Kolumne „Reiner Wein“

Trinken oder nicht trinken?

Von Stephan Reinhardt
17.05.2022
, 16:30
Sollte ein so alter Wein tatsächlich konsumiert werden – oder ist er reines Kulturgut?
Manchmal dürfen nur wenige Auserwählte Flaschen probieren, die danach entweder verloren sind oder nur noch zu abstrusen Preisen ersteigert werden können. Über Weine, die kein Konsum-, sondern ein Kulturgut sind.
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Als die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach Ende April mithilfe von Weinen aus einem Zeitraum von 138 Jahren den Assmannshäuser Höllenberg im Rheingau erkundeten, um die historische Güte wie auch das aktuelle Potential dieser am rechten Rheinufer steil aufsteigenden Lage ergründen zu können, war eines vor dem ersten Probierschluck klar: Die Berichterstattung über eine solche Raritätenprobe, die 91 Assmannshäuser sowie ein Dutzend Rüdesheimer Spätburgunder der Jahrgänge 1882 bis 2020 umfasste, würde nicht nur Staunen und Neugierde wecken bei denjenigen, die nicht dabei waren, die aber sehr wohl gerne wissen würden, wie über so lange Zeit gereifte Weine denn im Vergleich zu jüngeren schmecken.

Getrunkene Zeitgeschichte ruft erfahrungsgemäß auch Un­verständnis und Kritik hervor. Warum, so fragen manche, soll ein gutes Dutzend Auserwählter in den Genuss solcher Schätze kommen – damit sie dann über Weine schreiben können, die gar nicht mehr erhältlich sind, und falls doch, auf Auktionen etwa, zu Preisen, für die man sich leicht auch ein Auto kaufen könnte?

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Kein bisschen müde, weder farblich noch sensorisch

Nun, die Antwort lautet: weil diese Weine keine Konsum-, sondern Kulturgüter sind. Man muss sie verkosten, um das zu erkennen. Diese Spätburgunder legen Zeugnis ab über die Güte deutscher Weinkultur, die nach den beiden Weltkriegen erst langsam wieder an eine Tradition anknüpft, die einstmals die feinsten und teuersten Rieslinge der Welt hervorbrachte, aber auch Spätburgunder, wenngleich die Güte der Rotweine, insbesondere die aus dem Assmannshäuser Höllenberg, nur echten Kennern bekannt war.

Viele der zwischen 1882 und 1964 auf der Domäne Assmannshausen erzeugten Rotweine zeigen noch heute ihre Weltklasse und sind kein bisschen müde, weder farblich noch sensorisch. Der 1882er Assmannshäuser etwa stammt zwar aus einem sehr nassen und ertragsschwachen Jahr; dennoch zeigt schon seine Farbe ein dunkles, aber leuchtendes, glanzvolles Orange. Das Bouquet offenbart eine klare, präzise, elegante und kühl-aromatische, dichte, aber nicht süße Frucht, die an gelbes Steinobst, Karotten und eingelegten Ingwer erinnert.

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Seidig, elegant und eher filigran in der kristallinen Säure, zeigt dieser Methusalem eine intensive, weder generöse noch geizige, wohl aber konzentrierte Frucht sowie feste, feine Gerbstoffe. Das Finale ist frisch, pur und anscheinend für immer vital. Von einem anderen Stern ist die kastanienfarbene 1917er Höllenberg Edelbeerenauslese Rotweiß, die balsamische Noten mit Malz und Karamell vermengt und am Gaumen unglaublich vital, spannungsreich und von salziger Raffinesse ist.

Mein Favorit unter den Rotweinen im eigentlichen Sinne aber war der noch immer tief rubinrote 1921er Höllenberg, der dicht und kraftvoll, aber auch energetisch, sagenhaft lang und komplex ist. Auch 1935, 1945 sowie 1952, 1953, 1955, 1958 und 1959 sind Highlights, ebenso der 1964er. Davor und danach zeigten immer mal wieder überragende Eisweine, zu was Spätburgunder auch fähig ist, während die Rotweine erst seit dem 2018er Jahrgang wieder an die alten Glanzzeiten erinnern.

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Wie die 103 Burgunder im Detail geschmeckt haben, wird in der nächsten Ausgabe des Weinmagazins „Fine“ zu lesen sein, das die „Weltraritätenprobe“ im Biebricher Schloss in Kooperation mit den Staatsweingütern initiiert hatte. Dort werden Ihr ehemaliger wie Ihr aktueller F.A.S.-Weinkolumnist, Stuart Pigott und ich, jeden Wein beschreiben.

Quelle: F.A.S.
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