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Wir wohnen nicht allein

Wenn es Zuhause spukt

Von Judith Lembke
 - 12:27

Ein richtig gutes Gefühl hat Leonie Arnold bei ihrem neuen Haus von Anfang an nicht gehabt. Doch sie und ihr Mann suchten schon so lange nach einem neuen Zuhause fern der Großstadt für sich und ihre beiden Kinder, dass sie zugriffen, als ihnen der alte Bauernhof in einer hessischen Kleinstadt angeboten wurde. „Das war eine Kopfentscheidung. Der Hof war schön, der Preis hat gestimmt, und die Rahmenbedingungen passten. Aber das Bauchgefühl war gleich seltsam“, erzählt Arnold. „In der ersten Nacht habe ich wach gelegen und gedacht, dass es der größte Fehler meines Lebens war, dieses Haus zu kaufen!“

Überall waren Geräusche, die ihr Mann und sie nicht zuordnen konnten, vor allem nachts. Manchmal klang es, als steige jemand die Treppe hinab – aber die Kinder lagen ruhig im Bett und schliefen. Türen schlugen plötzlich mit einer solchen Wucht zu, dass das Glas heraussprang. Ein andermal berichteten die Kinder, sie hätten nachts das Gefühl gehabt, es sei jemand durch ihr Zimmer gelaufen. Licht und Heizung fielen aus – und gingen ebenso plötzlich wieder an. Die gerufenen Handwerker konnten keinen technischen Defekt feststellen.

„Das Schlimmste aber war, dass wir das Gefühl hatten, niemals allein im Haus zu sein“, sagt Arnold. Am Anfang hätten sie noch gedacht, sie bildeten sich das alles nur ein. „Aber als meine Tochter lieber bei den Nachbarn als zu Hause spielte, haben wir uns entschieden zu handeln.“ Trotz eines hohen finanziellen Verlusts verkauften sie das Haus nach nur einem Jahr und zogen aus. „Selbst einer der Möbelpacker, ein richtig harter Kerl, meinte, er halte es in dem Gebäude nicht lange aus“, berichtet sie. Drei Jahre nach dem Umzug ist Arnold sich sicher: „In dem Haus steckte eine schlechte Energie. Man kann es auch Spuk nennen.“

Psyche und Architektur spielen eine Rolle

Auch Maklerin Tina Aigner von Aigner Immobilien aus München ist überzeugt, dass selbst in leeren Häusern mehr steckt als nur das verbaute Material. „Manchmal komme ich in ein Objekt und spüre, dass es eine komische Aura hat. Ich bin da sehr sensibel“, sagt die Maklerin. Ihrer Erfahrung nach sind solche Objekte auch schwer verkäuflich – oft ohne ersichtlichen Grund. „Die Lage kann perfekt sein, der Grundriss toll, das Haus frisch renoviert, und trotzdem wird es zum Ladenhüter, weil die Interessenten spüren, dass damit etwas nicht stimmt. Das ist wie bei Menschen“, hat Aigner beobachtet. In einigen Fällen komme beim Gespräch mit dem Besitzer dann heraus, dass in dem Haus etwas Schlimmes passiert sei, zum Beispiel ein Selbstmord. Oft lasse sich die negative Stimmung, die Aigner spürt, jedoch nicht benennen. Die Maklerin schlägt dem Eigentümer in solchen Fällen eine „energetische Reinigung“ vor – und erntet ganz unterschiedlichen Reaktionen: „Einige sind von der Idee total begeistert, manche habe ich aber schon regelrecht verschreckt, die hielten mich für verrückt“, berichtet sie. Dabei habe sie damit durchweg positive Erfahrungen gemacht – auch ihr Privathaus und die Büroräume habe sie von einer Schamanin zunächst „durchputzen“ lassen, bevor sie eingezogen sei. „In den Büroräumen war eine ganz komische Stimmung. Aber seit der energetischen Reinigung ist das Betriebsklima super. Ich vertraue da total drauf“, sagt die Immobilienvermittlerin.

