„Superfood“ Kokosnuss

Paradieskugel

Von Caroline Haro-Gnändinger
27.02.2018
, 15:19
Erinnerungen an die Urlaubszeit, Exotik, Jahrmarkt und Adventsgefühle – all das ist in der Kokosnuss versammelt.
Die Kokosnuss fristete hierzulande lange ein Schattendasein. Warum nur wird sie auf einmal hip?
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Sie steht für eine ferne Welt. Palmen, Sonnenbrille, Abschalten. Wer sie knackt und genießt, der erlebt Entspannung im Hier und Jetzt. Das Problem beginnt aber schon beim Knacken: Hammer, Beil oder Säge? Alles schon mal ausprobiert. Nun ja, lassen wir das, es gibt die Frucht ja bereits geöffnet: in Raffaello oder Bounty, Makronen oder Kokosschnitzen. Da steckt sie drin. Allerdings, wenn man an die grünen, jungen Kokosnüsse auf den Philippinen denkt, dann eigentlich eher doch nicht. Die herrliche Vielfalt, die die Frucht wirklich bieten kann, ist in Deutschland bisher auf der Strecke geblieben. Alles, was bisher auf dem Markt war, war entweder zuckersüß oder staubtrocken. Na gut, noch ein paar Kokosmilchkonserven. Das war’s dann aber schon.

Seit Kurzem ist allerdings etwas anders. Kommt man in einen Supermarkt, einen Naturkostladen oder ein Asien-Geschäft, dann ist die Kokospalette breiter, als sie es je war: Kokosmus für eine Scheibe Brot am Abend. Oder Kaffee mit Kokoswasser, eine Spielerei, aber egal. Denn all diese Lebensmittel erinnern viel mehr an den nussigen, frischen Geschmack und die saftige, etwas glitschige Konsistenz der Kokosnuss. Endlich. Ich warte praktisch seit meinem fünften Lebensjahr darauf, dass diese Vielfalt, die ich vom Urlaub auf den Philippinen kenne, hier ankommt. Die Philippinen sind die Heimat meines Vaters und stehen als Kokos-Produktionsland auf Platz zwei. Woher kommt plötzlich dieses Glück, diese vielen unterschiedlichen Produkte hier in Deutschland zu finden?

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Die Nuss weckt Erinnerungen an die Urlaubszeit

Die Frucht ist mit vielen Emotionen behaftet, darum muss man auf ihre Vergangenheit schauen, ein wenig Kokos-Psychologie betreiben. Der Stuttgarter Schausteller und Besitzer von „Hawaii-Früchte“, Gilbert Nielsen, ist einer der wenigen, die auf Jahrmärkten noch bewässerte Kokosschnitze verkaufen. Mit seinen fröhlich-bunten Früchtewagen voller Liebesäpfel, Schokospieße und eben Kokosschnitzen ist er seit Mitte der 1990er Jahre unterwegs. Er verkauft auf Düsseldorfs „Größter Kirmes am Rhein“, auf dem Bad Homburger Laternenfest, dem Cannstatter Wasen in Stuttgart oder auch dem Bremer Freimarkt.

Am Strand von Copacabana trinkt man schon lange Kokoswasser. Jetzt ist die Frucht auch anderswo immer angesagter,
Am Strand von Copacabana trinkt man schon lange Kokoswasser. Jetzt ist die Frucht auch anderswo immer angesagter, Bild: Picture-Alliance

Auf die Frage, warum seine Kunden Kokosnuss kaufen, sagt er, dass die Schnitze erfrischend seien. „Gerade in den 1990ern hat es die Kunden an ihren Italien-Urlaub erinnert“, sagt er. Seine Kunden hätten ihm von italienischen Stränden erzählt, von den Liegestühlen in der Sonne – und den Verkäufern mit ihren Plastikschüsseln. „Cocco Bello!“, hätten sie gerufen und Kokosschnitze verkauft. Diese Erinnerung, glaubt Nielsen, sollte hier wieder aufleben. „Wir haben damals eine Art Vorführung gemacht, es war eine kleine Sensation“, erzählt er und beschreibt, wie sie die braunen Nüsse hinter Plexiglas mit einem Beil in Schnitze gehauen haben. Heute ist die Vorführung Geschichte, aber die Schnitze sind noch da. Über ihnen ein kleiner Wassersprenkler, neben ihnen Schokobananen mit Kokosraspeln. Die würden übrigens sehr gut laufen, sagt Nielsen.

Erinnerungen an die Urlaubszeit, Exotik, Jahrmarkt, Kokosnuss. Dort knüpft auch der Kulturwissenschaftler Markus Schreckhaas von der Uni Regensburg an. Er ist bei Esskult aktiv, einem Verein von Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaftlern, die sich mit Ernährungsverhalten beschäftigen. Und er weiß, warum sich die neuen Kokosprodukte, im Gegensatz zu anderen kurzlebigen Trends, so gut auf dem Markt halten: „Deutsche verbinden den Geschmack Kokos mit einem schönen Erlebnis: mit der Kirmes oder Mess’ und mit dem Advent – Weihnachtsplätzchen mit Kokosraspel.“ Das Glück aus der Keksdose und der Jahrmarktsbude sei im Gedächtnis positiv abgespeichert, und das lasse uns nicht nur einmal zu Kokoswasser und Co. greifen.

