Fastenzeit

Für mich bitte keinen Kuchen!

Von Johanna Dürrholz
07.03.2018
, 12:03
Fasten ist die bessere Diät
Einst machte man eine Diät und wurde dafür bemitleidet. Heute fasten fast alle, denn fasten gilt als sexy. Aber für wen tun wir uns das eigentlich an? Und wie wäre es stattdessen mit sozialem Fasten?
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Diese Woche brachte ein Kollege anlässlich seines Geburtstags Kuchen mit in die Redaktion. Eine schöne Tradition, am eigenen Ehrentage die anderen zu beglücken, sich für ein paar Minuten zusammenzusetzen und vielleicht über etwas anderes als die nächste Ausgabe zu quatschen. Erhebend waren auch die Kuchen, die da aufgefahren wurden: ein Schokoladenkuchen, so sanft und saftig und schokoladig, dass diese wenigen Minuten sich beinahe wie ein ganzes nahendes Wochenende gestalteten, und in Sachen Geschmack allerhöchstens übertroffen von seiner Begleitung, einem Käsekuchen von besonderer Cremigkeit. Was also ein zumindest aus kulinarischer Sicht vollendeter Tag zu werden versprach, lief sich dann leider doch nicht so richtig warm: Am Abend musste der arme Kollege diverse Kuchenstücke wieder mit nach Hause schleppen, und es steht zu befürchten, dass ihm an diesem seinem Geburtstagswochenende besagter Kuchen, wenn auch ganz besonders cremig und super schokoladig, aus den Ohren quoll und krümelte.

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Warum aber waren die Kollegen so wenig fress- und schokoladenwütig? „Tut mir leid, ich faste“, hieß es da immer wieder. Küsschen links, Gratulation rechts, Kaffee gern mit Sojamilch, aber Kuchen? Nein, danke. Das ist ja eigentlich nicht weiter verwunderlich, so in der Fastenzeit. Und gerade zu Beginn ebendieser Fastenzeit meinen viele Menschen es ja auch noch richtig ernst mit dem Verzichten. So wie es im Januar im Fitnessstudio immer wahnsinnig voll ist. Das bröckelt dann im Februar schon wieder und spätestens, wenn im März alle fasten, reicht die schwindende Kraft häufig nicht mehr, die Fitnessvorsätze auch noch einzuhalten.

Und so wie die Neujahrsvorsätze zu einem kulturübergreifenden Phänomen avanciert sind, liegt auch das eigentlich religiös geprägte Fasten unter eigentlich nicht mehr wirklich religiösen Deutschen voll im Trend: Ob es nun der Verzicht auf Zucker, Kohlenhydrate, Alkohol oder auf das Smartphone ist – auf irgendetwas verzichtet offenbar jeder, und sei es noch so marginal. Ja, manch eine fastende Person meinte gar, ihre Umwelt doch tatsächlich darüber aufklären zu müssen, dass sie in diesem Jahr „Facebook fastet“. Die Mitteilung ging raus an alle ihre Social-Media-Freunde. Via Facebook, versteht sich.

Das Gute an der Fastenzeit: Sie ist sozial überaus kompatibel. Auf das oft verschämt geäußerte Sätzlein „Ich bin auf Diät“ folgen hingegen neben schrägen Blicken oft gutgemeinte Einschätzungen des körperlichen Zustands der abnehmwilligen Person („Aber du hast das doch gar nicht nötig!“), die obligatorische Frage nach dem obligatorischen cheat day („Was? Also ohne cheat day könnte ich das ja nicht.”) oder aber der dezente Hinweis, dass man selbst noch nie, also wirklich noch nie . . . Während sie versichert, eine Diät wäre ihr „ja viel zu anstrengend“, streicht sich die Gesprächspartnerin dann gern ihre Bluse in Größe 34 glatt.

