Trendgetränk Gin Tonic

Es kommt auf das Tonic Water an

Von Eva Reik
21.06.2022
, 12:13
So wie vor ein paar Jahren in jedem dritten Großstadt-Hinterhof eine neue Gin-Destille gegründet wurde, wird jetzt am Tonic Water experimentiert – mit einer Aromenvielfalt, die von herbem Kraut, über starkes Gewürz, bis zur süßen Frucht reicht.
Früher ging es vor allem um den Gin, Tausende neue Varianten entstanden. Nun dreht sich alles um die Frage: Welches Tonic ist am besten? Experten empfehlen eine ganz bestimmte Geschmacksrichtung.
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Die britischen Kolonialherren haben es schon im 19. Jahrhundert vorgemacht: Gin Tonic funktioniert mit seiner herben Frische rund um die Uhr – vormittags um elf genauso wie tief in der Nacht.

Viele Jahre lang lag das Augenmerk dabei auf den Gins. Keine ordentliche Hausbar gab es ohne wenigstens fünferlei Gin im Spirituosensortiment. Pur, stark, wachholderlastig, mediterran oder eher weich war die Frage. Heute gibt es die gleiche Diskussion, nur dreht sich alles um das Tonic. Denn so, wie vor ein paar Jahren in jedem dritten Großstadt-Hinterhof eine neue Gin-Destille gegründet wurde, wird jetzt am chininhaltigen Wasser experimentiert, weltweit – mit einer Aromenvielfalt, die von herbem Kraut, über starkes Gewürz, bis zur süßen Frucht reicht. Auf den Gin-Hype folgt der Tonic-Hype.

Gerade geht es bei der bitteren Limonade vor allem um Kräuter und um weniger Zucker. Das „Mediterranean Tonic“ von Fever-Tree mit ätherischen Ölen, Noten von Rosmarin und Zitronenthymian löste den Trend aus, allein deswegen, weil mit der Kohlensäure eine schöne Ahnung von Mittelmeerküste im Glas aufsteigt. „Es harmoniert sowohl mit pur gehaltenen Gins, als auch mit Gins, die durch mediterranes Aroma brillieren, wie Gin Mare zum Beispiel“, sagt Peter Jauch, der ein ganzes Buch über Gin geschrieben hat. Fast zeitgleich brachten im Frühjahr das Berliner Unternehmen Thomas Henry ein „Botanical Tonic“ und der Marktführer Schweppes ein „Herbal Tonic Water“ heraus. Rosmarin, Thymian, Oregano und Majoran sind die angesagten Noten der Tonics.

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Der Tonic-Markt scheint zu explodieren

„Neue Tonic-Marken sind wie Pilze aus dem Boden geschossen“, sagt der Schweizer Autor Jauch. In seinem 424 Seiten starken Buch „Gin“ widmet er auch den Tonics, den Fillern, eine stattliche Betrachtung. Gerade scheint der Tonic-Markt zu explodieren. Neuzugänge wie Seventeen 1724 Tonic Water (Spanien), Fentimans (England) oder Ecobryggeriet (Schweden) – sie machen mit Fichtennadel- oder Nelkenaroma-Tonics etwas wirklich Neues – zeigen, was für eine Vielfalt inzwischen bei den Tonics herrscht.

„Die Zeiten jedenfalls, in denen man wusste, welcher Gin und welches Tonic sich nach der Bestellung im Glas befanden, sind längst Geschichte“, sagt Kostas Ignatiadis, der seit fast 20 Jahren als Bartender in der Münchner Schumann’s Bar arbeitet. Eine gefühlte Ewigkeit wurde als Gin Tonic die Kombination von Gelb und Gelb, Gordon’s Dry Gin mit dem Klassiker Indian Tonic Water von Schweppes, serviert – das eine Etikett in hellem Gelb, das andere in sattem Maisgelb. Eine Verbindung, die heute nur noch Menschen jenseits der 30 kennen.

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Ignatiadis hat den Gin-Tonic-Boom seit 2005 hautnah miterlebt. „So wie uns vor zehn Jahren täglich drei neue Gins in der Bar zum Test angeboten wurden, ist es jetzt mit den Tonics“, bestätigt er. „Und heute gibt es so viele Tonics wie Gins, jeder macht sein eigenes“. Die Destillerie „The Duke“ macht sogar beides. 2007 experimentierte sie in einem Münchner Hinterhof an einem ersten Gin-Rezept. Heute ist aus ihr ein stattliches Unternehmen samt Tonic-Produktion geworden.

