt sich eine messerscharfe Karstlandschaft. Und selbst für Strandliegen ist dies nicht der richtige Platz. Dafür ist es zu windig, und bei Flut bleibt nur noch ein schmaler Streifen.

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Aber das ist nicht alles. Die Lodge, die zum Portfolio von Natural Selection gehört, einem Anbieter für Luxuslodges in ganz Afrika, liegt knapp vier Stunden von Kapstadt entfernt. Auf den letzten 65 Kilometern, die durch das Naturschutzgebiet De Hoop führen, gibt es nichts. Kein Restaurant, keine Strandbar, erst recht keinen Shop, keine Nachbarn, gar nichts, außer endloser grünhügeliger, heide- und proteabewachsener Weite. Ab dem Naturschutzgebiet sind die Straßen für herkömmliche Pkw nicht befahrbar, ans Ziel gelangt man nur mit Vierradantrieb und einem beherzten Fahrer. Wer wissen will, warum der Südafrikaner Colin Bell ausgerechnet hier im vergangenen Frühsommer seine Hütten eröffnet hat, muss sich auf sein Verständnis von Luxus einlassen.

Exklusivität wird hier nicht durch eine möglichst breite Palette an Serviceangeboten bewiesen, auch nicht durch vielfältige Konsummöglichkeiten, sondern durch den kundig begleiteten Zugang zu einem von Menschen weitestgehend ungestörten Naturschutzgebiet. Angesichts von Covid-19 ist das schon mal eine modernere Form des Urlaubs. Schließlich sehnt sich aktuell kaum jemand in die typischen Fünf-Sterne-Hotels an touristischen Hotspots, in denen sich zu viele Leute zu eng auf die Pelle rücken – im Restaurant, wo der Starkoch das Essen zubereitet, am handgefliesten Pool oder im preisgekrönten Spa. Trotzdem ist das Angebot in Lekkerwater, das gerade mal sieben Zimmer für maximal 16 Gäste hat, zunächst einmal ungewöhnlich. Da wäre erst einmal der unkonventionelle Hotelier selbst, der Trekkingschuhe trägt, eine beigefarbene Cargohose und einen dunkelroten Fleecehoodie mit Reißverschluss von Patagonia. Seine Gäste begrüßt der 64-Jährige mit einem knappen, aber herzlichen „Willkommen zu Hause“.

Dann muss er sich um drängendere Dinge kümmern, die Stromversorgung nämlich: „Wir produzieren unseren eigenen Strom, und das nur aus Solarenergie“, sagt er. „Gespeichert wird er in zwei Spezialbatterien, so dass wir alle Annehmlichkeiten bieten können, die man im 21. Jahrhundert braucht: Kaffeemaschinen, Gefrierschränke, Eiswürfelmaschinen, alle sorgfältig ausgesucht nach ihrem minimalen Stromverbrauch.“

Bell und sein Team achten nicht nur auf ein hohes Komfort- Level für ihre Gäste, sondern auch auf eine gute Umweltbilanz. Das passt zur Idee des Ökotourismus, die zwar noch nicht in der Masse relevant ist, wohl aber für eine aufgeklärte globale Reiseelite. 2019 ergab die Tourismusanalyse der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, dass zwar weiterhin eine enorm große Nachfrage nach Kreuzfahrten und Allinclusive-Angeboten existiert, die Nachfrage nach und das Angebot von umweltbewussten Reisen aber stetig steigen.

Dazu passt, dass auch die Wasserversorgung hier akribisch geplant ist und komplett aus einem sechs Kilometer entlegenen Bohrloch stammt. In der Lodge wird es auf Trinkwasserqualität gefiltert und in eigenen, nachfüllbaren Glasflaschen serviert, Wasserlieferungen von außerhalb gibt es nicht. Plastikfrei ist es hier bereits, abfallfrei auch fast, selbst gebrauchte Teebeutel landen nicht auf dem Müll, sondern werden getrocknet und zum Feueranzünden genutzt. Auch das entstehende Abwasser bereitet man eigenständig so auf, dass die Umwelt damit nicht belastet wird.

