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Besuch auf einer Algen-Farm

Junges Gemüse

Von Denise Peikert
08.12.2017
, 14:14
Abguss: Sind die Algen reif, wird das grüne Wasser aus den Röhren zentrifugiert. Der entstehende Schleim kommt in den Trockner. Bild: Patrick Slesiona
Algen sollen das Nahrungsmittel der Zukunft sein. Klingt gut, ist aber leider nicht so einfach. Jörg Ullmann ist Farmer für Mikroalgen – und verkauft diese bereits als Nahrungsergänzungsmittel.

Wenn dieser Tag ein Teil der Weltrettung ist, dann ist er perfekt dafür. Jörg Ullmann tritt an die Luft und atmet prüfend ein: mild. Der Herbst hat die Landschaft schon grau gefärbt, aber noch zeigt das Thermometer entspannte 15 Grad. „Jetzt geht es uns wie allen Landwirten“, sagt Ullmann. „Wir gucken jeden Tag in den Himmel und fragen uns: Wie lange noch? Wann müssen wir ernten?“ Ullmann geht vorbei an dem Kohlenstoffdioxid-Tank, tritt ins Gewächshaus und steht zwischen Glasröhren, die links und rechts zu haushohen Wänden aufgestapelt sind. Noch ist Zeit bis zur letzten Ernte für dieses Jahr, ein paar Tage, vielleicht sogar Wochen.

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Ullmann ist Farmer, aber kein gewöhnlicher. Er baut Algen an, genauer: Mikroalgen. Sie sind kleiner als eine menschliche Blutzelle und mit bloßem Auge nur wahrzunehmen, wenn sie zu Häufchen von puderzuckriger Konsistenz aufgeschichtet werden. Chlorella heißt die Alge, die in dem 500 Kilometer langen Röhrensystem heranwächst. Sie färbt das Wasser grün, wird hauptsächlich genährt von Kohlenstoffdioxid und stetig herumgejagt von einer Pumpe. „Hier kommt überall Licht rein, aber der Dreck bleibt draußen“, sagt Ullmann und fährt über die dünne Staubschicht auf einer seiner Glasröhren.

Ullmann verkauft die Alge als Nahrungsergänzungsmittel, an Kosmetikhersteller und als Zusatzstoff für Smoothies. Chlorella ist Teil einer Verheißung, die noch weit darüber hinaus geht: Sie und ihre Geschwister sollen die wachsende Menschheit ernähren, das Klima retten, Volkskrankheiten ausrotten, Diesel ersetzen und sogar Kriege verhindern. Vom „Superstoff des 21. Jahrhunderts“ ist die Rede, vom „Nahrungsmittel der Zukunft“, vom „Superfood“ sowieso. Drunter macht's heute kaum noch ein angesagtes Lebensmittel. Deshalb überleben die meisten nur so lange als trendy, bis hippe Großstädter etwas Neues entdeckt haben.

„Das ist eine großartige Chance“

Für Ullmann steht fest: Der Alge wird das nicht passieren. Trotzdem geht es bei ihm auch eine Nummer kleiner. Ullman sagt oft, dass etwas „ein kleiner Knaller“ sei, aber meist spricht dann der Biologe in ihm, und er meint irgendeine Besonderheit der Algen. Zum Beispiel die, dass jedes zweite Sauerstoffmolekül in unserer Atemluft von einer Alge produziert wird. Geht es um die Weltrettungs-Idee, seufzt Ullmann. „Wenn in Kolumbien unterernährte Kinder überleben, weil sie jeden Tag Algenpulver essen, ist das eine großartige Chance“, sagt er. „Aber die Amerikaner sprechen dann immer gleich davon, dass das Kriege verhindern kann.“ Ullmann fängt lieber vor seiner eigenen Haustür an. Dort liegen Straßen, so gerade, als wären Seile über die Landschaft gespannt. Ullmanns Algenfarm steht im 10.000-Einwohner-Ort Klötze in Sachsen-Anhalt, in einem von nur vier Bundesländern, die zu mehr als 60 Prozent aus Feldern, Wiesen und Bauernhöfen bestehen. Mais wird angebaut, Weizen und Roggen. Zwischen fünf und acht Tonnen Essbares wirft ein deutsches Getreidefeld pro Hektar im Jahr ab. „Wir schaffen 30.000 bis 50.000 Tonnen Biomasse im Jahr“, sagt Ullmann. 1,2 Hektar groß ist sein Gewächshaus – pro Hektar entstehen demnach mindestens 25.000 Tonnen Algen im Jahr.

