Wohnen und Klimawandel

„Wir sollten nicht auf große Fenster und helle Wohnungen verzichten“

Von Kim Maurus
03.08.2019
, 11:18
Wie wohnen wir zukünftig, wenn die Temperaturen weiter steigen? Der Schweizer Architekt Gianrico Settembrini erklärt, wieso wir beim Häuserbau umdenken müssen – und welche Gewohnheiten dabei nicht helfen.

Herr Settembrini, ist Ihr eigenes Haus für den Klimawandel gewappnet?

Ich wohne zur Miete in einem Altbau und unsere Studie hat gezeigt, dass Altbauten typologisch besser auf den Klimawandel reagieren als Neubauten. Das liegt daran, dass sie einen geringeren Fensteranteil – im Verhältnis zum Fassadenanteil – haben als Neubauten. Deswegen kann das Haus, in dem ich wohne, mit weniger Fenstern, die dafür nachts gut zu öffnen sind, sehr wahrscheinlich als klimawandeltauglich bezeichnet werden.

Welche Temperaturen sollten Innenräume in Wohnungen und Häusern nicht überschreiten?

Unsere Studie basiert auf Schweizer Normen, die besagen, dass in Wohnbauten eine Behaglichkeit von bis zu 26,5 Grad zu gewährleisten ist. In unsere Berechnungen gehen Zeiträume, in denen mehr als 26,5 Grad herrschen, als Überhitzungsstunden ein. Studien belegen, dass die Produktivität von einer gewissen Temperatur an stark abnimmt. Und es gibt Untersuchungen in Bezug auf die Gesundheit: Je höher die Temperatur ist, desto höher ist auch die Sterblichkeitsrate der Menschen. Das Schweizer Tropeninstitut hat Studien gemacht, die zeigen, dass zwischen Hitzewellen und der Anzahl von Todesfällen eine Korrelation besteht.

Bei der letzten Hitzewelle wurden in Teilen Österreichs Schienen weiß angemalt, um sie vor dem Verbiegen zu schützen. Sind dunkle Elemente an Häusern – Dachziegel etwa, wie wir sie hier in Deutschland haben – nicht eigentlich unsinnig?

Es gibt verschiedene Studien, die belegen, dass in den Städten die Temperatur viel höher ist als auf dem Land, unter anderem weil man in der Stadt versiegelte und dunkle Flächen hat. Wir sind mit dem grundsätzlichen Problem konfrontiert, dass Gebäude in der Schweiz, in Österreich und Deutschland bisher auf die Wintersituation konzipiert waren, also gegen die Kälte schützen sollten. In Zukunft wird der Behaglichkeitsaspekt im Sommer immer wichtiger werden. Für die Sommermonate spielen ganz viele Aspekte eine Rolle: die Farbgebung und die Begrünung in den Städten beispielsweise. Gebäude sollten außerdem so ausgerichtet werden, dass kühlende Winde durch die Städte gehen können. In der Altstadt zum Beispiel spielt aber natürlich nicht nur die Energieeffizienz eine Rolle, sondern auch die Ästhetik, das Stadtbild, damit das alles zusammenpasst.

Was würde Sie einer Familie raten, in was für ein Haus sie ziehen sollte?

Ein Haus, bei dem man sich bei der Planung Gedanken um die Lebensdauer dieses Hauses gemacht hat. In unserer neuen Studie untersuchen wir beispielsweise den bewussten Umgang mit Fensterflächen. Das Ziel wäre natürlich, die Gebäude so zu konzipieren, dass der Fensteranteil gleich bleibt wie in modernen Häusern, aber anders verteilt wird. Im Winter ist es gut, gegen Süden große Fensterflächen zu gestalten, damit man passive solare Gewinne erzielen kann und sich die Häuser aufheizen können. Für die Zukunft wird es vielleicht sinnvoller sein, Fensterflächen auf die Nordseite zu setzen. Wir sollten allerdings nicht auf die Vorteile von großen Fensterflächen und die hellen Wohnungen verzichten. Bei Fenstern ist das ganz typisch, energetisch haben sie eine große Bedeutung, aber sind gleichzeitig auch für das Gefühl, die Harmonie und die visuelle Behaglichkeit im Raum extrem wichtig.

Kann man sich von südeuropäischen Ländern abgucken, wie das Äußere und die Beschaffenheit von Häusern sein müssten?

Von der traditionellen Architektur kann man extrem viel lernen. Wir werden Mitte des Jahrhunderts in der Schweiz und auch in Deutschland etwa das Klima von Nord- und Zentralitalien haben. Die Italiener werden das Klima von Nordafrika haben. Wenn wir die traditionellen Bauten in Nordafrika analysieren, sieht man, dass dort sehr entschieden mit Windrichtungen und der Idee der Auskühlung in der Nacht gearbeitet wurde. Wenn wir die Gebäude in der Nacht durch Winde wieder abkühlen können, dann sind wir für den Klimawandel absolut gewappnet. Nun müssen wir natürlich lernen, wie man damit umgeht, weil man sich sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz bisher nicht auf die Nachtauskühlung der Gebäude fokussiert hat. Also, dass man etwa mit Klappen Luft durch die Gebäude ziehen kann. Die weißen Gebäude in Griechenland sind ein gutes Beispiel dafür, weil natürlich beim Bau angedacht war, dass weiß die ideale Farbe bei so viel Sonnenstrahlung ist, damit sich da nicht noch zusätzlich Hitze bildet zwischen den Häusern.

