Weingut Karl Haidle

Der Sprengmeister von der Y-Burg

Von Jakob Strobel y Serra
16.04.2021
, 13:42
Das Remstal hat sich, fast klammheimlich, in das gelobte Land des württembergischen Weinbaus verwandelt. Das ist Winzerfamilien wie den Haidles aus Stetten zu verdanken. Die Kolumne Geschmackssache.

Also sprach der König Salomon des Remstals ein weises Urteil, um sein Reich zu retten: Ein Jahr lang sollte sein einziger Sohn in jenen beiden Welten Erfahrung sammeln, zwischen denen er sich für sein künftiges Leben entscheiden musste, um danach die richtige Wahl zu treffen. Und so absolvierte Moritz Haidle, Sohn des Hans Haidle, erst Praktika in der Welt der Kunst und des Designs und anschließend in jener des Weins. Und siehe da, die Waage sollte sich zum Wein neigen, obwohl der Sohn ursprünglich nichts mit den Reben zu tun haben wollte und viel lieber Autos entworfen hätte. So aber führt er seit sieben Jahren das Familienweingut Karl Haidle im Remstal, das andernfalls mangels Thronfolger hätte verkauft werden müssen, und weiß, dass die Weisheit gesiegt hat.

Die Rems ist nicht der Jordan, Württemberg nicht Judäa, und das örtliche Jerusalem heißt Stuttgart. Doch König Salomons Geist weht auch im Speckgürtel der schwäbischen Hauptstadt, obwohl das Remstal kaum Platz für biblisches Idyll bietet, weil es flächendeckend von Schnellstraßen zerschnitten, Mittelstandsweltmarktführern zerfasert und wahr gewordenen Häuslebauerträumen zersiedelt ist. Hier, im Dorf Stetten, wurde Moritz Haidle 1987 geboren, und hier schaffte er sein Abitur nur dank einer Eins im Kunst-Leistungskurs, denn durch alle anderen Fächern war er notorisch versetzungsgefährdet.

Das Malen und Zeichnen lag ihm sehr, die Arbeit in Wingert und Keller ganz und gar nicht, doch seine allergrößte Leidenschaft war der Hiphop. Er brachte es zu beträchtlicher Meisterschaft in drei der vier Hauptdisziplinen dieser Getto-Musik – Rappen, DJ, Graffiti –, nur für Breakdance fehlten ihm die Gene seines Großvaters, der um ein Haar als Turner an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teilgenommen hätte und nur durch ein gebrochenes Bein daran gehindert wurde. „Ich kann keinen Purzelbaum machen, ohne mir das Genick zu brechen“, sagt Haidle, der Lippen-, Nasen- und Ohrring trägt und damit auch in den Problemvierteln von Los Angeles eine gute Figur machen würde.

Erweckungserlebnis in Franken

Während seines Praktikumsjahres landete der Winzersohn eines Tages bei Paul Fürst in Franken, dessen Außenbetriebsleiter gleichfalls Hiphop-Fan war. Dort begriff er, dass Winzer nicht nur einfache Weinbauern sein müssen, und auch sonst lernte er in Franken die schöne, große, weite Welt des Weins kennen, die nichts mit württembergischen Kleingeistigkeiten zu tun hatte. Ein Aufenthalt auf einem sehr lässigen Gut in Australien schloss sich an und ließ das Pendel endgültig zugunsten der Reben ausschlagen. Haidle machte eine Lehre beim Spitzenwinzer Thomas Seeger an der badischen Bergstraße, der im Gegensatz zu den Weinbauern Württembergs nicht nur den Trecker im Sinn hat, sondern in seiner Freizeit Harley-Davidsons zusammenschraubt. Die Entscheidung für das Studium an der Hochschule Geisenheim war dann nur noch eine Formalität, und nach kurzen kalifornischen und burgundischen Exkursen übernahm er 2014 den väterlichen Betrieb.

