Weingut Georg Mosbacher

Lieber Trauben lesen als Pillen drehen

Von Jakob Strobel y Serra
31.07.2021
, 12:33
 Paradiesgarten des Rieslings: Die Weinberge der Mittelhaardt gehören seit Jahrhunderten zu den Filetstücken der Pfalz.
Im schönen Pfälzer Winzerdorf Forst keltert Sabine Mosbacher-Düringer gemeinsam mit ihrem Mann Rieslinge, die zum Schönsten gehören, was der deutsche Weinbau zu bieten hat. Die Kolumne Geschmackssache.
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Das Matriarchat ist im deutschen Weinbau eine seltene Gesellschaftsform, die nur in fortschrittlichen Rebenregionen über die Randexistenz des Anekdotischen hinauskommt. Die Pfalz, seit jeher eine Pionierin in Wingert und Keller, gehört auch bei der Emanzipation der Weinbäuerin vom Weinbauern zur Speerspitze und kann sich mit dem Winzerdorf Forst sogar eines Ortes rühmen, in dem gleich zwei Mitgliedsbetriebe des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter von Frauen geführt werden. Seit Jahrzehnten steht Anna-Barbara Acham-Magin an der Spitze ihres dreihundert Jahre alten Gutes, hat sich längst einen Ehrenplatz unter den Grandes Dames der Pfälzer Winzerinnen gesichert und packt trotzdem noch nebenbei kellnernd und kochend in ihrer Besenwirtschaft mit an. Nur hundert Meter weiter herrscht Sabine Mosbacher-Düringer seit 1992 über ihr Rebenreich und hätte in diesem Jahr das hundertjährige Bestehen des Familienweinguts mit einem rauschenden Fest gefeiert, wäre ihr nicht ein globaler Spaßverderber dazwischengekommen.

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Die Kinder des Forster Obst- und Viehbauern Georg Mosbacher gründeten im Jahr 1921 das Weingut Georg Mosbacher Erben und hatten gar keine andere Wahl, als sich vom ersten Tag an einen rigorosen Qualitätsanspruch aufzuerlegen. Denn ihre Lagen befanden sich im Herzen der Mittelhaardt an der Goldenen Meile des Pfälzer Weinbaus, die Forst gemeinsam mit seinen Nachbardörfern Deidesheim und Wachenheim bildet. Diese Ortschaften reihen sich wie drei Perlen an der Schnur der Deutschen Weinstraße aneinander, zeugen mit ihren prachtvollen Gütern aus Buntsandstein von der jahrhundertealten Tradition der Pfälzer Weinwirtschaft und geben mit ihren Patios voller Oleander und Magnolien, Oliven- und Zitronenbäumen eine Ahnung davon, warum die Pfalz eine Ausbuchtung des Mittelmeeres jenseits der Alpen ist – wofür auch die vielen pechschwarzen Haarschöpfe der Einheimischen sprechen, ein genetisches Erbe des überaus vertrauten Umgangs zwischen römischen Legionären und der Pfälzer Urbevölkerung. Hier sind die Menschen so mediterran entspannt wie kaum irgendwo sonst in Deutschland. Hier schmeckt der Saumagen selbst beim letzten Dorfmetzger noch wie eine Delikatesse. Und hier hat sich in den vergangenen Jahren eine fabelhafte touristische Infrastruktur entwickelt, die vom pfälzisch-japanischen Fusions-Pop-up-Re­staurant im idyllischen Wingert bis zum architektonisch hochambitionierten Designer-Hotel im barocken Gutshof reicht.