Dass in Häusern Phänomene auftreten, die rational nicht zu erklären sind und von dem Bewohner als „schlechte Energie“ oder auch „Spuk“ benannt werden, wird in der psychologischen Forschung, die sich diesem Grenzgebiet widmet, nicht bestritten. Völlig ungeklärt ist jedoch, wodurch sie auftreten. Vorherrschend ist die psychodynamische Deutung von Spukphänomenen: Sie geht davon aus, dass Spannungen, Konflikte oder auch anstehende persönliche Entwicklungen der Person, die den Spuk erlebt, nicht von ihr gelöst werden können. Die Probleme werden nach außen verlagert und können sich in objektiver Form bemerkbar machen – wie das funktioniert, ist nicht erforscht.

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Unbestritten ist auch, dass die Architektur eine Rolle für das Wohlbefinden spielt, häufig vollkommen unbewusst auf den Menschen wirkt. Wie ist die Geometrie eines Raumes? Sind die Decken zu hoch oder zu niedrig? Ist das Zimmer hell oder zu dunkel? Wie sind die Räume angeordnet und ausgerichtet?

Wer versucht, mit Hilfe des Internets der schlechten Atmosphäre im Haus auf die Spur zu kommen, wird schnell fündig: Eine ganze Armada von Schamanen und „Heilern“ verspricht Abhilfe bei nervigen Hausgeistern, Schreikindern und unruhigen Haustieren. Abgerechnet wird der Energieputz meist je Quadratmeter plus Anfahrtspauschale. Studenten und Bedürftige bekommen oft Rabatt.

Räuchern mit Salbei, Myrrhe und “Sternentanz“

Ob das alles nur Hokuspokus ist, Ersatzreligion in einer säkularisierten Welt oder aber mehr zwischen vier Wänden steckt als nur Luft – die Branche boomt. Nicht nur esoterisch veranlagte Privatleute vertrauen mittlerweile auf die Hilfe von Feng-Shui-Beratern, Schamanen und Raumenergetikern. Auch manches Unternehmen lässt wie Aigner Immobilien seine Büroräume gegen atmosphärische Störungen behandeln, um das Betriebsklima zu verbessern. „Die Menschen sind in den vergangenen Jahren viel offener gegenüber diesen Dingen geworden“, sagt Ivo Siebenförcher. Der Österreicher arbeitet seit dreißig Jahren als Raumenergetiker und Feng-Shui-Berater, vor allem für Unternehmen. Unter seinen Kunden finden sich neben Bauträgern auch Raiffeisenbanken, ein Dentallabor und die Zentrale des Tourismuskonzerns TUI in Innsbruck. „Im Prinzip ist das alles ganz einfach“, sagt Siebenförcher: Neben grobstofflichem Schmutz wie Staub gebe es in Häusern auch feinstoffliche Verunreinigungen wie Ängste, Sorgen und Spannungen. „Diese Informationen speichern sich im Haus. Man sagt doch nicht umsonst, dass irgendwo dicke Luft herrscht.“

Das beste Mittel, um Räume von negativen Energien zu reinigen, sei Räuchern. „Das ist wie Putzen. Man klärt den Raum von alten Energien und schafft Platz für Neues“, sagt Siebenförcher, der sich dabei auf eine jahrtausendalte Tradition beruft. Im babylonischen Reich, der römischen Antike und natürlich auch in der katholischen und den orthodoxen Kirchen war und ist Räuchern Teil des Ritus, es steht für einen Neuanfang. „Grundsätzlich kann man mit allem räuchern, mit Harzen, Kräutern und Früchten. Allerdings hat alles eine unterschiedliche Wirkung“, sagt der Berater. Räuchern könne jeder, etwas falsch machen könne man eigentlich nicht.

Jede Räucherung besteht aus drei Stufen: reinigen, harmonisieren und energetisieren. Zu jedem Schritt bietet Siebenförcher in seinem Online-Shop die jeweils passenden Kräutermischungen an – gereinigt wird unter anderem mit Salbei und Myrrhe, neue Energie auf emotionaler Ebene verspricht zum Beispiel das Potpourri „Sternentanz“ mit Sandelholz und Apfel.

Schlechte Stimmung im Haus – doch dank „Sternentanz“, „Lebenstraum“ oder „Erdenkraft“ für jeweils 18,90 Euro je 25 Gramm verflüchtigt sich die dicke Luft? So einfach sei es natürlich nicht. „Manchmal ist die Situation so vertrackt, dass ich sie nicht auflösen kann“, sagt er und nennt als Beispiel ein österreichisches Dorf mit vier Höfen, deren jüdische Vorbesitzer zur Zeit des Nationalsozialismus brutal enteignet wurden, während die Nachbarn sich bereicherten. Eine Familie, die vor einigen Jahren neu dorthin gezogen war, ohne die Vorgeschichte zu kennen, hatte ihn gerufen, weil sie die negative Stimmung nicht ertrug. „Das konnte ich nicht auflösen, die emotionalen Verletzungen waren zu tief“, sagt Siebenförcher.

Manchmal steckt der quälende Geist gar nicht in den Wänden

Vor allem nach Todesfällen hat das Räuchern von Räumen eine Tradition, die selbst dort noch lebendig ist, wo man es nicht unbedingt vermutet – zum Beispiel in einem Frankfurter Altersheim. „Ich habe gerade eben einen Raum nach einem Todesfall geräuchert“, sagt Jutta Schmid-Schumann, als sie im Haus Aja Textor-Goethe ans Telefon geht. Seit etwa zehn Jahren wird ein Zimmer nicht nur ausgeräumt und frisch gestrichen, wenn der Bewohner verstorben ist, sondern auch geräuchert. „In einer Wohnung bleibt etwas von der Wesenheit des Menschen zurück, der dort gelebt hat. Man spürt, ob er am Ende gelöst oder verzweifelt war“, sagt Schmid-Schumann, die als ehemalige Krankenschwester und Sterbebegleiterin viele Menschen auf dem letzten Weg erlebt hat.

Um die Atmosphäre zu reinigen, räuchert sie nun schon seit vielen Jahren ehrenamtlich. Dabei folgt sie einem bestimmten Ritual: „Wenn der Raum leer ist, schließe ich die Fenster und stelle eine Kerze aufs Fensterbrett. Dann spreche ich das Vaterunser und denke an den Menschen. Dabei entzünde ich Holzkohle mit etwas Weihrauch, und während der Rauch aufsteigt, verabschiede ich den Menschen, und der Raum reinigt sich für den neuen Bewohner“, beschreibt Schmid-Schmumann das Procedere.

Dass es unbewusste Wechselwirkungen zwischen einem Menschen und seiner direkten Umgebung gibt, davon ist auch Walter von Lucadou überzeugt. Der Physiker und Psychologe leitet die mit Landesmitteln unterstützte Wissenschaftliche Gesellschaft zur Förderung der Parapsychologie in Freiburg und ist Deutschlands bekanntester Spukforscher. Er begründet die beschriebenen Phänomene mit der „Embodiment-These“: Der Mensch sei eingebettet in seine Umwelt, reagiere nicht nur auf akustische und visuelle Reize, sondern auch auf die Lage des Grundwassers, seismische Schwingungen sowie biologische Faktoren, die unbewusst wahrgenommen würden. Dazu kämen psychologische Einflüsse. „In allen Kulturen werden Häuser gemieden, in denen schlimme Dinge passiert sind“, sagt Lucadou. Den auch auf Nachfrage verschwiegenen Selbstmord des Vorbesitzers habe ein Gericht schon als Grund für die Rückabwicklung eines Hauskaufs akzeptiert. Davon, dass in Häusern unerklärliche Dinge passieren, ist der Psychologe überzeugt. Davon, dass Rauch sie vertreibt, jedoch nicht. „Durch das Räuchern werden die Störungen nur maskiert, sie verschwinden nicht“, sagt Lucadou. Meistens lasse sich ein Spuk auflösen, wenn die betroffene Person das dahinter liegende Problem löse. Denn der quälende Geist stecke nicht in den Wänden, sondern im Mensch selbst.

Quelle: F.A.S.
Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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