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Exotik und Abwechslung für die Kunden

Damit ist der Weg frei für die deutsche Kokosrevolution. Richtig angestoßen haben sie aber weitere Faktoren. Auch die großen Lebensmittelhändler selbst, die großen Supermärkte mit Vollsortiment wie Kaufland und Rewe, nennen als Gründe für die neue Vielfalt erstens die Exotik und zweitens die Abwechslung für die Kunden – man müsse sich schließlich von der Konkurrenz abheben. Drittens griffen die Kunden derzeit besonders gern zu Gesundem und Natürlichem: weniger Pestizide und mehr Nährstoffe. Kulturwissenschaftler Schreckhaas spricht in diesem Zusammenhang von healthy lifestyle, einem gesunden Lebensstil. Kokosnuss passe gut zur vegetarischen und veganen Ernährungsweise, sagt er. Inzwischen isst laut dem Online-Portal Statista fast jeder dreizehnte Deutsche vegetarisch oder zumindest selten Fleisch. Wer auf Milch und damit Milchschokolade verzichten will, aber einen Energiesnack braucht, für den ist ein dezent gesüßter Riegel aus Kokosraspeln bestimmt großartig.

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Zu diesem Ernährungstrend kommt der Einfluss von amerikanischen Sportlern und Prominenten, von Menschen, die einen Marathon in Bestzeit laufen und als Vorbilder gelten. „Schon vor einigen Jahren haben Läufer aus den USA für die Vorteile von Kokosöl geworben“, sagt Schreckhaas. Kokosöl kennen Sportler übrigens auch als Kokosfett. Schreckhaas ist in seinem privaten Umfeld darauf gestoßen, denn er ist Hobbyläufer. Kokosöl gebe schnelle Energiezufuhr, hieß es. Ideal für den Wettkampf. Das hätten auch die Macher von verschiedenen Podcasts rund um Sport und Ernährung immer wieder gelobt. Und so bekamen erst das Kokosöl, dann alle möglichen Varianten der Frucht auch bei uns einen guten Ruf: Kokos gleich Fitness. „Selbst wenn Verbraucher weniger sportlich-aktiv sind, kaufen sie die neuen, schönen Produkte“, sagt Schreckhaas. „Sie stehen letztendlich für einen bestimmten Lebensstil.“

Viele gesundheitsfördernde Nährstoffe

Zu den Kokosrevolutionären gehören auch Wissenschaftler. Jürgen Vormann, Ko-Autor des Buches „Superfood Kokosnuss“, ist Ernährungswissenschaftler und spricht von „Superfood“ deshalb, weil Wissenschaftler in der Nuss viele wertvolle Nährstoffe entdeckt haben. Gerade im Kokosöl. Lange Zeit habe es als ungesund gegolten, wegen der gesättigten Fettsäuren als Risiko für Herzinfarkt. Und dann das: „Mehrere Wissenschaftler haben vor kurzem erkannt, dass die Studien zu gesättigten Fettsäuren fehlinterpretiert worden sind“, sagt Vormann. Er kennt die Diskussion über diese Studien in der Fachwelt und weiß, dass es unterschiedliche Meinungen dazu gibt. Für ihn sind die Interpretationen dazu am glaubwürdigsten, die sagen: Diese Fettsäuren sind nicht grundsätzlich schädlich und diejenigen in der Kokosnuss außerdem mittelkettig. Sie können nicht nur schnell in Energie umgewandelt werden, sondern wirken sich auch positiv auf den ganzen Körper aus. Damit könne man zum Beispiel Demenz vorbeugen.

Gesundheitsförderndes „Superfood“: Die Fettsäuren der Kokosnuss können schnell in Energie umgewandelt werden.
Gesundheitsförderndes „Superfood“: Die Fettsäuren der Kokosnuss können schnell in Energie umgewandelt werden. Bild: Picture-Alliance

Kokosöl gilt nun nicht mehr als gesundheitsgefährdend, sondern als gesundheitsfördernd. Das haben die Verbraucher anscheinend auch erkannt. Laut Statista ist der durchschnittliche Importpreis in Europa seit 2013 stark gestiegen. Die Reformhäuser, die seit jeher auf Naturkost setzen, haben im vergangenen Jahr 17Prozent mehr Kokosöl verkauft als noch 2015. Vormann sieht das Kokosöl wie Schreckhaas als Vorreiter für die weiteren Produkte, die aus der Frucht hergestellt werden.

Kokoswein zum Anstoßen, Kokosessig zum Kochen

Und davon gibt es noch sehr viele. Das weiß ich von meinen Besuchen auf den Philippinen, wo es Hunderte Arten gibt, Kokos zu essen. Meine Großeltern haben dort einen Garten mit sechs oder sieben großen Palmen. Immer, wenn wir im Urlaub mit einem der Jeepney genannten Kleinbusse anrumpeln, kommt in den nächsten paar Tagen ein geschickter Kletterer vorbei und holt einen ganzen Sack grüner, schwerer Kokosnüsse von der Baumkrone. Dann geht es mit Opas Machete der ersten Nuss an den Kragen. Vier, fünf klare Hiebe. Den letzten Teil nestelt meine Tante mit der Klinge vorsichtig auf. Wir halten eine Flasche drunter, so dass das Kokoswasser hineinfließen kann. Das ist eine feine Abwechslung zu Softdrinks und abgepacktem Wasser. Aus dem weichen Fruchtfleisch wird entweder Obstsalat oder, mit Wasser gepresst, Kokosmilch. Daraus wiederum ein Gemüsegericht oder Kürbis in Kokosmilch mit braunem Zucker. Es gibt Kokoswein zum Anstoßen und Kokosessig zum Kochen. Straßenhändler verkaufen Kokosklebreis in Bambusröhrchen und sogenannte Macapuno Candies. Ein Urlaub ohne diese kleinen Bällchen aus Kokos und Zucker, die beim Kauen zwischen den Zähnen knistern, ist für mich unvorstellbar. Aus der paradiesischen Kugel ist noch viel herauszuholen.

Quelle: F.A.S.
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