Food-Blogger-Pärchen

Der Kochheld und die Küchenchaotin

Von Kathrin Hollmer
22.02.2018
, 12:31
Sie fotografiert, er macht die Verträge: Im Blogger-Haushalt von Mirja Hoechst und Jens Glatz herrscht Arbeitsteilung.
Tomaten vor der Linse: Wie lebt, arbeitet und konkurriert ein Paar, wenn beide ihren eigenen erfolgreichen Food-Blog betreiben? Ein Besuch bei Mirja Hoechst und Jens Glatz.

Es gibt ein Foto auf dem professionellen Instagram-Account von Jens Glatz, über das er und seine Verlobte Mirja Hoechst über mehrere Tage hinweg diskutiert haben. Es zeigt Mirja, die ihre Hand nach vorne streckt und ihren Verlobungsring vor die Kamera hält. „She said YES“, schrieb Jens dazu. Und: „I’m so happy.“ Ein Bild, das man sonst vielleicht auf dem privaten Facebook-Account oder in der Whatsapp-Familiengruppe teilt, gehört bei Mirja Hoechst und Jens Glatz zur beruflichen Inszenierung.

Die beiden gehören zu den bekanntesten Foodbloggern in Deutschland. Seit gut drei Jahren sind sie auch ein Paar. Ihre Websites könnten dabei nicht unterschiedlicher sein. Mirja Hoechst, 28, bloggt seit sieben Jahren unter kuechenchaotin.de. Mit einer Schwäche für „Butter, Nudelgerichte und alles, was knusprig und salzig ist“ beschreibt sie die Küche auf ihrem Blog. Jens Glatz, 41, bloggt als Ernährungs- und Fitnesscoach unter kochhelden.tv über Fitness- und Low-Carb-Rezepte und dreht dafür auch Videos. Mirja postet Rezepte für One-Pot-Pasta und Käsekuchen mit Kinderriegel-Stückchen, Jens schreibt über Low-Carb-Zucchini-Puffer und Acai-Bowls. Ihr Blog ist breit aufgestellt, er bedient ein Nischenthema. Sie kocht ausschließlich vegetarisch, er auch mit Fleisch und Fisch.

Auf einer Bloggerreise kamen sie sich näher

Wie ist das Leben als Foodblogger-Paar? Wenn man jedes Essen, jede Reise und jeden Tag gleichzeitig für seine Follower zurechtstylt, vielleicht sogar mitplant? Ein Besuch bei den beiden soll darüber Aufschluss geben.

Im November 2013 begegneten sich die beiden bei einer Blogger-Konferenz zum ersten Mal. „Ich fand es doof, dass auf seinem Blog bei vegetarisch deklarierten Rezepten ein Stück Fleisch auf dem Teller liegt, und habe ihn darauf angesprochen“, sagt Mirja über ihr Kennenlernen und lacht. „Das kann man ja weglassen“, antwortete Jens damals. Er sagt es auch heute.

Im August 2015 flogen beide für eine fünftägige Bloggerreise nach Kanada und kamen sich näher. Auf dem Rückflug beschlossen sie, dass sie es nicht bei einer Urlaubsliebe belassen wollen. Eine Fernbeziehung zwischen ihrem Wohnort in Kiel und seinem in Rudersberg bei Stuttgart kam für sie nicht in Frage, schon weil Mirja am Wochenende neben dem Bloggen als Hochzeitsfotografin und er werktags als Vertriebsleiter arbeitete. Mirja war damals schon selbständig. „Fotografieren und bloggen kann ich von überall“, sagt sie. Dennoch bedeutete ein Umzug, dass sie ihr Leben, ihre Freunde und Stammkunden in Kiel aufgeben musste. Sie probierte es einfach. Zurück in Kiel, packte sie ihren Koffer um und zog mit ihrem Kater Ernold zwei Tage später zu Jens nach Baden-Württemberg. Seitdem leben sie zusammen, seit Februar in einem Fachwerkhaus in Rudersberg, das sie zusammen gekauft haben. Im kommenden Jahr werden sie heiraten.

Ein Fotostudio im eigenen Haus

Im Kräutergarten hinter dem Haus wachsen Rosmarin, Thymian und Currykraut. Neben ihrem Arbeitszimmer im ersten Stock haben sie ein Fotostudio eingerichtet. Auf dem Küchenboden kleben pinkfarbene Streifen; sie markieren die Stellen für die Lampen, die sie auf die Küche ausrichten, wenn sie beim Kochen fotografieren oder filmen.

