Der Kaffee meines Lebens

Etwas Wärmendes für die Seele

Von Felix Hooß
19.05.2021
, 06:29
Von Pompe(j)i bis Verona (hier im Bild): In Italien findet sich in jeder Stadt ein Lieblingscafé.
Das antike Pompeji ist untergegangen. Ganz im Gegensatz zur italienischen Kaffeekultur. Unser Autor fand dank ihr selbst in einer Bar im Bahnhofsviertel der Ruinenstadt ein unerwartet leckeres Getränk.

Dass die Italiener uns Deutschen in vielen Dingen überlegen sind, wusste schon Goethe. Die Sprache, die Kunst, die Mode – all das ist auf der anderen Seite der Alpen einfach schöner. Dazu gedeihen dort Zitronenbäume. Also draußen. Und es gibt noch einen weiteren klaren Wettbewerbsvorteil für unsere südeuropäischen Freunde: Noch in dem kleinsten, abgeschiedensten Kaff wird einem guter Kaffee serviert. Und wir reden hier nicht von irgendwelchen Filterkaffee-Hipsterbars oder gar großen Ketten wie Starbucks (wie die Marke, deren Vorbild ursprünglich die italienische Kaffeekultur war, nach Jahrzehnten den Einzug an der Mailänder Piazza Duomo hielt, ist eine eigene, traurige Geschichte). Sondern von den unzähligen kleinen Bars, in denen jederzeit mit chromglänzenden Siebträgermaschinen nahezu perfekter Espresso gebrüht werden kann. Vollstes Verständnis daher für den italienischen Familienvater, der vor Jahren mitten auf dem Potsdamer Platz in Berlin verzweifelt ausrief: „Cazzo, ma non c’è un bar?“ („Sch…, gibt es denn hier keine Bar?“), verzweifelt in der Kaffee-Diaspora – ich fühle seinen Schmerz.

Und erinnere mich lieber an den Zufall, der mir den besten Kaffee meines Lebens bescherte, vor ziemlich genau 15 Jahren in Süditalien. Die italienische Freundin und ich waren von Mailand aus mit dem Nachtzug gen Süden gereist, also ohne eigenes Auto und entsprechend strapaziös, denn das Nahverkehrsnetz im italienischen Süden war und ist legendär katastrophal. Wir hatten Salerno und Neapel (überbewertet, bis auf die Pizza) gesehen und waren nun, wieder mit dem Zug, nach Pompei (ohne „j“) gefahren, um die Ruinen der antiken, fast gleichnamigen Stadt Pompeji (im Deutschen mit „j“) zu besichtigen.

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Für Anfang Mai war es ziemlich kalt und das Wandeln auf den Straßen der Ruinenstadt schlug uns aufs Gemüt, so makaber war die Vorstellung, dass der Vesuv hier vor etwa 2000 Jahren jedes Leben unter seiner Vulkanasche begraben hatte. Zurück am Bahnhof war uns dann auch noch der Zug vor der Nase weggefahren. Kurzum: Die Stimmung war im Keller und es galt, Zeit totzuschlagen bis zur nächsten Abfahrt. Wir suchten also die erstbeste Bar auf und dort geschah es: Ich trank einen Latte macchiato, wie ich ihn seitdem nie wieder getrunken habe und der in meiner Erinnerung immer nur noch besser und unerreichbarer wird.

Grundsätze des Kaffeetrinkens

Dazu muss ich zunächst erklären, dass ich selten Latte macchiato trinke. Vielleicht liegt es an dem schlechten Ruf, den das Getränk hierzulande genießt („Latte-macchiato-Viertel“ und „Latte-macchiato-Eltern“ haben es nicht ohne Grund als abwertende Bezeichnungen in unseren Sprachgebrauch geschafft) oder an den Grundsätzen des Kaffeetrinkens, die ich in Italien gelernt habe. Erstens: Nie, aber wirklich niemals trinkt man einen Cappuccino nach 11 Uhr – schon gar nicht nach dem Essen – es sei denn, man will sich als absoluter Tourist outen. Zweitens: Wer etwas auf sich hält, bestellt einen „caffé“, damit gemeint ist ein Espresso, optional als „doppio“ oder, wenn es extravagant sein soll, „macchiato“, also von der Milch befleckt. Ich hatte mir sogar angewöhnt, routiniert einen „marocchino“ zu ordern: ein Espresso mit etwas Milchschaum und Kakaopulver. Aber hier, an diesem tristen Tag, in der Bar im Bahnhofsviertel von Pompei, brauchte es mehr. Etwas Nahrhaftes, Wärmendes für die Seele.

Auch „macchiato“: Den Milchfleck bekommt man in Italien auf Wunsch auch auf den Espresso.
Auch „macchiato“: Den Milchfleck bekommt man in Italien auf Wunsch auch auf den Espresso. Bild: Picture-Alliance

Der perfekte Latte macchiato braucht nur zwei Zutaten, Espresso und heiße Milch. Die Milch macht den Hauptteil des Getränks aus und muss auf 60 bis 70 Grad erhitzt sein. Idealerweise sammelt sich der heißere Espresso oberhalb der warmen Milch und unterhalb der oberen Schaumschicht, und sorgt so für den charakteristischen Farbverlauf. Und: Je fetthaltiger die Milch, desto schaumiger wird sie und desto besser eignet sie sich als Geschmacksträger für den Kaffee. Der aufgebrühte Espresso selbst (25 bis 30 ml) sollte natürlich auch kein Schwächling sein, damit nicht der Eindruck eines Kindergetränks entsteht, das er dem Gerücht nach in Italien ursprünglich war.

In der Kombination perfekt

Wie der Barista in Pompei genau vorgegangen ist, weiß ich nicht, ich habe es versäumt, ihn zu fragen. In Erinnerung geblieben ist mir aber der Geschmack: Im ersten Moment intensiv nach Milch, sie muss also recht fetthaltig gewesen sein, anschließend nach einem wirklich guten, sehr aromatischen Espresso. In der Kombination perfekt, sodass der Rest des Tages vergessen war, im Gegensatz zur Erinnerung an dieses Heißgetränk, die bis heute nachhallt.

Steht noch: Wallfahrtskirche Santuario della Beata Vergine del Rosario in Pompei
Steht noch: Wallfahrtskirche Santuario della Beata Vergine del Rosario in Pompei Bild: Picture Alliance/Photoshot

Wo genau ich diesen Latte macchiato kosten durfte, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, aber es war unweit des Bahnhofs, vielleicht mit Blick auf den beeindruckenden Turm der Wallfahrtskirche Santuario della Beata Vergine del Rosario. Wahrscheinlich war es kein ganz billiges Vergnügen, denn wir waren sicher nicht die ersten Touristen auf der Suche nach einem rettenden Wachmacher und vermutlich haben wir ihn sogar am Tisch sitzend zu uns genommen, was in der Regel extra kostet (weiterer Profitipp: Kaffee immer im Stehen direkt an der Bar trinken). Aber die Erfahrung war jeden Cent wert und stützt seitdem die These, dass einem in Italien ein guter Kaffee unverhofft an jeder Ecke begegnen kann.

Kolumnen auf FAZ.NET

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Kaffee-Kolumne „Der Kaffee meines Lebens“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Kaffee-Kolumne geht es um besondere Momente mit diesem Getränk, die während einer Reise, aber auch in der heimischen Küche passiert sein können.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hooss, Felix
Felix Hooß
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