Der Kaffee meines Lebens

Das Gefühl von Heimat weit weg von zu Hause

Von Annina Metz
01.12.2021
, 06:24
Diese Tasse Filterkaffee wurde zwar nicht in Südafrika fotografiert, steht aber auf einem ähnlich sonnigen Hintergrund.
Im Südafrika-Urlaub erlebte unsere Autorin, wie magisch der Tagesanbruch aussehen kann. Und wie der Duft von Kaffee ein Zuhause-Gefühl auf der ganzen Welt erschafft.
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„Hey, Annina, es ist halb fünf, gleich geht die Sonne auf.“ Eine freundliche Frauen-Stimme reißt mich aus dem Schlaf. Halb fünf, spinnt die? Ich hab Urlaub, spüre noch die Wanderung vom Vortag in den Knochen, und wer ist diese Frau überhaupt? Während ich langsam ins Leben finde, fällt es mir wieder ein. Die sanfte Stimme kommt von Amelie, ich habe sie am Abend zuvor im Hostel kennengelernt, wir teilen uns das Zimmer und das mit dem Sonnenaufgang war meine Idee. Ich verfluche mich kurz. Währenddessen ist Amelie schon an das große Fenster des Schlafsaals getreten.

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Ich kämpfe mich hoch. Sie hat Recht: Der Himmel ist zwar noch dunkel, ein erster Lichtstrahl lässt sich jedoch erahnen. Wir ziehen uns schnell etwas Wärmeres an; obwohl die Sommersaison auf der Garden Route Südafrikas gerade startet, ist es morgens noch ziemlich kalt. In Fleecepullis gehüllt und mit unseren Schlafsäcken unterm Arm verlassen wir leise das Zimmer. Die anderen Mitbewohner lassen wir ausschlafen. Die Glücklichen, denke ich kurz.

Amelie und ich laufen schweigend über einen Kiesweg zur großen Holzterrasse des Hostels. Dort befindet sich auch die Gemeinschaftsküche. Bäume ragen in den offenen Raum, wir setzen uns auf die Holzliegen direkt an der Brüstung. Während sonst reges Treiben auf der Terrasse herrscht, sind Amelie und ich an jenem Morgen, der heute ziemlich genau zwei Jahre zurückliegt, die Einzigen, die dort Platz nehmen. „Willst du Kaffee?“ Amelie deutet auf den großen silbernen Metallkessel, an dem sich jeder Hostel-Bewohner bedienen darf. Natürlich will ich, es ist halb fünf.

Der besagte Sonnenaufgang – inklusive Uhrzeitbeweis.
Der besagte Sonnenaufgang – inklusive Uhrzeitbeweis. Bild: Annina Metz

Amelie reicht mir eine bunte Tasse, der Kaffee dampft mir in die kalte Nase. Wir hören, dass doch nicht nur wir beide wach sind. Es raschelt im Wald vor uns, ein paar Vögel begrüßen uns mit ihrem Gesang, eine Katze flitzt vorbei. Ich nippe an meinem Kaffee, Filterkaffee ohne Milch und Zucker, geschmacklich nichts Besonderes. Vielleicht sogar ein bisschen zu dünn. Als stolze Besitzerin einer Siebträgermaschine hätte ich mir zu Hause vermutlich eine Kaffeesorte mit leicht schokoladigem Aroma ausgesucht, Hafermlich aufgeschäumt und etwas Zimt ins Kaffeepulver gemischt – meine Lieblingskaffeekombination. Und trotzdem: Das bekannte Getränk in dieser fremden Umgebung gibt mir Sicherheit. Der alltägliche Duft lässt mich die so ganz und gar nicht alltägliche Situation viel bewusster wahrnehmen. Ich sitze gerade mitten im Wald im Süden Südafrikas und beobachte, wie ein neuer Tag anbricht – Wahnsinn!

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Trotz der kalten Außentemperatur breitet sich in mir eine wohlige Wärme aus. Ich nehme noch einen Schluck von meinem Kaffee. Amelie ebenfalls. Wir gucken und nippen und schweigen. Was sich vor unseren Augen abspielt, bedarf keines Kommentars. Der Himmel färbt sich, die Sonne schiebt sich Stück für Stück über den Horizont. In der Ferne können wir langsam eine Bergkette erkennen, davor den unendlich erscheinenden Wald. Dort ist der Himmel mittlerweile gelb-orange, das darüber einsetzende Lila geht in ein tiefes Dunkelblau über. Je heller es wird, desto mehr Farben kommen dazu. Es vergeht etwa eine Viertelstunde bis die Sonne alles so erleuchtet, dass der Himmel sein gewohntes Hellblau annimmt.

„Wow, war das schön!“, sage ich zu Amelie. „Danke, dass du mich mitgezogen hast.“ Sie lacht, sie habe es mir ja vorher gesagt. Wir bleiben noch einen Moment sitzen, reden leise über diesen besonderen Ort und die bereits gemachten Urlaubserfahrungen und trinken unseren Kaffee aus. Irgendwann entschließen wir uns dazu, uns doch nochmal kurz hinzulegen, bringen unsere Tassen in die Küche und schleichen zurück zu unserem Hostel-Schlafsaal. Unsere Mitbewohner haben unseren kleinen Ausflug nicht bemerkt und liegen immer noch selig schlummernd in ihren Betten. Die Unglücklichen, denke ich kurz.

Kolumnen auf FAZ.NET

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Kaffee-Kolumne „Der Kaffee meines Lebens“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Kaffee-Kolumne geht es um besondere Momente mit diesem Getränk, die während einer Reise, aber auch in der heimischen Küche passiert sein können.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Metz, Annina
Annina Metz
Redakteurin für Social Media.
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