Dort kochen sie heute eine Variante eines der beliebtesten Rezepte auf Mirjas Blog: gebackene Süßkartoffeln mit Pilzen. „Die häufigste Frage zu dem Rezept war, wie man die Pilze ersetzen kann“, sagt Mirja. Darum will sie nun eine Version mit schwarzen Bohnen und Tomaten posten. Die Süßkartoffeln garen im Backofen. Mirja sitzt auf der Arbeitsplatte und tippt auf ihrem Laptop. Mit dem Zeigefinger deutet sie auf einen Korb mit Gemüse. „Schneidest du bitte schon mal die Tomaten?“, fragt Mirja. „Mit oder ohne Schale?“, will Jens wissen. „Und was hältst du noch von Frühlingszwiebeln in der Joghurtsoße?“ Mirja streut ein paar Ringe auf einen Löffel, probiert sie zusammen mit der Soße und lächelt Jens an. „Gute Idee.“

Zusammenarbeit in fast allen Bereichen

Seit sie zusammenleben, arbeiten sie auch zusammen und entwickeln nicht nur die Rezepte für ihre Blogs gemeinsam. Mirja fotografiert auch für eigene und fremde Kochbücher und entwickelt Rezepte für Magazine. Manchmal kocht sie an einem Tag vier und mehr Hauptgerichte. Jens hilft ihr beim Zubereiten, sie ihm als ausgebildete Fotodesignerin und Fotografin bei den Bildern. „Man merkt bei den Fotos auf meinem Blog Mirjas Einfluss“, sagt er. Mal kauft er für sie mit ein, mal umgekehrt. Jens, der nach einer Lehre als Industriekaufmann BWL studiert hat, handelt für Mirja Verträge aus. Nur beim Schreiben ziehen sie eine Grenze: Keiner schreibt für den Blog des anderen.

Das Fotostudio und das Büro liegen im ersten Stock. So soll die Trennung von Arbeit und Privatem leichter fallen.
Das Fotostudio und das Büro liegen im ersten Stock. So soll die Trennung von Arbeit und Privatem leichter fallen. Bild: Kathrin Hollmer

Nicht nur Mirja und Jens führen eine Beziehung, sondern auch ihre Blogs. Beide verlinken auf ihren Social-Media-Accounts und Blogs auf Beiträge des anderen. Um auf einen gemeinsamen Magazinartikel hinzuweisen, postet Mirja schon mal ein Selfie von ihnen, und Jens schreibt auf Instagram unter einem Bild von ihr, wie sehr er sich unterwegs auf „seine Küchenchaotin“ freut.

Trennung von Beruf und Privatleben als Herausforderung

Als Freiberufler oder im Home-Office muss man selbst Regeln für Arbeitszeiten und Pausen aufstellen. „Manche Agenturen rufen spätabends wegen Freigaben an“, sagt Jens. Mirja und Jens haben sich ihre eigenen Geschäftszeiten eingerichtet, abends sind sie nur in Ausnahmefällen erreichbar. Im Januar sind sie nach Kuba gereist, nur mit einer kleinen Kamera und ohne Laptops im Gepäck. „Wir haben uns ein Land ausgesucht, in dem es kein Internet gibt“, sagt Mirja, „weil wir mal drei Wochen unsere Ruhe haben wollten.“ Doch wer über Essen bloggt, beschäftigt sich mit einem Thema, das einem jeden Tag begegnet und das einen niemals ganz loslassen kann. „Büro und Fotostudio haben wir deshalb bewusst im ersten Stock eingerichtet“, sagt Jens. „Sonst würden wir in unserem Wohnzimmer arbeiten und nie Feierabend haben.“

Im zweiten Stock haben sie Schlafzimmer und Bad, Küche und Esszimmer. Im ersten Stock sind sie Arbeits-Mirja und Arbeits-Jens, im zweiten einfach Mirja und Jens. Ganz klappt die Trennung von Beruf und Privatleben aber auch räumlich nicht. In der Küche kochen sie nicht nur privat, sondern bereiten auch die Gerichte für Blogs, Kochbücher und Magazine zu, an ihrem Esstisch halten sie jeden Tag nach dem gemeinsamen Mittagessen ein „Blogger-Meeting“ ab, bei dem sie über Kooperationsanfragen sprechen. „Beim Essen wollen wir eigentlich nicht über die Arbeit reden“, sagt er. Natürlich passiert das trotzdem, zum Beispiel, wenn sie im Restaurant über die Zubereitung eines Gerichts rätseln und den Koch danach fragen. „Aber das machen wir nur, wenn wir allein unterwegs sind, nicht, wenn Freunde dabei sind“, sagt Jens.

Nicht alles gehört ins Internet

Mirja und Jens sind nicht nur ständig mit dem Gegenstand ihrer Arbeit konfrontiert, ihr ganzes Leben als Blogger ist theoretisch ein Thema für ihre Arbeit. Alles in ihrem Leben lässt sich fürs Internet inszenieren und als Artikel, Instagram-Story oder Facebook-Post aufbereiten: der Kuba-Urlaub, Restaurant-Besuche und auch der Verlobungsring. Privates kommt gut an. Das Verlobungsfoto hat etwa 800 Likes bekommen, die meisten Bilder auf dem Instagram-Account von Kochhelden haben weniger als 200. Über Kuba wollen sie im Nachhinein Beiträge veröffentlichen.