Die Standards der üblichen Sternehotels sucht man indes vergeblich. Zwar sind die sieben Lodges und der Gemeinschaftsraum äußerst geschmackvoll eingerichtet – weiche Blautöne spiegeln die Farben des Ozeans wider, für jede Hütte hat die südafrikanische Künstlerin Jemima Sargent ein großformatiges Bild eines Meerestiers angefertigt, und in handgefertigten Keramikschalen kann man sich selbst südafrikanischen Bio-Roibostee aufbrühen. Aber statt des oft üblichen wandfüllenden Fernsehers mit allen erdenklichen Streamingdiensten erwartet die Gäste in den eigenen vier Wänden ein gusseiserner Ofen. So heizt man – selbst, mit Zündhölzern und Holzscheiten – während der kalten Nächte. Und während es natürlich Steckdosen gibt, damit man Handy oder Kamera laden kann, gibt es weder eine Minibar noch Room-Service noch einen Spa- Bereich.

Den eigentlichen Luxus in Lekkerwater – auf Afrikaans bedeutet das so viel wie „gutes Wasser“ – entdecken die Gäste, wenn sie über einen kurzen, felsigen Weg an den Strand herunterklettern: Mit bloßem Auge sieht man hier Delphine und Wale. Die Delphine spielen ganzjährig in den Wellen nahe dem Strand, die sogenannten Southern Right Whales, zu Deutsch Südkaper, sowie seltener Bryde- und Buckelwale zeigen sich besonders zwischen Juli und November, wenn die Weibchen in die Bucht kommen, um zu kalben. Mitunter sieht man Hunderte von ihnen.

Wale beobachten, mit dem Fernglas oder gar vom Boot aus, kann man zwar an anderen Küstenorten wie im über hundert Kilometer entfernten Hermanus auch. Allerdings findet man sich dann meist in einer dichtgedrängten Menschenmenge wieder, denn Hermanus ist eine beliebte Station auf der touristischen Garden Route, die durch Südafrika führt. In Lekkerwater hingegen beobachtet man die schwarzglänzenden Tiere, die so schön prusten oder mit den paddelförmigen Brustflossen zu winken scheinen, gänzlich ungestört – man kann sie sogar von den Fensterfronten der einzelnen Lodges aus sehen, aus dem eigenen Bett. Die Ruhe und Unbekümmertheit, mit der die Riesen hier herumtollen, ist berührend – und die absolute Ausnahme. Das Naturschutzgebiet De Hoop erstreckt sich drei Seemeilen ins Meer hinein. In diesem Gebiet sind sowohl der reguläre Schifffahrtsbetrieb als auch die Walbeobachtung von Booten aus verboten. Niemand also bedroht oder stört die Riesensäuger hier.

Nahezu unberührte Naturschutzgebiete

Das passt zu Colin Bell, dem Besitzer, der in zweiter Linie Hotelier, in erster Linie aber Naturschützer zu sein scheint. Neben dem Lekkerwater unterhält er in Afrika 18 Safari-Camps, alle sind gleich konzipiert: In einem Umfeld, dessen Architektur, Interiordesign und Kulinarik einem Vier-Sterneplus- beziehungsweise Fünf-Sterne-Hotel entspricht – und dabei auf eine möglichst gute Umweltbilanz setzt –, können Gäste Führungen durch weitestgehend unberührte Naturschutzgebiete erleben und dabei von kundigen Guides Details über Flora und Fauna lernen. Wer will, kann sein Wissen durch Vorträge in den Camps oder in den gut ausgestatteten kleinen Bibliotheken vor Ort vertiefen: „Wir haben gelernt, dass das beste Rezept eine entspannende, unterhaltsame Destination ist, gepaart mit einem starken Bildungs- und Naturschutzangebot.“ Zwei Guides gibt es in Lekkerwater. Jaben van Graan führt kenntnisreich durch die Vogelwelt der Region, William – Billy – Robertson kümmert sich um die Tierund Pflanzenwelt am und im Meer.

Sein Wissen über die Natur hat er von seinem Vater gelernt, nach der Uni entschied er sich gegen einen Bürojob und für das Leben in der Natur. Dass er gern und gut Rugby spielt, glaubt man dem großformatigen Mann sofort, dass er dabei jemanden unsanft umstößt, wie es der Sport erfordert, kann man sich hingegen bei seiner eher sanften Stimme und der Geduld, mit der er auch Kindern jedes noch so kleine Detail erklärt, schwer vorstellen. „Auf einer traditionellen Safari hält man Ausschau nach den Big Five“, sagt er, „Löwen, Leoparden, Nashörnern, Kapbüffeln und Elefanten. Hier in De Hoop kann man auf die Big Five der Meere treffen.“ Allerdings spielt er damit nicht auf die offensichtlichen Stars an, die Wale und Delphine. Besonders die Geschöpfe der Gezeitenbecken haben es ihm angetan. Bei Ebbe führt er die Gäste über das Karstgestein und macht an den Flutmulden halt. Auf den ersten Blick gedeihen hier nur Algen. Auf den zweiten Blick aber sind sie die Heimat einer Fülle von Tieren: Als Pendant zum Elefanten beispielsweise gibt es Wesen der anderen Art. Die Seeanemone, auch Blumentier genannt, blüht nämlich nicht nur einfach am Rand des natürlichen Pools herum. Nähert sich ihr etwas, das proteinreiche Nahrung sein könnte, so stülpt sie unerwartet und blitzschnell ihr Schlundrohr aus – das einem Rüssel ähnelt –, umschließt die Beute mit ihren Tentakeln und verschlingt sie.