Eine Frage der Lebenseinstellung

Schon zu Zeiten der Kaiser und Könige etablierte sich an der Mittelhaardt die Hocharistokratie der Pfälzer Winzer. Namen wie Geheimer Rat von Bassermann-Jordan, Reichsrat von Buhl oder Dr. Bürklin-Wolf wurden zu Synonymen für beste deutsche Rieslinge, die an den Tafeln europäischer Fürstenhäuser kredenzt wurden und mit jedem Pouilly-Fumé konkurrieren konnten. Doch als sich Richard Mosbacher in den achtziger Jahren Gedanken über seine Nachfolge machen musste, waren Glanz und Ruhm dieser Prestigeweingüter verblasst. Und da er alles andere als ein Winzer-Macho ist, ermunterte er die älteste seiner drei Töchter, nicht den ihr scheinbar fest vorbestimmten Weg einzuschlagen: Die Mädchen in Pfälzer Weinbauerfamilien studierten damals fast immer Pharmazie – ein Schicksal, das auch Anna-Barbara Acham-Magin ereilte – und suchten sich im besten Fall danach einen tüchtigen Winzer als Ehegatten. Sabine Mosbacher-Düringer hingegen ging als eine der ersten Frauen überhaupt zum Weinbaustudium nach Geisenheim, lernte dort ihren Mann Jürgen Düringer kennen, der aus einer Kaiserstühler Winzerfamilie stammt, und arbeitete eine Zeit lang für einen großen Weinimporteur als Qualitätskontrolleurin, bevor sie das väterliche Weingut übernahm – und sich schon bald im Verein Vinissima engagierte, einem Netzwerk für Frauen in der Weinbranche, dessen Vorsitzende sie 2006 wurde und vier Jahre lang blieb.

Guter Weinbau ist geduldige Handarbeit: Sabine Mosbacher-Düringer in einem ihrer Wingerte.
Guter Weinbau ist geduldige Handarbeit: Sabine Mosbacher-Düringer in einem ihrer Wingerte. Bild: Mosbacher

Das Rad musste sie als Jungwinzerin zwar nicht neu erfinden, denn schon Richard Mosbacher hatte sich dem Ausbau eleganter, feinnerviger Rieslinge verschrieben. Doch der neue Besen kehrte trotzdem gründlich. Als Erstes wurden die Etiketten entstaubt und gleich als Zweites alle Abläufe im Betrieb auf umweltschonendes Arbeiten umgestellt. Herbizide sind seither vollständig verbannt, Kupfer und Pestizide werden so sparsam wie möglich eingesetzt. Im Keller wird nicht mehr gepumpt, sondern ausschließlich mit Schwerkraft gearbeitet, Reinzuchthefen kommen nur im Notfall zum Einsatz, hundert Prozent Handlese sind eine Selbstverständlichkeit. Seit 2012 ist das Gut ökozertifiziert, was allerdings erst seit Kurzem und sehr dezent auf den Etiketten vermerkt wird, weil für Sabine Mosbacher-Düringer nachhaltiges Arbeiten keine Frage des Marketings, sondern der Lebenseinstellung ist. Die wichtigste Neuerung aber war eine sukzessive Erweiterung der Anbaufläche von zwölf auf einundzwanzig Hektar, wobei nur das Beste gut genug war. Und so sieht sich das Gut heute in der glücklichen Lage, dass sagenhafte sechzig Prozent seiner Weinberge Große und Erste Lagen sind, die Filetstücke unter den hunderttausend Hektar deutscher Wingerte, die nur einen Bruchteil der Gesamtfläche ausmachen.

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Hofkalender des Weinberghochadels

Das Lagenregister des Hauses Georg Mosbacher Erben liest sich wie ein Gothaischer Hofkalender des Pfälzer Weinberghochadels: Forster Ungeheuer, Forster Musenhang, Forster Pechstein, Deidesheimer Herrgottsacker, Deidesheimer Paradiesgarten, Wachenheimer Gerümpel: Das sind die Kronjuwelen der Mittelhaardt, die Sabine Mosbacher-Düringer und Jürgen Düringer gar keine andere Wahl lassen, als reine Terroir-Weine zu keltern. Alles andere wäre ein Verrat an diesem Schatz der Natur, der wie geschaffen für den Riesling ist – den Kaiser der Weißweine und vornehmsten Bewohner der Mittelhaardt, der zu vier Fünfteln auch das Portfolio der Mosbachers beherrscht. Und da sich Hangneigung, Windverhältnisse, Sonneneinstrahlung und Bodenbeschaffenheit – Buntsandstein dominiert, mit Ergänzungen um kleine Kalkriffe und schwarzen Basalt – alle paar Meter verändern, schmeckt kein Gewächs wie das andere, selbst wenn sie unmittelbare Nachbarn sind.

