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Die Zukunft des Reisens

Machen wir schon bald Urlaub auf dem Mond?

Von Sibylle Anderl
 - 21:51

Welchen ökonomischen Wert hat der Blick aus dem Fenster? Jong-Jin Kim und Jean Wineman von der Universität Michigan wollten es 2005 genau wissen und machten eine Umfrage unter Managern von Hotels, Bürogebäuden und Wohnkomplexen. Ihr Ergebnis: Die Qualität des Ausblicks spielt für den Mietpreis von Büros und Wohnungen eine große Rolle – weit weniger dagegen für Hotels. Die Ursache für diesen Unterschied scheint nach Ansicht der Wissenschaftler auf der Hand zu liegen: „Weil Hotelunterbringungen natürlicherweise von eingeschränkter Dauer sind, mögen Kunden weniger Wert oder Aufmerksamkeit auf den Blick legen, wenn sie Hotels beurteilen oder bewerten.“

Ausgerechnet die teuersten Hotels der Welt werden diesen Befund aber aller Voraussicht nach in den kommenden Jahren widerlegen: Ihre Lage ist zwar im Hinblick auf mögliche Unternehmungen außer Haus überaus ungünstig, dafür bieten sie aber den exklusivsten Fensterblick, den man sich überhaupt vorstellen kann. Die Rede ist von sogenannten „Space Hotels“ – Hotels im nahen Erdorbit mit Blick auf unseren Heimatplaneten oder alternativ in die dunklen, unergründlichen Tiefen des Alls.

Die schönste Murmel, die man sich vorstellen kann

Generationen von Raumfahrern haben diesen Blick immer wieder eindrücklich beschrieben. „Mit größerer Entfernung wurde die Erde immer kleiner. Schließlich schrumpfte sie auf die Größe einer Murmel – der schönsten Murmel, die du dir vorstellen kannst. Dieses schöne, warme, lebende Objekt sah so zerbrechlich aus, als ob es zerkrümeln würde, wenn man es mit dem Finger anstieße. Das zu sehen, muss einen Menschen verändern“, hatte beispielsweise der Apollo-Astronaut James Irwin 1971 berichtet.

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Diese prägende Erfahrung, die im Orbit zudem vom nicht weniger eindrucksvollen Erlebnis der Schwerelosigkeit begleitet wird, ist schon seit 2001 nicht mehr allein professionellen Raumfahrern vorbehalten. In dem Jahr war der amerikanische Geschäftsmann Dennis Tito als erster Weltraumtourist zum Preis von 20 Millionen Dollar zur Internationalen Raumstation ISS geflogen. Die ISS ist als Forschungsstation allerdings nicht darauf ausgelegt, ihren Insassen einen besonders angenehmen und luxuriösen Aufenthalt zu ermöglichen.

Diese Marktlücke eines Weltraumhotels im eigentlichen Sinne wollen nun mehrere Unternehmen in den kommenden Jahren schließen. Als erstes Luxushotel im Orbit ist die „Aurora Station“ der in Houston beheimateten Firma Orion Span angekündigt. Wie im Frühjahr bekanntgegeben wurde, soll die Station 2021 ins All geschickt werden, um bereits 2022 die ersten Gäste willkommen zu heißen. Dabei wirbt die Firma damit, dass sie die Kosten für das Design und die Herstellung der Raumstation durch neue Technologie erheblich reduzieren konnte. Die Station, die zunächst als knapp elf Meter lange Röhre mit einem Durchmesser von rund vier Metern geplant ist, soll außerdem je nach Bedarf erweiterbar sein und sich so mit der Zeit dynamisch immer weiter vergrößern. Die preiswertesten zwölftägigen Aufenthalte sollen „all inclusive“ – also die Anreise inbegriffen – 9,5 Millionen Dollar kosten, knapp 800.000 Dollar pro Nacht. Als Vorbereitung ist ein dreimonatiges Training in Houston notwendig.

Die Anmeldelisten sind geöffnet, gegen eine Anzahlung von 80.000 Dollar kann man sich als Weltraumgast vormerken lassen. Geboten wird diesem neben atemberaubendem Ausblick und der Schwerelosigkeit die Möglichkeit, eigenes Essen anzupflanzen oder im Holodeck in virtuelle Realitäten abzutauchen, wie Orion Span auf ihrer Webpage verlauten lässt. Wer nach einer noch exklusiveren Option Ausschau hält, der ist allerdings bei dem texanischen Unternehmen Axiom Space besser aufgehoben. Dessen geplantes Hotelmodul soll 2022 an die internationale Raumstation andocken. Hier soll ein zehntägiger Aufenthalt 55 Millionen Dollar kosten.

Das Hotel kann dafür aber mit einem einzigartigen Innendesign überzeugen. Niemand Geringeres als der Designer Philippe Starck hat dafür die Wohnmodule in der Größe einer Telefonzelle mit cremefarbenen Polstern ausstaffiert. Gelbe Griffe sollen Halt bieten, das Licht wird mit Hilfe Hunderter Nano-LEDs flexibel an das Außenlicht angepasst, damit die täglich erlebbaren 16 Sonnenauf- und -untergänge perfekt in Szene gesetzt werden. In einer Aussichtskuppel am Ende der Raumstation soll sich die Gelegenheit für Häppchen und Cocktails bieten – die der Schwerelosigkeit standhaltenden Cocktailgläser wurden bereits entwickelt. Wenn die ISS im Jahr 2024 stillgelegt wird, soll das „Axiom Hotel“ eigenständig als Herz einer geplanten kommerziellen Raumstation im Orbit verbleiben.

Auch der amerikanische Hotelmogul und Milliardär Robert Bigelow plant eine Ausdehnung seines Imperiums in den Weltraum. Sein in Nevada ansässiges Unternehmen Bigelow Space Operations arbeitet an aufblasbaren Weltraummodulen, die, angedockt an die ISS, bereits getestet wurden. 2021 sollen zwei 17 Meter lange Module gestartet werden, die eine private Raumstation bilden werden.

Was die zunehmende Konkurrenz im Space-Tourismussektor für die Preisentwicklung bedeutet, wird sich zeigen. Dass der exklusivste Fensterblick der menschlichen Zivilisation in absehbarer Zeit ein Gut der breiten Masse werden wird, kann wohl dennoch ausgeschlossen werden. Die geplante W-Lan-Abdeckung in den Space-Hotels wird den Normaltouristen aber wohl immerhin in den sozialen Medien an der zunehmenden Bevölkerung des Alls teilhaben lassen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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