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Fasten hingegen ist sexy, Fasten bedeutet, dass man sich selbst im Griff hat, zwar nur für vierzig Tage, aber hey: Das hat selbst Ashton Kutcher unwiderstehlich gemacht. Verzicht kann schließlich sehr schwer sein. Der Verzicht auf schöne Dinge, auf Dinge, die wir nicht unbedingt brauchen, die aber Spaß machen, ist in einer Gesellschaft, die an schönen und überflüssigen Dingen nicht gerade arm ist, eine besonders große Herausforderung. Wer das schafft, beweist echte Willensstärke. Und die eigene Enthaltsamkeit kann dann glorios im Kreise der Mit-Fastenden gefeiert werden, indem das Fastenbrechen mit einem ausschweifenden Besäufnis am Osterwochenende oder auch einem kollektiven McDonald’s-Besuch zelebriert wird. Das hat man sich nach vierzig Tagen dann auch redlich verdient.

Warum Schokladenkuchen fasten, wenn man auch auf aufs Doof-Sein verzichten kann?
Warum Schokladenkuchen fasten, wenn man auch auf aufs Doof-Sein verzichten kann? Bild: Anna Jockisch

Selbstverständlich geht es beim Fasten im religiös-traditionellen Kontext um ein Entgiften, im körperlichen und im geistigen Sinn: ungesunde Gewohnheiten loslassen, sich von höheren Gedanken leiten lassen. Ursprünglich fastete man aber im Christentum neben den vierzig Tagen vor Ostern, der sogenannten „großen Fastenzeit“, sowieso zwei Tage in der Woche: mittwochs und freitags. Der Mittwoch erinnert an den Verrat Jesu, der Freitag an seine Kreuzigung. Und auch diese Tradition hat es wieder nach oben geschafft, raus aus den Archiven verstaubter christlicher Riten, rein in die Welt der Selbstoptimierer, denen jeder noch so profane Vorwand gerade gelegen kommt, sich selbst zu geißeln und noch fitter zu werden. Bloß heißt es heute, wenn man an fünf Tagen alles und an zwei Tagen gar nichts isst, Intervallfasten. Das klingt zugegeben auch schicker, als zu sagen: „Heute esse ich nichts, weil Judas Jesus verraten hat.“

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Sie schweben durch einen zucker- und spaßbefreiten Alltag

Und so treiben sie dahin, die Fastenden und Intervallfastenden: Frei von Wassereinlagerungen, fester Nahrung und Zwängen („Ich brauche kein Essen, um glücklich zu sein.“) schweben sie durch einen zucker- und spaßbefreiten Alltag. Allein, der ehemalig religiöse Brauch wurde von den Fitness-Influencern und Yoga-Lehrern dieser Welt zweckentfremdet. Während das Fasten vormals dem Entzug aus der Weltlichkeit und dem Rückbesinnen auf das Göttliche diente, konzentriert sich der heutige Fastende einzig und allein auf: sich selbst.

Betrachtet man dies einmal ganz nüchtern (aber bitte nicht auf nüchternen Magen!), könnten die fleißigen Fastenden doch wohl ganz andere Dinge zum Gegenstand ihres Verzichts machen, der dann den sagenumwobenen gesellschaftlichen Mehrwert mit sich brächte. Wie wäre es zum Beispiel mit dem Verzicht aufs Jammern? Das könnte gerade in Deutschland ein echter Renner werden. Angebracht wäre auch der Verzicht darauf, mit unheilvoll durch die Flure schallendem Röchelhusten zur Arbeit zu kommen und nichtsahnende Kollegen anzuatmen. Und, ebenfalls sehr sinnvoll, aber leider bisher nicht im Trend: Der Verzicht aufs Doof-Sein. Das wäre dann quasi soziales Fasten.

Weniger sozial waren dann die fastenden Kollegen, die nicht nur den armen Kuchenbäcker mit seinen meisterlichen Gebäcken nach Hause schickten, sondern mit ihrer Enthaltsamkeit diverse nicht fastende Kollegen, namentlich die Autorin, dazu brachten, ihrerseits sowohl aus Mitleid als auch aus Gründen der Nahbarkeit („Jetzt steht der Kuchen da immer noch”) sich so viele Stücke einzuverleiben, dass es ihr am Ende des Tages sehr, sehr schlecht ging. Die Autorin möchte hier also noch einmal für das sogenannte soziale Fasten plädieren, das fürderhin bedeutet: sich doch bitte ein Stück vom unvergleichlichen Schokoladenkuchen nehmen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin
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