Manche Gerichte müssen Jens Glatz und Mirja Hoechst mehrmals kochen. Bei der Ofenkartoffeln sind die beiden jedoch direkt zufrieden.
Manche Gerichte müssen Jens Glatz und Mirja Hoechst mehrmals kochen. Bei der Ofenkartoffeln sind die beiden jedoch direkt zufrieden. Bild: Kathrin Hollmer

„Wir überlegen vor Urlauben schon, ob ein Land auch kulinarisch interessant ist“, sagt Jens. „Weil es uns interessiert, aber auch weil wir darüber schreiben wollen.“ Das Verlobungsfoto war eine Ausnahme, eigentlich ziehen sie beim Kochen und Essen die Grenze zum Privaten. „Wir zeigen eigentlich nur unsere Küche und unser Fotostudio und wenig von unserer Wohnung“, sagt Jens. „Alles andere ist privat und gehört nicht ins Internet.“ Das Foto vom Verlobungsring sei für ihre Familien gedacht gewesen, die in Deutschland verstreut leben. „Wir haben es nicht für Social Media gemacht“, sagt Mirja, „aber uns dann doch entschieden, es zu posten, weil wir uns übers Bloggen kennengelernt haben.“ Von der Hochzeit wollen sie nur ein offizielles Foto online stellen.

Blogs mit Mehrwert

Heute beginnen viele mit dem Bloggen, weil sie schnell Geld verdienen oder Produkte geschenkt bekommen wollen. Jens Glatz und Mirja Hoechst haben ohne die Absicht angefangen, Geld zu verdienen – und sind heute zwei der wenigen Blogger, die davon leben können. Das liegt auch daran, wie ihre Blogs entstanden sind. Jens begann, sich für Ernährung zu interessieren, weil er Gewicht verlieren wollte. In fünf Monaten nahm er 25 Kilo ab. Neben seinem 40-Stunden-Job machte er eine Ausbildung als Fitnesstrainer und Ernährungscoach, abends gab er Personal Trainings und schickte seinen Kunden zunächst einzeln gesunde Rezepte per E-Mail. Um schneller mehr Leute zu erreichen, richtete er vor sechs Jahren eine Website ein und stellte selbstgedrehte Kochvideos online. Bald gab er Interviews im Radio, bekam seine eigene Pfannen-Serie und wird seitdem als Showkoch für Messen und als Werbe-Testimonial gebucht, nebenbei arbeitet er heute als Social-Media-Betreuer.

Als Mirja nach ihrer Ausbildung von zu Hause auszog, schmeckte ihr nichts von dem, was sie kochte. „Ich hatte die Wahl: Entweder suche ich mir einen Job, bei dem ich mehr verdiene, so dass ich dreimal am Tage essen gehen kann, oder ich muss lernen, wie man das macht.“ Als Ausgleich zum Job und um ihrer Oma zu zeigen, wie sie kochen lernt, begann sie vor sieben Jahren Fotos und Rezepte auf einem Blog zu veröffentlichen. Neben dem Blog, Kooperationen und Auftritten fotografiert sie an den Wochenenden nach wie vor Hochzeiten.

Kooperationen lehnen sie häufig ab

Vielleicht ist das ihr Geheimnis. Jeder hat neben dem Blog noch ein Standbein und dadurch keinen Druck, sondern die Freiheit, nein zu sagen, sich Zeit zu nehmen. „Wir hatten schon Anfragen von ,The Taste‘ und vom ,Perfekten Dinner‘“, sagt Jens. „Doch für uns ist Kochen Genuss und Gemütlichkeit, nicht Zeitdruck und Konkurrenz. Darum lehnen wir ungefähr 85 Prozent der Kooperationsanfragen ab.“ Manche Gerichte für ihre Blogs kochen sie mehrmals – so lange, bis sie ihnen schmecken.

Mit Pilzen oder Bohnen: küchenchaotische Ofenkartoffel.
Mit Pilzen oder Bohnen: küchenchaotische Ofenkartoffel. Bild: Kathrin Hollmer

Mit den Süßkartoffeln mit Bohnen sind sie allerdings gleich zufrieden. Die Kartoffeln sind inzwischen gar, Mirja legt eine davon auf einen Schieferteller und schneidet sie auf. In die Mitte verteilt sie die Joghurt- und die Tomaten-Bohnen-Soße, mit einem Küchentuch wischt sie den Tellerrand sauber. Jens streut noch Frühlingszwiebeln darüber. Im Fotostudio ein Stockwerk tiefer legt Mirja ein Holzbrett mit blauem abgesprungenen Lack auf den Tisch und stellt darauf den Teller mit der Kartoffel ab. Im Regal stehen Gläser und Bestecke, die sie von Reisen mitgebracht haben. In einem Fach stapeln sich verschiedene rote, in einem anderen blaue Teller. Während sie mit der Kamera die Kartoffel fokussiert, hält Jens eine Styroporplatte als Lichtreflektor. Mirja knurrt. „Sie ist noch nicht zufrieden“, sagt Jens. Der Teller ist noch nicht der richtige. Mirja nimmt die Kartoffel und richtet sie auf einem Holzbrett an. Besser.

Jeder bleibt bei seinem Projekt

Begegnet sind sie sich einst als Kollegen, in gewissem Sinn auch als Konkurrenten. Wie ist es heute mit dem Wettbewerb? „Ihr Blog ist so viel größer“, sagt Jens. „Da kann von Konkurrenz keine Rede sein.“ Beim ersten Treffen klang das anders. „Da fragte er, wie lange ich meinen Blog schon betreibe und wie viele Follower ich habe“, sagt Mirja, „und rechnete sich aus, dass er mich in einem Jahr einholt.“ – „Das hat nicht geklappt“, sagt er. Zugriffszahlen nennen sie nicht. Auf Facebook hat kochhelden.tv 5500 Fans, die Küchenchaotin mehr als doppelt so viele.

Seit Mirja und Jens zusammen sind und sich gegenseitig unterstützen, sind ihre beiden Blogs und auch sie selbst gewachsen – als Köche, Medienprofis, als Marken. Wenn Jens für ein Kochevent angefragt wird, schlägt er Mirja als zweite Köchin oder Fotografin vor. Im Alltag assistiert er mal ihr, mal umgekehrt. „Jeder macht sein eigenes Ding weiter, aber hat Hilfe dabei“, sagt Mirja. Ihre Blogs zusammenlegen wollen sie nicht. Nicht nur, weil sie so unterschiedlich sind, sondern auch, weil sie ihre eigenen Projekte behalten wollen. Mit einer gesunden Beziehung zwischen Blogs ist es am Ende wohl wie mit der zwischen zwei Menschen, die sich stützen und beflügeln, aber Individuen bleiben.

Gebackene Süsskartoffel mit Bohnen (Rezept für 4 Portionen)

4 große Süßkartoffeln

244 g schwarze Bohnen (alternativ Kidneybohnen) aus der Dose (Abtropfgewicht)

200 g Tomaten

1 kleine Zwiebel

3–4 Frühlingszwiebeln

1 EL Kokosöl

2 EL Tomatenmark

1–3 TL getrocknetes Chipotle-Pulver (alternativ: Chilipulver)

150 g Crème fraîche

4–6 EL Milch Salz und Pfeffer

Zubereitung:

1. Die Süßkartoffel mit einer Gabel mehrfach einstechen und im vorgeheizten Ofen bei 180°C Ober- und Unterhitze für 50 Minuten bis 1 1/2 Stunden (je nach Größe) backen, bis sie sich beim Einstechen mit einem Messer weich anfühlt und gar ist.

2. Die Bohnen in ein Sieb geben, mit kaltem Wasser waschen und gut abtropfen lassen. Die Zwiebel schälen und in feine Würfel schneiden. Die Frühlingszwiebeln waschen und in Ringe schneiden. Den grünen Teil der Ringe beiseitestellen. Die Tomaten in einem kleinen Topf ohne Öl erhitzen.

3. In einem Topf das Kokosöl erhitzen und den weißen Teil der Frühlingszwiebel darin anbraten. Die Bohnen hinzugeben und ebenfalls leicht anbraten. Das Tomatenmark und die Tomatenwürfel hinzugeben und alles zusammen etwa 15 Minuten köcheln lassen. Mit Chipotle-Pulver und Salz abschmecken.

4. Die Crème fraîche mit der Milch sowie etwas Pfeffer und Salz verrühren.

5. Die gebackene Süßkartoffel der Länge nach aufschneiden – allerdings nur so weit, dass sie unten noch zusammenhält und leicht aufgeklappt werden kann.

6. Die beiden Hälften mit der Bohnen-Masse füllen und die Crème-fraîche-Sauce darübergeben. Die grünen Frühlingszwiebelringe darüber verteilen und die gebackene Süßkartoffel sofort servieren.

Auf dem Blog: https://kuechenchaotin.de/gebackene-suesskartoffel-mit-bohnen/ Ursprüngliches (beliebtestes) Rezept: https://kuechenchaotin.de/gebackene-suesskartoffel-mit-pilzen/

Quelle: F.A.S.
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