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Weingut Glaser-Himmelstoss

Freak-Wein aus dem Familienbetrieb

Von Jakob Strobel Y Serra
Aktualisiert am 06.12.2019
 - 13:54
Weinlese auf dem Weingut Glaser-Himmelstoss.
Das Weingut Glaser-Himmelstoss gehört zu den Institutionen in Mainfranken, macht aber alles andere als museale Gewächse. Die Kolumne Geschmackssache.

Der berühmteste Herr Himmelstoß war im Zivilberuf Postbote, in der Weltliteratur Unteroffizier und als solcher in Remarques Klassiker „Im Westen nichts Neues“ ein sadistischer Quälgeist seiner Rekruten. Der zweitberühmteste Herr Himmelstoss – geschrieben mit zwei „S“ – war Droschkenkutscher in Wien, zog gleichfalls gen Westen, kam aber nur bis Würzburg und hatte dort Besseres zu tun, als seine Mitmenschen zu schikanieren: Er heiratete eine Winzertochter, brachte seinen Namen ins Weingut ein und sorgt bis heute dafür, dass man Himmelstoss nicht nur mit Schützengräben in Verbindung bringt, sondern auch mit Silvanern vom Dettelbacher Berg-Rondell und Rieslingen vom Nordheimer Vögelein – mit Frankenweinen also, denen in Berg und Keller möglichst wenig Gewalt angetan wird, weil sie nach den Prinzipien des Pazifismus gekeltert werden.

So ist es im Hause Glaser-Himmelstoss immer gewesen, das aus dem friedlichen Zusammenschluss zweier alteingesessener mainfränkischer Güter entstanden ist, und zwar in einer Zeit, als Liebe noch kein Algorithmus elektronischer Partnerbörsen war. Mitte der siebziger Jahre lernten sich Herrn Himmelstossens Urenkelin Monika und Wolfgang Glaser auf einem Weinfest kennen und stellten lebensverbindende Gemeinsamkeiten fest. „Ich habe sie gefragt, was sie so tut, und sie meinte, dass sie auch Weinberge habe“, sagt Wolfgang Glaser und schloss damals die Ehepartnersuche ab. Beide absolvierten eine Winzerlehre, fusionierten erst ihre Existenzen, dann ihre Güter und machen die Weine seit kurzem zu dritt mit Tochter Julia.

Das Talent zeigt sich früh

Dabei wollte sie zunächst gar keine Winzerin werden. Sie und ihre Zwillingsschwester hätten immer den Eltern helfen müssen, während ihre Freunde auf Partys gegangen seien, sagt Julia Glaser. Doch schon als Sechzehnjährige bewies die Tochter so viel Talent und Gespür bei der Familienverkostung der neuen Jahrgänge, dass ihr gar nichts anderes übrigblieb, als in Neustadt an der Weinstraße Weinbau zu studieren und nach Auslandssemestern in Kalifornien und Neuseeland in den elterlichen Betrieb einzusteigen, während sich ihre Schwester dem Wirtschaftsrecht zuwandte.

Es gibt Schlimmeres für eine Jungwinzerin, deren Familie vierzehn Hektar Spitzenlagen in Nordheim, Dettelbach und Sommerach bewirtschaftet, neunzigtausend Flaschen pro Jahr abfüllt und zu den Gründungsmitgliedern des fränkischen VDP, des „Verbands Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter“ gehört. Fast alle Rebstöcke stehen auf Muschelkalk mit unterschiedlich dicken Auflagen aus Quarzit, was ihnen eine prickelnde Salzigkeit und Mineralität verleiht. Sie ist bei den Gewächsen aus den Ersten Lagen vom Dettelbacher Berg-Rondell besonders ausgeprägt, das dank seiner Südostlage morgens in der Sonne und nachmittags im Schatten liegt und deswegen zu den wenigen kühleren Lagen an der Mainschleife gehört. Das lässt den Rondell-Silvaner zum Idealfall dieser fränkischen Urtraube werden, dicht und intensiv, mit einer kühlen Eleganz, einer Reife ohne Schwere und einer komplexen Länge.

An diese Perfektion reichen nicht alle Lagenweine heran; der Nordheimer Riesling vom Vögelein ist zu schmelzig, der Rieslaner von derselben Lage ein bipolares Gewächs, das sich zwischen Riesling und Silvaner nicht entscheiden kann. Dafür entschädigt der Gewürztraminer, der dank seiner Salzigkeit trotz aller Wucht und Kraft nicht zu dick und speckig wird und kraftvoll nach Rosen duftet.

Wilde und freakige Kreationen aus Nordheim

Purismus ist neben dem Pazifismus das zweite Leitmotiv des Hauses. Herbizide und Pestizide werden nicht verwendet, Kupfer wird nur einmal pro Saison gespritzt, der Humus aus dem natürlichen Grün zwischen den Rebstöcken aufgebaut und der Boden möglichst wenig bearbeitet. Um trotzdem ein maximal gesundes Lesegut ernten zu können, schneiden Vater und Tochter als Hauptverantwortliche im Weinberg das Laub großzügig weg, dulden höchstens ein Dutzend Triebe pro Stock und sorgen so für optimale Belüftung.

Heraus kommen dabei Ortsweine wie der Dettelbacher Riesling, der glockenklar und nur hauchzart angedeutet nach gelbem Steinobst schmeckt, oder der Dettelbacher Silvaner, der genauso glasklar ist, ein Wein für jeden Tag, von dem man eine Flasche nach der anderen trinken könnte. Mehr fränkische Fülle haben die Nordheimer Ortsweine, etwa der Silvaner mit dem Aroma unreifer Haselnuss oder die Scheurebe, der alle Süße und Fäulnis ausgetrieben wurde und die so klar und frisch wie ein Sauvignon Blanc schmeckt, ohne die Eigenwilligkeit ihrer Rebsorte zu verleugnen.

Ein Herz und eine Seele sind Vater und Tochter nicht immer, auch wenn sich beide darin einig sind, dass ihre Weine niemals die fränkische Herkunft verleugnen dürfen und die Mineralität des Muschelkalks unter allen Umständen dominant sein muss. Julia Glaser aber ist noch radikaler und experimentierfreudiger, würde zugunsten der Kühle und Klarheit auf die typisch fränkische Cremigkeit verzichten, hat sich zu Versuchszwecken ein paar Weißweine ins Barrique-Fässchen gelegt und zeigt mit den spontan auf der Beerenschale vergorenen Gewächsen, wohin die Reise geht: Ihr Müller-Thurgau ist ein wilder Bursche, ein Freak-Wein, sperrig, rauchig, rauhbeinig, ihr Silvaner ein genauso wildwüchsiger Kräutergarten in der Flasche, der auf Gefälligkeit verzichtet und stattdessen bis an die Grenze des Eigensinns seinem eigenen Weg folgt – nichts für jedermann, doch immerhin kann jetzt niemand mehr behaupten, in Nordheim gäbe es nichts Neues.

Über das Weingut

Weingut Glaser-Himmelstoss, Langgasse 7, 97334 Nordheim, Telefon: 09381/4602, www.weingut-glaser-himmelstoss.de

Quelle: F.A.Z.
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