Lieferservice in New York

Der Geschmack der Quarantäne

Von Aida Baghernejad
08.05.2021
, 15:11
Unsere Autorin musste inmitten des Lockdowns nach New York reisen. Und entdeckte den Geschmack der Stadt als Lieferservice an die Wohnungstür.

Wie schmeckt New York? Nach Soulfood und BBQ, nach jiddischen Lox Bagels, nach Mango mit Chilisalz auf der Straße, nach viel zu heißen Pizzastücken, die man natürlich stilecht in der Mitte faltet und ohne Besteck herunterschlingt, nach Hotdogs und Tacos aus dem Wägelchen an der nächsten Kreuzung, nach Kaffee aus blauen Pappbechern, nach Drei-Sterne-Gourmetfaszination, nach viel zu viel Schnaps und nach den Kaugummis, die man kaut, um den Gestank im U-Bahn-Waggon zumindest ein wenig zu übertünchen.

Zumindest bis knapp vor einem Jahr war das so. Bis Covid-19 kam und die Stadt, die niemals schläft, in Pandemiestarre verfiel. Statt langen Nächten, die in Restaurants beginnen und in Bars spät abends enden: Stille, durchbrochen vom Heulen der Krankenwagensirenen. Und vom Surren, einem immer lauter werdenden Surren. Ein neues Geräusch – aber ein stetig zunehmendes. Dahinter stecken hunderte, tausende Elektrofahrräder, die in endloser Hatz die langen Avenuen Manhattans rauf- und runtersausen. Meist sitzen auf ihnen Männer jeglichen Alters, vor allem Latinos oder Schwarze. Und auf dem Gepäckträger balanciert mindestens ebenso oft eine wärmeisolierte Kiste.

Die Einwohner New Yorks sprechen vom „Exodus“: Nachbarinnen, Arbeitskollegen, Freundinnen, wer konnte, verließ die Stadt. Warum auch für ein WG-Zimmer 2000 Dollar bezahlen, wenn man dann doch nur im Homeoffice oder Digitalunterricht sitzt? „Mir fehlen 50.000 Dollar an Mieteinnahmen“, erzählt ein privater Vermieter. „Die Leute sind alle ausgezogen. Warum sollten sie auch hier bleiben?“ Dementsprechend sind auch die Mieten gefallen, haben sich mancherorts, wo der Markt besonders aufgeheizt war, sogar halbiert. Von denen, die noch übrig geblieben sind, minimieren die einen den Aufenthalt außerhalb der eigenen Wände – und die anderen, die kaufen eben für sie ein.

Sogar Einkäufe und Cocktails lässt man liefern

Denn die Hauptstadt von Take-Out und Essen-on-the-go lässt sich ihre Festmahle jetzt nach Hause liefern. Und zwar nicht nur Pizza und Sushi, sondern auch Einkäufe, Cocktails und alte Klassiker. Endlos viele Plattformen konkurrieren um die Gunst der Hungrigen: da wären zum Beispiel die Lieferplattformen Doordash, Caviar und vor allem UberEats. UberEats hatte in den vergangenen Monaten gewiss mehr Zuspruch für seine Essenslieferungen als für den Taxi-Service des Mutter-Unternehmens. Auf die Dienste von Uber können Restaurants kaum noch verzichten. Sogar ein alteingesessenes Traditionslokal wie die Pizzeria Patsy in East Harlem, die in der Stadt, in der alles mit Kreditkarte bezahlt wird, noch altmodisch auf Bargeld setzt, passt sich den Regeln der Lieferplattform an. Und bietet neben dem klassischen „Margherita Pie“ auf UberEats auch andere Varianten an, um mit der mannigfaltigen Konkurrenz und den effizienten „Dark Kitchen“ mithalten zu können. Daneben gibt es noch Nischenangebote wie Goldbelly, das die Spezialitäten von „Kult“-Lokalen und Imbissen wie Yonah Schimmel’s Kosher Knishes (immerhin die älteste „Knishery“ in den Vereinigten Staaten, zumindest nach eigener Angabe), Nathan’s Famous Hot Dogs oder Jing Fong, einem legendären Dim-Sum-Tempel aus Chinatown bundesweit an die Haustür liefert.

Für die Restaurants ist das Liefergeschäft so etwas wie eine Rettungsboje, schließlich fehlen die Einnahmen an allen Ecken und Enden: Touristen dürfen zur Zeit noch gar nicht in die USA einreisen und trotz der rasant verlaufenden Impfkampagne in den Vereinigten Staaten und insbesondere in New York sind die Büros größtenteils noch bis zum Herbst geschlossen und auch Studierende kehren nur langsam zurück. Zwar wacht die Stadt langsam dank der Impfungen wieder auf – seit einigen Wochen können sich alle New Yorker, die älter sind als 16 Jahre, impfen lassen und seit Mitte März schon sitzen mehr und mehr Menschen in den Außenbereichen der Restaurants und sogar Bars, manche sogar drinnen – doch die Zeichen stehen auf Vorsicht: überall stehen warnende Schilder, „Covid is still here“, Covid ist noch hier, mobile Test-Zentren schlagen an wechselnden Orten in der Stadt ihre Lager auf, es gilt Maskenpflicht (mittlerweile nur noch für Ungeimpfte) auch im Freien und eine ganz eigene Mutante hat die dicht-besiedelte Stadt natürlich auch hervorgebracht.

Absurd, jetzt nach New York zu reisen

In dieser Lage wirkt es völlig absurd, nach New York zu reisen, ganz davon abgesehen, dass es mindestens fragwürdig ist, in einer Pandemie Flugreisen zu unternehmen und auch Amerikaner und Menschen mit Aufenthaltsstatus einer Quarantänepflicht unterworfen sind. Doch manchmal ist die Einreise alternativlos: Wer eine Greencard besitzt, muss zum Beispiel innerhalb von 364 Tagen mindestens einmal in die USA einreisen, sonst riskiert man den Verlust der Aufenthaltsgenehmigung. Da hilft auch eine Pandemie nicht viel.

Sitzt man dann in Quarantäne, so hat man natürlich für den kurzen Besuch nicht viel von der Stadt, doch immerhin erlaubt der Boom der Lieferservices, die Stadt zumindest kulinarisch zu erleben. Über den beliebten Dienst „Instacart“ kann man zum Beispiel eine andere Person zum Einkaufen zur Delikatessen-Legende Zabar’s auf der Upper West Side von Manhattan schicken. Vor der Pandemie trafen sich im angeschlossenen Deli noch Rentnergrüppchen auf einen der berühmten Bagel mit fluffigem hausgemachten Frischkäse, um danach Lebensmittel aus aller Welt und fertige Spezialitäten wie kalte Rote-Beete-Suppe oder Pastrami-Braten für zuhause zu besorgen.

Heute dominiert das Liefergeschäft, live über die Webseite des Dienstes kann man den meist jungen Einkäufern dabei zuschauen, wie sie Produkt nach dem anderen finden und einscannen, über eine Chatfunktion kann man ihnen noch weitere Anweisungen geben, oder sie melden sich, wenn sie ein Produkt nicht finden können. Ist auch Frühlingszwiebel-Creamcheese in Ordnung, wenn der Meerettich-Frischkäse nicht aufzufinden ist? Doch lieber Schokoladen- statt Zimt-Babka? Wenig später klingelt es, die Einkäufe werden an die geschlossene Wohnungstür gehängt, digitalisierte, entrückte Interaktion, wie sie die neue Normalität geworden ist. Die Bagels in der Einkaufstüte aber, die schmecken auch ganz unverpixelt.

Quelle: FAZ.NET
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