Man kann ihr gefahrlos auch die eigenen Finger anbieten, um sie bei der Jagd zu beobachten, sagt Billy. Er weist auf kleine und kuriose Details hin: dass die stacheligen Seeigel sich zum Schutz vor der Sonneneinstrahlung Muschelschalen aufs Haupt häufeln beispielsweise. Oder dass die handtellergroße Turbanschnecke ihr Gehäuse mit einem Deckel verschließen kann und Kraken sich an den jeweiligen Untergrund farblich so perfekt anpassen wie ein Chamäleon. Dass sie die Erzfeinde der Krebse sind, sieht man selbst – nähert sich ein Krake, so klettern die Krebse eilig aus den Gezeitenbecken heraus.

Das Kalkül von Colin Bell: „So viele Menschen leben nahe den Küsten, ohne sie wertzuschätzen. Aber wo Liebe und Verständnis fehlen, fehlt oft auch der Wille, sich für den Natur- und Artenschutz zu engagieren. Alle Gezeitenzonen, nicht nur die in De Hoop, sind unverzichtbar für die Gesundheit unseres Planeten, und wir sind in der privilegierten Lage, das unterhaltsam und anschaulich zu vermitteln.“

Beim Stichwort Privilegien liegt die Frage nahe, ob dieses Format des exklusiven Bildungsurlaubs nicht nur Privilegierte erreicht. Safaris sind teuer, erst recht wenn sie abseits der Nationalparks stattfinden, durch die täglich unzählige Touristen in Landrovern gekarrt werden. Bell widerspricht energisch. „Natürlich geht es immer auch um Wirtschaftlichkeit“, sagt er, „je exklusiver das Gebiet, desto größer sind gemeinhin die Kosten.“ Aber wichtiger ist ihm ein anderer Aspekt. „Was aufhören muss“, sagt er, „ist die Vorstellung, dass jeder das Recht hat, überall günstig Zugang zu haben. Wenn steuerzahlende Bewohner das für das Land fordern, in dem sie leben, ist das verständlich. Aber Reisende aus aller Welt, die ihre Steuern in ihren Herkunftsländern zahlen, haben kein naturgegebenes Anrecht darauf, kostengünstig untergebracht zu werden. Der Unterhalt von Naturschutzgebieten kostet viel Geld, also muss man auch bereit sein, für ihren Erhalt zu zahlen.“

Auf der Karibikinsel Dominica
Zu den Wurzeln!

Das ist sein Verständnis von Luxus: Es geht weniger darum, an die entlegensten Orte der Welt zu reisen, um dort exotische Arten zu bestaunen, sondern mehr darum, zu würdigen, welche Artenvielfalt es noch gibt, und sich für ihren Erhalt verantwortlich zu fühlen. Ganz egal, ob es sich um das Great Barrier Reef in Australien, die Galapagosinseln, die Serengeti oder das Wattenmeer der deutschen Nord- und Ostseeküste handelt. Wobei natürlich die Umweltfürsorge vor der eigenen Haustür eine bessere Ökobilanz hat als am anderen Ende der Welt, an das man nur mit dem Flugzeug gelangt.

Die Covid-19-Pandemie hat den Blick auf Reisen, insbesondere Fernreisen, noch einmal geändert. Die Lekkerwater Beach Lodge erlaubt momentan nur Buchungen der gesamten Anlage durch Kleingruppen oder Familien. Da Südafrika aber derzeit vom Lockdown betroffen ist, lohnt es sich umso mehr, aktuell vor der eigenen Haustür nach einem Luxusurlaub der anderen Art im Geiste des Colin Bell Ausschau zu halten. Schon mal vom Helgoländer Felssockel, den Stechliner Mooren oder den Mischwäldern des Ammergebirges gehört? Eben.

Den freien Blick auf die Küste, vor der die Südkaper mit der Fluke schlagen und die Delphine ihre Kunststücke in den Wellen vollführen, hat man dort allerdings nicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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