Der Kaffee meines Lebens

Viel Milch, viel Zucker, kaum Koffein

Von Julia Anton
22.09.2022
, 09:48
Schmeckt selbst Teenagern: Kaffee bei Starbucks
Bitte extra viel Sirup, und natürlich „To Go“: Ihre schönsten Kaffeeerinnerungen verbindet unsere Autorin mit einem Getränk, das die Bezeichnung „Kaffee“ eigentlich nicht verdient hat. Die Kolumne „Der Kaffee meines Lebens“.
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Wenn Ihr Name falsch auf dem Pappbecher steht, in Ihrem Kaffeegetränk mehr Zucker als Koffein ist, und Sie dafür auch noch eine Menge Geld bezahlt haben – dann sind Sie höchstwahrscheinlich bei der amerikanischen Kette mit dem grünen Logo gelandet. Aus jeder italienischen Kaffeebar würde man Sie jedenfalls hochkant rauswerfen, würden Sie nach einem Caramel Macchiato fragen. Mit Kaffee hat der schließlich nicht mehr wirklich viel zu tun: Mutmaßlich befindet sich zwar ein Espresso in diesem Becher, unter all dem Milchschaum und dem Caramelsirup schmeckt man ihn kaum noch. Und genau das macht ihn zum Kaffee meines Lebens.

Ich trinke sehr gerne Kaffee, nicht dass hier gleich am Anfang Missverständnisse entstehen. Aber mit dem Caramel Macchiato fing es eben an. Zucker und Milch machen ihn nämlich zu einem hervorragenden Einsteigergetränk für Jugendliche – und genau das ist es auch, was ihn zu so einer schönen Erinnerung für mich macht. Damals war Kaffee für mich noch etwas ganz Besonderes und keine allmorgendliche (und manchmal auch nachmittägliche) Lebensnotwendigkeit.

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Wer Kaffee trinkt, ist schließlich erwachsen!

Aufgewachsen bin ich in einem Vorort von München, an dem die Aufenthaltsmöglichkeiten für Jugendliche eher überschaubar waren. Wer sich für cool hielt, traf sich stattdessen freitags nach der Schule an der S-Bahn und fuhr in die Stadt. Da hingen wir natürlich nicht mit einem selbst geschmierten Brot von zu Hause im Englischen Garten ab, sondern gingen „einen Kaffee trinken“. Das kannten wir schließlich aus Serien wie Sex and the City. Wir kamen uns wahnsinnig erwachsen vor, wenn wir durch die Türen der besagten Kaffeekette in der Residenzstraße schritten und eben keine heiße Schokolade, sondern ein Kaffeegetränk bestellten. Zu der Kaffeekette gingen wir, weil wir damals grundsätzlich alles cool fanden, was aus den USA kam.

Cool qua Herkunft: Kaffeeketten aus Amerika
Cool qua Herkunft: Kaffeeketten aus Amerika Bild: dpa

Unseren Caramel Macchiato bestellten wir grundsätzlich „To Go“, ganz unabhängig davon, ob wir uns danach einen Platz in den großen Sofas und Sesseln suchten oder durch die Münchner Innenstadt streunten. Den Pappbecher fanden wir – Sie ahnen es – einfach cool. Das mit der Umwelt war damals noch nicht so Thema, zumindest nicht für uns, und aus Tassen konnten wir schließlich zu Hause trinken. Und genau darum ging es ja: aus den gewohnten Strukturen auszubrechen. Zu Hause stand für uns morgens noch eine Tasse Kakao auf dem Tisch, und wenn wir im örtlichen Einkaufszentrum abhingen, riskierten wir bloß, nervige Mitschüler, Lehrer, oder, noch schlimmer, unsere Eltern zu treffen.

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Weniger Mittagessen, mehr Kaffee

In der Stadt hingegen fühlten wir uns frei und unabhängig. Niemand kannte uns, und bei unserem Caramel Macchiato schmiedeten wir Pläne für die Zukunft. Mal träumten wir vom Leben in der Stadt; wie wir elegant auf High Heels und in schicken Handtaschen unsere Traumjobs meistern würden (was genau wir werden wollten, wussten wir noch nicht, aber wir stellten es uns glamourös vor). Ein andermal ging es nur um den nächsten Partyabend und wie wir uns dafür eine Flasche Sekt beschaffen könnten. Manchmal teilten wir uns zu Dritt einen Muffin, manchmal wollten wir auf unsere Linie achten. Immer waren es schöne Stunden. Freundinnen im Teenageralter streiten sich oft, aber mit unseren Caramel Macchiatos verbinde ich nur glückliche Momente.

Unser „Erwachsensein“ war allerdings eine teure Angelegenheit. Meine Eltern hatten freilich keine Lust, mir den überteuerten Kaffeespleen zu finanzieren. Das Geld für das kostspielige Vergnügen sparte ich mir also wortwörtlich vom Mund ab: Zweimal pro Woche hatten wir Nachmittagsunterricht, und pro Tag bekam ich fünf Euro mit. So viel kostete das Essen in der Schulkantine, in die wir natürlich nicht gingen, weil die Schulkantine für uns damals das genaue Gegenteil von amerikanischen Kaffeeketten war: absolut uncool. Stattdessen marschierten wir zum nahegelegenen Supermarkt, wo ich mir für 1,20 Euro eine Butterbreze und einen Jogurt für 80 Cent kaufte. Das Restgeld versteckte ich in meinem Federmäppchen. Zum Ende der Woche hatte ich genug Geld für den Macchiato und einen Drittel Muffin zusammen.

Inzwischen ist mein Leben in vielerlei Hinsicht anders, als ich es mir mit 15 vorgestellt habe. Ich müsste schon sehr verzweifelt sein, würde ich mir heute einen Caramel Macciato bestellen. Stattdessen bevorzuge ich Filterkaffee, zwar immer noch mit einem ordentlichen Schuss Milch, aber ohne Zucker. Wann ich das letzte Mal bei der Kaffeekette war, weiß ich nicht, To-Go-Becher nutze ich so gut wie gar nicht mehr. Mein Freundeskreis hat sich verändert, ich lebe in einer anderen Stadt. Zur Arbeit gehe ich mit flachen Schuhen. Aber „anders“ ist ja nicht automatisch schlechter.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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