Kann man denn Fehler beim Lüften machen?

Idealerweise sind Wohnungen so konzipiert, dass es einen Luftstrom geben kann, wenn man Fenster in verschiedenen Räumen öffnet. Natürlich sollte man die Fenster dann öffnen, wenn die Außentemperatur niedriger ist als die Innentemperatur. Dann kann sich die Speichermasse des Gebäudes abkühlen. Aber es gibt andere Faktoren, die da mit reinspielen: In Städten kann man nicht unbedingt das Fenster aufmachen, sei es wegen akustischer Belastung oder aus Gründen des Einbruchsschutzes. Den Sonnenschutz herunterziehen, wenn die Sonne scheint, ist nicht möglich, wenn niemand zuhause ist. Wenn man schon um fünf Uhr morgens raus muss, dann muss man die Fenster frühzeitig wieder schließen. Das sind alles Komponenten, die die optimale Kühlung verhindern. Eine Automatisierung der Systeme wäre da auch eine Lösung, die man analysieren müsste.

Im Winter sollen Wände Wärme möglichst gut speichern, im Sommer braucht man es möglichst kühl. Geht das überhaupt zusammen?

Im Winter müsste man die Sonnenstrahlen reinlassen und gut speichern, im Sommer muss man das verhindern, damit sich die Wohnung den Tag über nicht aufheizt. Bei der Planung ist sehr wichtig, das man die Sonneneinfallswinkel beachtet und man dann mit beweglichem Sonnenschutz reagieren kann. Sonst hat man die Schwierigkeit, die hohe Temperatur wieder herauszubringen, wenn im Sommer die Sonnenstrahlungen die Speichermasse aufheizen. Also in Sachen Kühlung gibt es Ansätze, wie man beispielsweise Erdsonden nutzen kann, um eine Kühlung im Haus mit den niedrigeren Temperaturen in der Erde zu erzielen.

Können Klimaanlagen da Abhilfe schaffen oder ist die elektronische Kühlung mehr Fluch als Segen?

Es gibt einerseits das energetische Problem, dass Klimaanlagen sehr viel Elektrizität brauchen. Aber es gibt auch Studien, die belegen, dass durch Klimaanlagen die Gesundheit Schaden nehmen kann, sehr wahrscheinlich auch wegen der Temperaturschwankungen, die den Körper beim Raus- und Reingehen belasten. Das ist die medizinische Seite. Unser Ansatz ist eher, dass man, bevor man sich über die Folgen von Klimaanlagen schlau macht, Gebäude plant, die gar keine Klimaanlagen brauchen. Man sieht in den südeuropäischen Ländern, wie sich das in die andere Richtung wandelt. Es gibt immer mehr Klimaanlagen, die sind sowohl ästhetisch ein Problem, als auch energetisch. Und es gibt amerikanische Studien, die belegen, dass Städte wie Phoenix in Arizona aufgrund der Klimaanlagen, die in die Häuser eingebaut wurden, 1,5 Grad wärmer sind, als sie es ohne wären. Diese 1,5 Grad haben dann wieder einen direkten Einfluss auf die Gesundheit in der Stadt, und unter anderem eine höhere Sterblichkeitsrate zur Folge.

Glauben Sie, dass wir uns in Zukunft an die höheren Temperaturen gewöhnen?

Es gibt Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass sich Menschen an die höheren Temperaturen gewöhnen und die Behaglichkeitsgrenze dementsprechend irgendwann angehoben werden muss. Meiner Erfahrung nach – nachdem, was ich auf Reisen in südlichen Ländern und meiner Zeit in Südamerika gesehen habe – ist dem Menschen die Behaglichkeit sehr wichtig. Sobald die Leute so wohlhabend sind, dass sie es sich leisten können, kühlen sie ihre Wohnbauten. In Brasilien sind die Menschen in die Shoppingcenter und Kinos gegangen, weil die eben gekühlt waren – auch wenn der Mensch eigentlich fähig wäre, eine höhere Temperatur zu akzeptieren. Ich komme aus Italien. Als ich früher als Jugendlicher bei meinen Verwandten war, saß man da im Sommer in dunklen Wohnungen und versuchte, möglichst wenig Licht reinzulassen und die Fensterläden zu schließen. Wenn ich sie jetzt besuche, sind die Wohnungen hell, die Fensterläden offen und es läuft eine Klimaanlage, obwohl das die gleichen Gebäude sind und es möglich wäre, mit ganz einfachen Mitteln auch behagliche Temperaturen zu haben. Wenn wir heute sehen, wie günstig Klimaanlagen und Ventilatoren sind, die auch immer ausverkauft sind, sobald es im Sommer ein bisschen heißer wird, glaube ich, dass der Mensch sich einfach die Behaglichkeit leisten wird.

Gianrico Settembrini ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Technik & Architektur am Institut für Gebäudetechnik und Energie an der Hochschule Luzern.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Maurus, Kim
Kim Maurus
Volontärin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot