FAZ plus ArtikelWie wahr sind Wein-Mythen?

Bier auf Wein, das rat ich dir

Von Jakob Strobel y Serra
Aktualisiert am 20.11.2020
 - 14:07
Noch ein Mythos: Die Kandidatinnen bei der Wahl zur Deutschen Weinkönigin wie Anna-Maria Löffler aus der Pfalz sind keine Maskottchen, sondern Kennerinnen.zur Bildergalerie
Zum Käse nur rot, für Frauen nur weiß, und kein Qualitätstropfen hat einen Schraubverschluss: Es ist höchste Zeit, mit den Mythen und Irrtümern rund um den Rebensaft aufzuräumen. Die Kolumne Geschmackssache.

Das Besäufnis im Dienst der Wissenschaft spielte sich so ab: Knapp hundert Probanden mit voll funktionstüchtigen Lebern wurden an der Universität Witten/Herdecke in drei Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe trank am ersten Versuchsabend erst Wein, dann Bier, bis alle Teilnehmer 1,1 Promille intus hatten. Bei der zweiten Gruppe war es umgekehrt, während sich die dritte Gruppe ausschließlich Wein beziehungsweise Bier hinter die Binde kippte. Am zweiten Versuchsabend wechselte die Reihenfolge in den Gruppen, und jeweils am Morgen danach mussten die Probanden anhand von acht Parametern ihren körperlichen Zustand beschreiben. Das Ergebnis erschüttert den Volksmund: Es gibt keine medizinische Evidenz dafür, dass in der Faustregel „Bier auf Wein, das lass sein, Wein auf Bier, das rat ich dir“ auch nur ein Funken Wahrheit steckt – was die Sozialgeschichte allerdings schon immer gewusst hat, denn dieses Lebensmotto ist keine Trinkreihenfolge zur Katervermeidung, sondern eine Volksweisheit aus den Zeiten starrer Gesellschaftshierarchien: Als noch das einfache Volk Bier trank und Wein den besseren Ständen vorbehalten war, symbolisierte die Reihenfolge Wein auf Bier den sozialen Aufstieg, während Bier auf Wein für den sozialen Abstieg stand.

Um kein anderes Genussmittel wuchert ein solches Gestrüpp von Mythen und Irrtümern wie um den Wein, an dem schon die Mesopotamier und Altägypter Freude hatten, ohne aber seine Erfindung für sich in Anspruch nehmen zu können, weil man in Georgien und Persien noch ein paar tausend Jahre früher beim Schoppen zusammensaß. Überhaupt das Alter: Dass jeder Wein mit den Jahren besser wird, stimmt nicht. Die meisten Gewächse werden heute für den sofortigen Genuss gekeltert und müssen nach drei, vier Jahren getrunken sein, weil sie dann rapide an Qualität verlieren. Soll ein Wein hingegen ein großes Reifepotential haben, muss der Winzer auf viele Kriterien achten: die Qualität des Jahrgangs, den Erntezeitpunkt der Trauben, die Gesundheit des Leseguts, die Länge des Hefelagers, den Grad an Oxidation. Ein zehn Jahre alter Wein kann also sehr gut, aber auch sehr schlecht sein.

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

F.A.Z. PLUS:

  Sonntagszeitung plus

Diesen und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot