Wandertipp

Fern des Weltengetriebes

Von Thomas Klein, Waldsolms
15.01.2021
, 16:14
Das koptische Kloster im Hintertaunus zeigt sich als geistliches Zentrum vitaler denn je. Ein Gotteshaus und Chorturmkirchen lohnen den Besuch.

Zu den vielen Erinnerungsmarken, die 2020 kleiner oder ganz ausfielen, hat auch das Doppeljubiläum des koptischen Klosters Kröffelbach in Waldsolms im Hintertaunus gehört. Das 40-Jahre-Gründungsgedenken der nach dem Stammvater des Klosterwesens, dem heiligen Antonius, benannten ägyptisch-orthodoxen Abtei konnte ebenso wenig gewürdigt werden wie die Einweihung der Kirche vor 30 Jahren im November 1990.

Dass die einzige Einrichtung ihrer Art stetig wachsen würde, hätte wohl niemand prophezeit, nachdem 1975 zwei hochrangige Kopten ausgesandt wurden, Niederlassungen in Deutschland zu finden. Offenkundig trafen sie fern des Weltengetriebes im Solmsbachtal eine gute Wahl. Wo nur zwei Altbauten standen, erstreckt sich heute ein größerer Komplex, seines Zeichen Bischofssitz und geistliches Zentrum aller koptischen Gemeinden Europas, samt der theologischen Ausbildung im von 50 Männern und Frauen besuchten Kolleg.

Gleichwohl versteht man sich als offenes Haus. An Seminaren und Mediationen darf jeder teilnehmen wie auch die Kirche zur inneren Einkehr lädt, schließlich sieht man das Christentum als universelle Religion, deren Anfänge eng mit den Kopten verknüpft sind. Laut Überlieferung wurde „Ägyptens erste Kirche“ durch den Evangelisten Markus um 60 nach Christus begründet. Sie bildete ein eigenständiges Patriarchat, widerstand römischer Verfolgung und dem Islam und zählt heute etwa ein Zehntel der Bevölkerung zu ihren Gläubigen.

Der Standort könnte nicht besser sein

Deutlich unterscheiden sich Architektur und Ausstattung der mit Spendengeldern finanzierten Kirche vom gewohnten Bild. Unverkennbar ihr orthodoxer Stil gekuppelter Apsiden und freistehendem Glockenturm. Eine Treppe führt zum Hauptportal, flankiert von Mosaiken mit dem Evangelisten Markus und der nach Ägypten geflohenen Heiligen Familie. Unter einem hölzernen Tonnengewölbe im Inneren, das dem umgedrehten Rumpf der Arche Noah nachempfunden ist, wird der Blick auf die Altäre und den Bischofsstuhl gelenkt, den die goldglänzende Ikonostase dahinter quasi zurückwirft auf die farbenfreudig-idealisierend gestalteten biblischen Motive der Portalwand.

Der Standort am Rand ausgedehnter Wälder könnte für ein Kloster nicht besser sein. Als integrierendes Band dient der endlose Forst auch für fünf 1971 zu Waldsolms vereinten Dörfern. Gut die Hälfte der 4500 Hektar Gemarkungsfläche bedecken Bäume, was sich in sehenswerten Fachwerkbauten niederschlug – vom archaischen Wehrkirchlein mit Fachwerkaufsatz in Kröffelbach bis zum klassizistischen Gebäude, dem nachmaligen Rathaus in Brandoberndorf.

Hier geht es lang

Seit Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Grävenwiesbach und Brandoberndorf ist der Waldsolmser Hauptort gut erreichbar. An der Endstation mit Parkplätzen hält man sich vorne links (Hasselborner Straße) zur Weiperfeldener Straße und an ihr rechts zur Bornbachstraße. Vom Bahnhof an flattert der wegweisende blaue Schmetterling voran. Das Naturpark-Zeichen wurde als Doppelschleife angelegt, von der eine Übersichtstafel nur die Südrunde skizziert. Wir bewegen uns dagegen von Ost nach West, so nicht eine Ortsbesichtigung vorangestellt oder verkürzend eingestiegen wird. Die Markierung passiert die Straße Unterseite. Für den historischen Kern mit seinen Fachwerkhäusern und der romanisch-frühbarocken Pfarrkirche folgt man ihr links.

Zum Abkürzen weiter die Schnurgasse hinauf bis zu einer Landstraße. An der Rechtskurve geht es geradeaus unverändert steigend in die Felder, oben rechts 200 Meter und links gen Hauptweg. Für die ausholende Runde verlässt der Schmetterling dagegen den Ort über die Cleeberger Straße, kurz darauf rechts Zum Gänsacker und durch ein Neubaugebiet (Drossel- und Finkenweg). Nachfolgend laufen wir gewissermaßen in der anderen Landschaftsform von Waldsolms, nämlich in weitem, vor allem der Viehwirtschaft dienenden Agrarland.

Entsprechend heißt auch die hinzugetretene Schleife Panoramaweg. Um dem Anspruch zu genügen, muss nach dem Geradeaus vom Linksschwenk an erst etwas bergauf marschiert werden. Jenseits der zu kreuzenden Straße öffnet sich dann an der Waldspitze ein Aussichtsfenster über Griedelbach bis zum Wetzlarer Raum.

Die in einer Senke liegende Gemeinde ist rasch erreicht. Davor teilen sich die Zeichen. Wir wählen den Schmetterling quer hindurch, da die mit einem romanischen Chorturm versehene Pfarrkirche beachtet sein will. In der Taunusstraße heißt es halbrechts zum Panoramaweg. Beide Markierungen halten auf den Wald zu, bleiben aber davor und umgehen ihn rechts vorne, entlang einer großen Grillhütte und weiter gen Kröffelbach.

Leicht fallend kommt man ihm über gut einen Kilometer näher; zunächst links durch eine Hofanlage, dann den Eigenheimen am Hang entgegen. Dass die Wanderlotsen nach links zeigen, braucht nicht zu irritieren. Etwas tiefer kriegen sie die Rechtskurve und weisen bis vor den älteren Teil. Der Panoramaweg hat sich unterdessen verabschiedet, ebenso bietet der Schmetterling eine Abkürzungsmöglichkeit. Doch wir wollen das Kloster einbeziehen, wohin das Zeichen führt; zudem lohnt es, für die bis ins Mittelalter reichende Pfarrkirche etwas abzuweichen. Wie eine kleine Trutzburg liegt sie über dem Fachwerkkern.

Durch die Kraftsolmer Straße geht es zum koptischen Kloster. Der Schmetterling verharrt dort vor dem frei zugänglichen Areal und nimmt die Mission wieder auf, wenn es über die hohe Straßenbrücke und dann links weitergeht.

Fortan dürfen wir uns am Hauptmerkmal von Waldsolms erfreuen. Es geht fast ebenen Weges weiter bis zu einer verbliebenen Gleisbrücke, hier links und gleich rechts durch das aufgelockerte Gewerbegebiet zum Bahnhof.

Sehenswert

„Wald“ trägt die 1971 aus fünf Dörfern gebildete Gemeinde Waldsolms im Namen. Über die Hälfte bedecken Bäume, entsprechend war Holz das wichtigste Baumaterial. Der Hauptort Brandoberndorf und Kröffelbach präsentieren sich im Fachwerkkleid. Der Hauptbestand stammt aus den Jahren um 1700, teilweise als Hofanlagen mit Tor. Ungewöhnlich ist das durch ein Pyramidendach gekennzeichnete vormalige Schul- und heutige Rathaus von 1830.

Erhöht über beiden Orten sowie in Griedelbach stehen bis zur Romanik reichende Kirchen mit wuchtigem Chorturm, in Kröffelbach mit Fachwerkaufsatz, in Brandoberndorf teilweise gotisch und frühbarock. Kröffelbach ist Bischofssitz des deutschen Patriarchats der ägyptisch-orthodoxen Kirche (Kopten). Das 1980 eingeweihte Kloster St. Antonius ergänzt ein Theologiekolleg; die Kirche im orthodoxen Stil mit freistehendem Glockenturm und gekuppelten Apsiden besteht seit 1990.

Anfahrt

Von der A5, Ausfahrt Butzbach-Süd, etwa 15 Kilometer über Hausen in Richtung Waldsolms; durch den Taunus über Usingen.

Öffentliche Verkehrsmittel ab Bad Homburg (S5) mit der stündlich fahrenden Taunusbahn.

Geöffnet

Außengelände und Kirche des koptischen Klosters stehen tagsüber offen; die genannten Pfarrkirchen haben, weil evangelisch, in der Regel geschlossen.

Quelle: F.A.Z.
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