Bei solchen Lagen hat jeder Winzer gut Lachen: Sabine Mosbacher-Düringer und Jürgen Düringer bewirtschaften einige der berühmtesten Weinberge der Pfalz.
Bei solchen Lagen hat jeder Winzer gut Lachen: Sabine Mosbacher-Düringer und Jürgen Düringer bewirtschaften einige der berühmtesten Weinberge der Pfalz. Bild: Mosbacher

Die Erste Lage aus dem Paradiesgarten strotzt vor kühler, fast stählerner Kraft und gönnt sich in ihrer Konzentriertheit keine aromatischen Girlanden, während der Herrgottsacker würziger, rauchiger, in seiner Komplexität verspielter ist und das Gerümpel in schmelzender Cremigkeit schwelgt. Und drei ganz außergewöhnliche Charakterburschen sind drei Lieblingsrieslinge des Winzerehepaars, die als Zweitweine von Großen Gewächsen gekeltert, aus weinrechtlichen Gründen aber als Ortsweine ausgewiesen werden, obwohl sie diese Kategorie sprengen: Der Deidesheimer Kalkstein bringt das ganze Salz der Mittelhaardter Erde in die Flasche und würzt es mit einer feinen Mineralität. Der Forster Basalt ist eine kühle, aber keineswegs kapriziöse Schönheit, die nach grünem Apfel duftet. Und der Wachenheimer Buntsandstein sprüht mit seinen verschwenderischen gelben Früchten vor Lebenslust und erweist sich als legitimer Bruder im Geiste des Pfälzer Menschenschlags.

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Mit solchen Gewächsen haben Weingüter wie Georg Mosbacher Ruf und Ehre des Pfälzer Rieslings in aller Welt wiederhergestellt. Deswegen ist es kein Zufall, sondern eine Zwangsläufigkeit, dass Sabine Mosbacher-Düringer inzwischen vierzig Prozent ihrer Weine exportiert, vor allem in die nordischen Länder. Trotzdem hat sie kein Schloss aus Snobismus vor das Tor gehängt, sondern im Gegenteil ihren Hofverkauf beibehalten – eine der vielen schönen Besonderheiten der Pfälzer Winzer, die keinen Unterschied machen zwischen Stammkunden der dritten Generation und Sommeliers von Drei-Sterne-Restaurants in Oslo, Stockholm oder Kopenhagen. Diese Damen und Herren interessieren sich vor allem für die Großen Gewächse, die glücklicherweise nicht in die häufig so verlockende Falle der Überkonzentration und Extremintensivierung tappen. Sie sind dicht, aber nicht voluminös, manchmal opulent, aber nie überladen, sie gehen immer in die Tiefe, nie in die Breite und kennen dennoch keine Scheu vor der Frucht, schließlich ist die Traube eine. Das Große Gewächs vom Forster Ungeheuer schmeckt nach reifem Pfirsich und Birne, der Jesuitengarten nach Mango und Maracuja, der Pechstein nach Orange und Zitrone. Doch immer sorgen Salzigkeit und Mineralität dafür, dass aus der Frucht keine Bonbonniere wird und die Aromenkonzentration nicht in honighaften Ausschweifungen endet.

Zum Jubiläum hat Sabine Mosbacher-Düringer, die während der Ernte Tag für Tag im Weinberg ist und ihre osteuropäischen Erntehelfer mit der Souveränität einer siegreichen Feldherrin dirigiert, gemeinsam mit ihrem Mann einen ganz besonderen Riesling mit Retro-Etikett in die Flasche gebracht: den Forster Riesling Hommage 2021 aus handverlesenen Trauben des Jahrgangs 2018, spontan vergoren, nicht geschönt, achtzehn Monate lang im traditionellen Stückfass aus Pfälzer Eiche gereift. Äußerlich mag der Wein so aussehen wie jene Gewächse, die die Herren Mosbacher jahrzehntelang gekeltert haben. In seinem Inneren aber birgt er die Seele einer Matriarchin.

Weingut Georg Mosbacher Erben, Weinstraße 27, 67147 Forst, Telefon: 0 63 26/3 29, www.georg-mosbacher.de.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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