Der Aktienwert von Fever-Tree hat sich verzwanzigfacht

Seit der Patentzulassung im Jahre 1858 besteht Tonic-Water nach dem Rezept von Erasmus Bond aus Soda, Zucker, Zitronennoten und Chinin – es sorgt für den bitteren Geschmack im Tonic. Lange beherrschte die Firma Schweppes mit ihrem Klassiker „Indian Tonic Water“ den Markt, bis sich die zwei Freunde Charles Rolls und Tim Warrilow 2003 fragten: „Wenn doch drei Viertel des Gin Tonics aus Tonic besteht, soll dann nicht das Tonic von bester Qualität sein?“

Kostas Ignatiadis, Bartender in der „Schumann’s Bar“ in München
Kostas Ignatiadis, Bartender in der „Schumann’s Bar“ in München Bild: privat

Ein Jahr lang suchten sie in Afrika vom Chinin bis zum Orangenöl nach den besten Zutaten und feilten am Rezept ihres „Premium Indian Tonic Water“. Das war der Beginn der Erfolgsgeschichte des britischen Unternehmens Fever-Tree, das heute einen dreistelligen Millionenumsatz erzielt. Sein Aktienwert hat sich seit Beginn des Handels 2014 verzwanzigfacht.

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Klar, dass Schweppes da nicht tatenlos zuschauen konnte: Es brachte 2014 sein zuckerreduziertes „Dry Tonic Water“ heraus, das auf Begeisterung bei vielen Bartendern stößt – selbst wenn es bislang nur auf dem deutschen und österreichischen Markt zu bekommen ist. Als „knochentrocken“ beschreibt Kostas Ignatiadis das Tonic und meint damit: Man schmeckt mehr Chinin, Zitrone und Grapefruit.

Peter Jauch, Autor eines Gin-Buchs
Peter Jauch, Autor eines Gin-Buchs Bild: Yusef Evans

Ein neuer Trend: reduzierter Alkoholgehalt

Als 2018 in Großbritannien die Zuckersteuer eingeführt wurde, um den Volkskrankheiten Diabetes und Übergewicht entgegenzusteuern, legte auch Fever-Tree mit dem „Premium Dry Tonic Water“ nach: Das enthält gerade noch 2,9 Gramm Zucker in 100 Milliliter Tonic anstatt der sonst durchschnittlichen acht Gramm Zucker. „Aber wer es wirklich trocken-bitter mag, sollte „Light at Heart Tonic Water“ mit 2,1 Gramm Zucker von Barker and Quin probieren“, empfiehlt der Autor Jauch.

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Nach der Kräuterwelle und der Zuckerreduktion deutet sich in diesem Sommer schon ein neuer Trend an: die Verdünnung des Alkoholgehalts: „Tonics sind dafür ideal, weil sie trotz des herben Geschmacks Filler mit erstaunlich vielen Kombinationsmöglichkeiten sind“, sagt der Barexperte und Inhaber der Kölner Bar „Little Link“ Stephan Hinz. Dass er mit seinem Trendgespür schon oft richtig lag, wurde mit zahlreichen Preisen bestätigt, zuletzt bekam er die Auszeichnung „Innovativster Bartender 2020/21“.

Hinz änderte nicht nur das Verhältnis Gin zu Tonic, sondern wollte eine neue Basis finden, die trotz ihres reduzierten Alkoholgehalts einen ausreichend dichten Geschmack für die Verdünnung mit Tonic Water mitbringt. Er entwickelte seine eigenen Spirituosen. Trotz des geringen Alkoholgehalts von 19 bis 20 Prozent erlangt er mit ihnen einen ausbalancierten Geschmack: „Ricordino Tonic“ hat Noten von Zitrusfrüchten und mediterranen Kräutern, der „Kalyx Tonic“ wird von einem fruchtig-floralen Geschmack mit Rose, Hibiskus und Himbeere bestimmt.

So entstand Tonic Water

Seit der Patentzulassung von 1858 nach dem Rezept von Erasmus Bond besteht Tonic Water aus Soda, Zucker, Zitronennoten und Chinin. Während des 19. Jahrhunderts erhielten britische Truppen in Indien Chinin als tägliche Malariaprophylaxe. Chinin schmeckt bitter. Um damals das Schlucken der Medizin zu vereinfachen, wurde es mit Wasser, Zucker und lokalen Früchten gemixt. Das war die Geburtsstunde des Tonic Water.

Die britischen Truppen hatten jedoch auch immer eine Gin-Ration bei sich. Mit der Erlaubnis ihrer Offiziere fügten sie ihrem täglichen Tonic eine Dosierung Gin hinzu – der Gin Tonic war erfunden.

Chinin wird aus der Rinde des Cinchona, des „Fieberbaums“ gewonnen. Vor rund 350 Jahren wurde es als ein hochwirksames Mittel zur Behandlung gegen Malaria entdeckt. Heute gibt es andere Mittel zur Linderung von Malaria, aber Chinin dient immer noch als Basis.

Quelle: FAZ.NET
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