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Acht Tonnen gegen 25.000 Tonnen - dieses Verhältnis ist einer der Gründe für die Hoffnungen, die Forscher in Algen setzen. Denn während die Menschheit wächst, stagniert seit Jahren die Fläche auf der Erde, die landwirtschaftlich genutzt wird. Dank der modernen Landwirtschaft geben die Böden mehr her als vor ein paar Jahren, aber unendlich kann man den Ertrag nicht steigern. Und: 71 Prozent der Oberfläche des Planeten sind Meer.

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Dort wachsen natürlicherweise Algen. Aber das ist, landwirtschaftlich gesehen, nicht ihr einziger Vorteil. Sie können nicht nur horizontal angebaut werden, sondern theoretisch sogar vertikal. Sie benötigen nur einen Bruchteil der Wassermenge, die der Anbau von Soja verlangt – ganz zu schweigen von den Mengen, die man für die Aufzucht von Rindern braucht. Und Algen wachsen zehn bis 30 Mal schneller als Landpflanzen. „Es gibt Schätzungen, dass nur zwei Prozent der Meeresfläche ausreichen könnten, um zehn Milliarden Menschen zu ernähren“, sagt Ullmann. Algenanbau im Meer, okay. Aber hier, in Sachsen-Anhalt, ungefähr 150 Kilometer Luftlinie von der nächsten Küste entfernt?

Tatsächlich schien die Idee zunächst seltsam – wie so viele Ideen in der Nachwendestimmung der neunziger Jahre, als aus Überschwang rasch Resignation wurde. Im Jahr 1999 wurde die Algenfarm gegründet. Das Glasröhrensystem, die Photobioreaktoren – eine Idee des Firmengründers. Auf dem Gelände gibt es eine artesische Quelle, 45 Meter tief, unter dem Grundwasserspiegel. Aber die Zeit war 1999 noch weniger reif für Algen, als sie es heute ist. Die Farm ging pleite. Vom Neustart im Jahr 2004 an war Jörg Ullmann mit dabei, heute ist er Geschäftsführer der Algen-Farm, die inzwischen zum französischen Unternehmen Roquette gehört. Weil man heute mehr Algen verkaufen könnte, als das Gewächshaus hergibt, planen Ullmann und Roquette nun eine Zweigstelle in Mecklenburg-Vorpommern.

Chlorella in Pulverform

Theoretisch könnte so eine Algenfarm überall stehen – auch in der Wüste, auch da, wo Landwirtschaft durch das launischer werdende Klima zunehmend schwierig wird. Aber es ist eine Kunst, wie Ullmann und seine Kollegen den Glasröhren die Chlorella abringen. Die geht, kurz gerafft, so: Erst werden die Algen behutsam und unter Dauerlicht im Reagenzglas kultiviert und später in kleineren Photobioreaktoren erstmals einer Mischung aus Kunstund Tageslicht ausgesetzt. Dann geht es ins Gewächshaus. Eine Chlorella-Zelle teilt sich hier am Tag in zwei bis 16 Töchter. Bald schwimmen etwa 100 Kilogramm Biomasse in einem der insgesamt 19 Reaktoren. Wenn die Zeit reif ist, wird geerntet, das heißt: Wasser ablassen, zentrifugieren, den so erzeugten grünen Schleim trocknen. „Dann ist sie auch schon fertig“, sagt Ullmann, „die Chlorella in Pulverform.“ Zu 50 Prozent Protein, ein Vitamin-B12-Anteil wie sonst in fast keinem Lebensmittel, rund 50 Euro das Kilogramm.

Die Spirulina, eine Alge mit vergleichbaren Eigenschaften, hat Ullmann zusammen mit einer Hilfsorganisation in einer Messerspitzen-Dosis täglich an unterernährte Kinder in Kolumbien verabreicht. Alle legten innerhalb von vier bis sechs Wochen an Gewicht zu, Symptome der Mangelernährung verschwanden oder wurden geringer. Kann ein Löffelchen Pulver aber auch in der westlichen Welt, in der zu viele Menschen zu viel essen, vor allem zu viel Fleisch, tatsächlich ein Problemlöser sein?

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Sieben Autostunden von Klötze entfernt, am nördlichen Ende der Insel Sylt, arbeitet ein Mann, der daran nicht so richtig glaubt. Klaus Lüning forscht am AlfredWegener-Institut für Polar- und Meeresforschung auf Sylt, und auch er baut Algen an: in Wasserbottichen, die mit Seilen ausgelegt sind. Lüning hält die Theorie, dass Algen das Ernährungsproblem der Welt lösen werden, „selbstverständlich für eine Utopie“. Der Grund: „Der Aufwand bei Mikroalgen steckt in der Ernte.“ So sei zwar das Produkt, die Chlorella zum Beispiel, ein enorm energiereiches Lebensmittel, aber auch enorm teuer. Tatsächlich kosten selbst die billigsten Mikroalgen aus China auf dem Weltmarkt etwa 15 Euro pro Kilogramm. Die gleiche Menge Sojaschrot gibt es, selbst aus nicht-genmodifiziertem Anbau, pro Kilogramm schon von 50 Cent an.

Kommt es auf uns alle zu?

Lüning züchtet in seinen Bottichen eine Art Algen, die einem bekannter vorkommen als die Einzeller in der Algenfarm in Klötze: große, meist grüne oder braune Meeresblätter, die sogenannten Makroalgen. In Asien, wo die mit Abstand meisten Algen produziert und geerntet werden, ist es üblich, diese Algen zu essen. Europäer kennen inzwischen zwar die Nori-Blätter, die meist aus der PorphyraAlge stammen und beim Sushi das Reis-Fisch-Gemisch zusammenhalten. Beim Anblick dessen allerdings, was Lüning anbaut und was auch Ullmann gern zu Demo-Zwecken auf Tellern anrichtet, muss der schnitzelsozialisierte Deutsche erst mal schlucken: Meeressalat, Dulse, Riementang, Kombu und Wakame - alles ziemlich glibbriges Zeug, das nach Fisch riecht und sich in alle Richtungen zerknautschen lässt. Und das sollen nun also alle essen, nicht nur ernährungsbewusste Großstädter, die ihren Speiseplan am guten Gewissen ausrichten?

In Klötze lächelt Jörg Ullmann, wenn er die Frage hört. Er erzählt von einer Begegnung im Dorf, eine Stunde von der nächsten Autobahn entfernt. Eine Frau, „eine Konservative“, habe ihn angesprochen und gesagt: Sie esse zwar noch keine Algen – aber sie habe das Gefühl, dass das auf uns alle zukomme und dass man sich damit auseinandersetzen müsse.

Trotzdem: Ullmann ist Realist. Auf deutschen Tellern wird wohl auch künftig eher ein fleischiges Drei-Komponenten-Essen landen. Deswegen macht er Lobby-Arbeit für den Salat aus dem Meer. Vorträge wie auf der Nachhaltigkeitsmesse im März in Zürich gehören dazu. Mit den Kindern um Klötze schöpft Ullmann gern Papier aus Algen. Er hat einen Weltalgentag ins Leben gerufen, und demnächst soll auf dem Firmenzentrum eine Algen-Erlebnis-Welt entstehen. 100 Gramm Chlorella-Tabletten aus Sachsen-Anhalt kosten immerhin 28 Euro. Ullmann, der die Algen als Biologiestudent eher langweilig fand, treibt inzwischen aber nicht nur wirtschaftlicher Spürsinn an, sondern auch echte Begeisterung.

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Wie vor fünf Jahren, für ein Experiment, das eigentlich schief ging. Forscher, die mit der Chlorella experimentierten, waren damals auf der Suche nach einer fettreichen Variante. Gute Omega-3-Fettsäuren sollte die Züchtung enthalten, möglichst viele. Das gelang auch, halbwegs jedenfalls. Man erzeugte eine Chlorella mit mehr als 50 Prozent Fettanteil - nur war der Nährstoff in etwa so zusammengesetzt wie in Olivenöl. Also: „Kein echter Knaller“, wie Ullmann sagt. Allerdings: Das Ergebnis des Algen-Experiments eignet sich beim Backen als Ersatz von Butter und Ei. „Gleicher Geschmack, gleiche Konsistenz“, sagt Ullmann. Bei einer Blindverkostung habe ein AlgenBrioche für viele „frischer“ und „softer“ geschmeckt als die herkömmliche Variante – bei 70 Prozent weniger Fett und 25 Prozent weniger Kohlenhydraten. Der Ei-Ersatz, „Bobei“ genannt („Backen ohne Butter und Ei“), gewann im vergangenen Jahr auf der Messe Veganfach den Vegan Innovation Award.

„Die grüne Gefahr“

Allerdings haben Algen auch eine dunkle Seite. Sie filtern aus dem Wasser nicht nur die guten Sachen heraus, sondern auch die nicht uneingeschränkt guten – und die definitiv schlechten. Jod gehört zur ersten Kategorie, Schwermetalle wie Blei und Arsen zur zweiten.

„Die grüne Gefahr“: So überschrieb die Stiftung Warentest vor einigen Jahren eine Untersuchung von Algenpräparaten. Sie enthielten viel weniger Vitamine als von den Herstellern angegeben, dafür aber Stoffe, die Leber, Niere und Gehirn schädigen können. Vor dem hohen Jodgehalt in vielen Algen warnte das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) erstmals 2012. Außerdem, hieß es in einem BfR-Bericht von 2013, „ist davon auszugehen, dass Algen in besonderem Maße Schwermetalle aus dem Wasser anreichern“. In 40 untersuchten Proben von Algenpräparaten fanden die Forscher damals erhöhte Blei-Werte.

Ist es also nicht nur leicht utopisch, sondern auch noch gefährlich, Algen als Lebensmittel der Zukunft zu bewerben? Sascha Rohn, Professor für Lebensmittelchemie an der Universität Hamburg, sagt: „Bei Algen, die aus irgendwelchen Tümpeln in Asien oder aus verschmutzten Meeresbuchten kommen, muss man vorsichtig sein.“

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Allerdings: Algen aus Farmen wie der von Ullmann, wo die Chlorella unter Laborbedingungen in Quellwasser heranwächst, seien „natürlich sauber“. Das Problem dabei: So einfach ist es zur Zeit noch nicht, die einen von den anderen zu unterscheiden.

Deshalb wird auf europäischer Ebene an einheitlichen Standards für Algenprodukte gearbeitet. Künftig soll klar sein, wie viel Jod in einer in Europa verkauften Alge drin sein darf, und dass sie auf Schwermetalle getestet sein muss. Bis dahin raten Forscher Rohn und Hersteller Ullmann, nur Algen von Produzenten zu kaufen, die Herkunft und Zusammensetzung ihrer Produkte offenlegen.

Wer die richtige Alge für seinen Salat sucht, muss da nicht viel telefonieren - noch ist der Algenmarkt in Deutschland klein. Neben Ullmanns Farm gibt es kaum weitere Erzeuger. Rohn spricht von „kleinen Garagenfarmen“. In der Nähe von Hamburg zum Beispiel stellt ein kleines Start-up unter anderem eine vegane Bratwurst aus Algen her. Und dann gibt es noch Klaus Lüning und seine Wasserbottiche auf Sylt. Der Meeresbiologe versucht, eine jodarme Variante des Brauntangs zu züchten und in Deutschland marktfähig zu machen. Einige Restaurants aus der Umgebung kaufen seine Algen schon, aber der deutschlandtaugliche Brauntang, von dem nach Lünings Worten in China jedes Jahr fünf Millionen Tonnen geerntet werden, ist noch fern. Er ist froh, wenn ein paar Leute in den nächsten Jahren ab und zu mal einen Algen-Salat essen. „Die Rettung der Menschheit ist das nicht“, sagt Lüning. „Aber ein kleines, feines Gemüse.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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