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Buch über Berliner Kneipen

Das Bier fließt und fließt und fließt

Von Robert von Lucius
Aktualisiert am 06.05.2017
 - 16:19
Mit Jazzbands und Schmalzstullen: Im „Yorckschlösschen“ ist die Zeit stehengeblieben, aber die Musik läuft weiter.
Von der Innenwelt zur Außenwelt: In Berlins Kneipen spielt sich das Leben ab – und tatsächlich, in kaum einer anderen Metropole gehen die Menschen häufiger in die Schänken. Ein Buch widmet sich nun Berlins Kneipentradition.

Berliner Kneipen sind eine andere Form der Unterhaltung, ein neutraler Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum, von der Innenwelt zur Außenwelt. Sie sind eine halböffentliche Enklave der Freiheit, zugleich Wohnzimmer und Bühne, in der man so etwas wie eine große Verwandtschaft und Nachbarschaft zugleich erlebt: gediegen in Charlottenburg und Wilmersdorf, bürgerlich und frei in Schöneberg und Friedenau, grün-rot-alternativ mit einem Schuss wild in Kreuzberg und Neukölln.

Wer diese Stadt verstehen will, kommt gar nicht umhin, seine Abende in Kneipen zu verbringen, offen für unerwartete Begegnungen.

Der Salzburger Philosoph und Geselligkeitstheoretiker Leopold Kohr hätte die Berliner Kneipen geschätzt. Seine Tavernenphilosophie hätte hier die „gleichmachende Ebene des Wirtshaustisches“ gefunden, die gesuchte Denkstätte fernab von elitärem Habitus, wo sich die eigenen Argumente stets der Überprüfung stellen müssen.

Eine solche Institution kann einfach nicht untergehen. Jedes vierte Wirtshaus in Deutschland hat im vergangenen Jahrzehnt geschlossen – in Berlin hat sich ihre Zahl im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends fast verdoppelt. Die Berliner Eckkneipe, Erbe einer proletarischen Großstadt, schwindet vor allem in Außenbezirken von Tempelhof bis Spandau. Sie wird ersetzt durch Cocktailbars und Szenetreffs. Das liegt auch am Nichtrauchergesetz, an gemäßigtem Trinkverhalten, höheren Mietpreisen, dem Zuzug von Neuberlinern, dem Touristenstrom auch aus dem Ausland im Dauerpartymodus.

Demographie, Gentrifizierung, Partyhauptstadt

Langsam entdecken auch die Jüngeren die alten Kneipen. Stammgäste sterben aus oder werden durch die Gentrifizierung aus dem Viertel gedrängt. Bisweilen öffnen die Schänken, die früher ihre Gäste schon zum Frühschoppen empfingen, nun erst am späten Nachmittag, bleiben dann aber bis weit nach Mitternacht geöffnet. Manche alten Wirte meinen, die jungen Gäste seien ihnen lieber. Sie trinken zwar nicht mehr, aber sie sind vergleichsweise belebend und pflegeleicht.

Vor einem Jahrhundert wurde das Stadtbild von den Kneipen geprägt. Damals kam statistisch in der „größten Mietskasernenstadt der Welt“ auf jedes zweite Grundstück eine Kneipe, Stehbierhalle, Bude, Destille. Für 157 Berliner gab es eine Schänke. Bier zählte zum Inventar des Kaiserreichs. Der spätere Reichskanzler Gustav Stresemann, Sohn eines Biergroßhändlers, schrieb eine Dissertation zur Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts. Berlin wurde um 1900 zur größten Braustadt des Kontinents mit Schultheiss/Patzenhofer als größter Brauerei der Welt.

Diese Zeiten sind vorbei. Und doch ist Berlin wieder zur deutschen Bierhauptstadt geworden – für viele Touristen steht die Stadt fürs Feiern. Hier gibt es nun viele Biermanufakturen und Bierakademien sowie Sudhäuser, die handgebrautes Craft-Beer anbieten. Wie schrieb ein Blogger so schön? „Und wer nicht Wirt wird, bleibt ewig Gast auf der dunklen Erde.“

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Von Robert von Lucius erscheint im Mai das Buch „Noch'n Bier? Alte Berliner Kneipen in Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg, Friedenau, Kreuzberg und Neukölln“, mit Fotos von Henning Kreitel (Mitteldeutscher Verlag, 160 Seiten, 12,95 Euro).

Quelle: F.A.Z. Magazin
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