Das Remstal ist allerdings weder das Napa Valley noch das Barossa Valley, sondern galt lange als das Stiefkind des württembergischen Weinbaus – Heimat der niederen Stände in den Augen der Winzer aus dem Unterland rund um Heilbronn, die sich als Württembergs Weinaristokratie verstehen, und bettelarm, solange es noch keinen Daimler und keinen Bosch gab. Doch es verfügt über exzellente Lagen, allen voran rund um eine Burgruine mit dem enigmatischen Namen Y-Burg. Dort liegt der 1450 erstmals erwähnte, auch von den Haidles bewirtschaftete Pulvermächer, benannt nach den Sprengmeistern, die sich einst am Steinbruch auf der Spitze dieses Weinbergs zu schaffen machten. Und genauso kostbar ist die angrenzende Großes-Gewächs-Lage Brotwasser, eine Monopollage des Herzogs von Württemberg, der für Familie Haidle also keine Königliche Hoheit, sondern Herr Nachbar ist.

Schluss mit tumben Trollinger-Tropfen

Den armen Weinbauern aus dem Remstal blieb lange Zeit nichts anderes übrig, als ihre Trauben an die sogenannten Weinherren aus Stuttgart oder Esslingen zu verkaufen. Diese Wirte und Händler diktierten die Preise und ließen die Remstaler bluten, die sich schließlich zur Wehr setzten, zusammenschlossen und den Weinherren mit Einheitspreisen Paroli boten. Das war die Geburtsstunde der Winzergenossenschaften, die gleichermaßen zu Segen und Fluch werden sollten. Denn sie konnten der Versuchung nicht widerstehen, sich das Leben ein wenig zu einfach zu machen: Da die Württemberger als notorische Lokalpatrioten am liebsten ihre eigenen Gewächse tranken, mussten sich die Genossenschaften keine Gedanken über Absatzmärkte machen. Und da sich die meisten Weinfreunde mit Schoppenqualitäten fürs Viertele begnügten, begann irgendwann das Etikett des tumben Trollinger-Tropfens wie Pech am württembergischen Wein zu kleben.

Karl Haidle, der Großvater von Moritz und begnadete, noch mit sechzig Jahren mühelos einen Flickflack aus dem Stand vollführende Turner, war nie in einer Genossenschaft. Er füllte schon vor dem Zweiten Weltkrieg als Erster im Remstal seinen Wein in Flaschen, statt ihn nur in Fässern zu verkaufen oder den Wirtschaften direkt in den Kellertank zu kippen. Sein Hans führte den Qualitätsanspruch fort, reduzierte rigoros den Ertrag im Wingert, baute früher als jeder andere im Tal seine Weine trocken aus, pflanzte als einer der Ersten Lemberger an der Rems, steckte ihn in französische Eiche, gewann den Deutschen Rotweinpreis und wurde als gerechter Lohn für die Mühe Ende der achtziger Jahre in den Verband der Deutschen Prädikatsweingüter (VdP) aufgenommen. Seine Rebfläche vergrößerte er von zweieinhalb auf dreiundzwanzig Hektar, kaufte systematisch beste Lagen rund um Stetten und wurde dabei argwöhnisch von den Nachbarn beäugt. Jahrelang hieß es im Dorf: „Du kannst deinen Weinberg verkaufen, an wen du willst, Hauptsache, der Haidle bekommt ihn nicht.“

Das reine Wesen des Weins

Der Haidle bekam trotzdem, was er wollte, und hat seinem Sohn ein schönes Portfolio an Wingerten übergeben. Moritz Haidle wiederum stellte sofort auf biologischen Weinbau um, weil er so schonend und naturnah wie möglich arbeiten wollte. Inzwischen ist das Gut nach den Standards von Demeter zertifiziert und hat sich ganz der Sanftheit verschrieben. Alle Trauben werden von Hand gelesen und spontan vergoren, im Keller wird der Wein nicht gepumpt, sondern nur mit Hilfe der Schwerkraft bewegt, Schönungsmittel werden beim Riesling überhaupt nicht und beim Lemberger extrem sparsam eingesetzt. Und fast alle Gewächse dürfen lange auf der Hefe liegen, meist bis unmittelbar vor der Abfüllung, damit sie eine stabile Struktur und ein hohes Reifepotential bekommen. Jeder Eingriff verfälscht das Wesen des Weins und sollte möglichst unterbleiben, das ist das Leitmotiv von Moritz Haidle.

Am liebsten würde der Jungwinzer nur seine beiden Leib-und-Magen-Rebsorten Lemberger und Riesling anpflanzen. Den klassischen Bauchladen der württembergischen Weingüter hat er schon entrümpelt, Gewürztraminer, Dornfelder, Dunkelfelder, Heroldstraube ausgerissen und den Anteil an Burgundern und Trollingern auf ein Viertel reduziert, um sein Stammpublikum nicht ganz zu verprellen. In seinen Weinbergen fühlen sie sich ohnehin nicht so wohl, denn die Rebflächen liegen in einem Seitental der Rems, das in Nord-Süd-Richtung verläuft. Deswegen haben sie nur wenige Stunden am Tag Sonne, was im Zusammenspiel mit den kargen Böden aus Kiesel- und Schilfsandstein ideale Bedingungen für Rieslinge sind. Haidle macht aus diesen glücklichen Fügungen seinen Ritzling, einen schönen Alltagswein mit reifer, gelber Frucht, der das Leben herrlich unkompliziert werden lässt; oder einen Ortswein-Riesling vom Schilfsandstein, der vor Salz und Säure nur so strotzt und bei aller Kühle nicht unterkühlt ist, sondern derart viel Temperament besitzt, wie man es einem braven Württemberger niemals zugetraut hätte.

Der Riesling vom Häder wiederum könnte in seiner aristokratischen Eleganz auch ein Rheingauer sein, der Kabinett vom Pulvermächer wirkt in seiner tänzelnden Leichtigkeit wie ein Irrläufer von der Mosel, und das Große Gewächs vom Pulvermächer ist ein gravitätischer Riesling mit herben Apfelnoten, der aus dem tiefsten Inneren der württembergischen Erde zu kommen scheint.

Lemberger kann auch sexy sein

Dank der Familie Haidle und anderer ambitionierter Winzer wie Aldinger oder Ellwanger ist das Remstal längst nicht mehr das Stiefkind, sondern das gelobte Land des württembergischen Weinbaus und mittlerweile Heimat von sechs VdP-Weingütern. Jenseits der schwäbischen Landesgrenzen wissen das allerdings die wenigsten Weintrinker, weshalb sich Moritz Haidle gleich auf den Export verlegt und ihn von null auf mehr als dreißig Prozent gesteigert hat – in Berlin sind seine Gewächse kaum verkäuflich, in Skandinavien, Großbritannien, Spanien, Nordamerika oder Taiwan gehen sie dagegen weg wie geschnitten Brot, weil man dort nicht weiß, was ein Trollinger ist.

Auch der Lemberger steht unter Weinliebhabern nicht im Verdacht, sonderlich sexy zu sein. Doch das schert Moritz Haidle nicht, der aus seinem Lemberger vom bunten Mergel einen wilden, ungestümen, so rauchigen wie muskulösen Wein ohne ein Gramm Fett und Speckigkeit macht. Sein Bruder vom Stettener Häder ist hingegen ein Asket, der in die Tiefe statt Breite geht, nach Sauerkirsche und Wildkräutern duftet und den württembergischen Pietisten besser schmecken dürfte als bacchantischen Sündern. Dafür ist das Große Lemberger-Gewächs vom Stettener Berge, der wärmsten Lage des Weinguts, ein einziger Gefühlsausbruch: dunkelrot wie Drachenblut, voller Dörrobstaromen und rauchigem Schmelz, ungemein intensiv und komprimiert und dabei so pointiert und präzise wie ein guter Rap.

Moritz Haidle ist immer noch Rapper, hört viel Hiphop, kennt sich in der aktuellen Szene besser aus als jeder Sechzehnjährige, sprüht nach wie vor und ist in einer Whatsapp-Gruppe aus Winzern und Sommeliers namens „Alt-Herren-Graffiti“ aktiv. Mehr Kunst muss aber auch nicht sein. Er hat ja dank König Salomon seinen Wein.

Weingut Karl Haidle, Hindenburgstraße 21, 71394 Kernen im Remstal, Telefon: 0 71 51/94 91 10, www.weingut-karl-haidle.de.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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