Köchin Nigella Lawson

Essen ohne Reue

Von Jochen Buchsteiner
21.09.2021
, 06:38
Authentische Freude an der Verbindung von Gaumen und Geist: Köchin Nigella Lawson
Seit mehr als zwanzig Jahren wird die Köchin Nigella Lawson in Großbritannien gefeiert. Dabei gehen nicht nur die Rezepte der gelernten Literaturwissenschaftlerin gegen den Zeitgeist.

Am Morgen vor dem Treffen grüßt Nigella Lawson aus dem Daily Telegraph. Oben, gleich unter den jüngsten Entwicklungen in Afghanistan, vermeldet die Zeitung, dass die britische „Promi-Köchin“ eines ihrer klassischen Rezepte umgetauft hat. Die „Slut Red Rasp­berries in Chardonnay Jelly“ heißen jetzt „Ruby Red Raspberries in Chardonnay Jelly“. „Slut“ (Schlampe) habe in den vergangenen zwanzig Jahren eine „gröbere, gemeinere Konnotation“ erhalten, zitiert das Blatt die Köchin und stellt ein adrettes Foto dazu. Man staunt: Wenn es die Namensänderung eines alten Dessert-Rezepts in die sogenannte Top-News-Spalte einer digitalen Tageszeitung schafft – dann, ja dann hat man es offenbar mit einer wahren Celebrity zu tun.

„Ach was“, winkt Nigella Lawson ab, ordnet das Besteck vor ihrem Teller und setzt ein spitzbübisches Lächeln auf. „Das spiegelt doch eher wider, was aus unserem Journalismus geworden ist.“ Nigella Lawson ist der perfekte Star: erfolgreich, schön, gebildet und auf eine englische Art bescheiden. „Nigella“ ist im Königreich so bekannt, dass sie in manchen Artikeln schon mit Lady Di ver­glichen wurde – der einzigen anderen Frau, die zur Erkennung keinen Nachnamen brauchte. Darauf angesprochen, findet sie abermals einen eleganten Ausweg: „Ich brauchte schon im Kindergarten keinen Nachnamen – das liegt einfach an meinem lächerlichen Vornamen.“

„Ich bin kein Mensch für kleine Portionen“

Vor uns steht schon eine Pizzetta, vorgeschnitten in sechs Stücke. Sie sei im­mer etwas ungeduldig, wenn es ums Es­sen gehe, sagt Nigella entschuldigend. Die nächsten Gänge soll ihr Gesprächspartner aussuchen, aber der lässt sich lieber an der erfahrenen Hand führen. Nigella kennt das „River Café“, seit es 1987 geöffnet wurde; sie schrieb die erste Kritik, damals im Spectator. Rasch sind die Speisen gewählt, jede, schlägt sie vor, soll geteilt werden.

Das gute alte Lunch ist im geschäftigen, gesundheitsverrückten London ei­gentlich ein wenig aus der Mode gekommen, und wer trotzdem noch luncht, lässt es meist bei einem Salat bewenden. Nicht Nigella. Mit dem Feigensalat kom­men ein Hummer, dann Langusten-Penne und ein großer Teller Vitello tonnato. „Ich bin kein Mensch für kleine Portionen, obwohl ich heute weniger esse als früher“, sagt sie. „Eine Freundin meinte neulich allerdings, ich würde im­mer noch mehr essen als ein normaler Mensch.“

Nigella steht für den hemmungslosen Genuss, seit mehr als zwanzig Jahren, als ihr Bestseller „How to Eat“ erschien. Wer geglaubt hat, ihr Bekenntnis zum reuelosen Essen sei vor allem Attitüde, sieht sich an diesem Mittag eines Besseren belehrt. Herzhaft greift sie zu, lässt sich vom Kellner noch ein paar Zitronen bringen, träufelt, kaut, schließt genießerisch die Augen, redet, kaut weiter, gestikuliert und nimmt noch etwas nach. Hier hat jemand eine wahrhaft sinnliche Be­ziehung zum Essen, eine authentische Freude an der Verbindung von Gaumen und Geist, und erst nach einer Weile wird einem klar, wie selten das heute noch zu beobachten ist; jedenfalls in London.

Natürlich funktioniert das Prinzip Nigella nur im Maß. Sie selber macht es nicht anders. Unser Mittagessen, verrät sie im Laufe des Gesprächs, ist in Wahrheit ihr Frühstück. Das Schöpfen aus dem Vollen ist bei Nigella immer flankiert von Verzicht. Anders lässt sich eine solche Karriere nicht machen, mit einer so dichten Abfolge von Büchern, Fernsehshows und Saalauftritten – anders wä­re sie auch nicht so attraktiv mit 61 Jahren. Im Lockdown, als sie ihr neues, nun auch in deutscher Übersetzung erhält­liches Buch „Kochen, Essen. Leben“ geschrieben hat, schaffte sie sich eine „strenge Struktur“: morgens Work-outs, dann Arbeit, am Abend einen Campari Soda.

Die Unschuld ins Kochen zu­rückbringen

Zugegeben, so streng klingt das auch wieder nicht, aber das Wechselspiel von Loslassen und Kontraktion, von Fantasie und Wiederholung, oder, wie sie es heute formuliert, von „Disziplin und Anarchie“ ist Nigellas Grundmotiv. Es definiert ih­ren dialektischen Zugang zum Kochen und Essen, aber auch zum Leben, das in ihrem Fall mit atemberaubenden Höhen und Tiefen aufwartet.

Bevor sie 1998 über Nacht zum Star der Kochbuchszene wurde, arbeitete Nigella Lawson als Journalistin. Sie be­richtete für die BBC, schrieb Kolumnen und verantwortete als junge Stellvertreterin die berühmten Literatur-Seiten der Sunday Times. Bücher waren ihre Leidenschaft, nicht erst seit ihrem Literatur-Studium in Oxford. Ihr Vater Nigel Lawson, der langjährige Schatzkanzler unter Margaret Thatcher, war ein Vielleser. Die vier Kinder, unter ihnen der spätere Spectator-Chefredakteur Dominic Law­son, wuchsen in einem Haus mit Ho­­ri­zont auf – auch wenn dessen politische Dimension, die konservative Weltsicht, Nigella nach eigenem Dafürhalten „eher fremd“ blieb.

Daran regten sich bei manchen Zweifel, als ihr zweites Kochbuch erschien: „How to Be a Domestic Goddess“. Eine häusliche Göttin zu werden, das war nicht unbedingt das, was moderne Frauen anstrebten, und die verführerische, manchmal kokette Art, in der Nigella in der begleitenden Fernsehshow ihre So­ßen abschmeckte, schien für manche Frauen ein Klischee zu bedienen, das es doch zu überwinden galt. Aber diese frühen Kritikerinnen, sagt Nigella, hätten ihre Ironie nicht verstanden. Inzwischen wird Nigella selbst vom sonst moralinsaueren Guardian geadelt. „Lawsons Beitrag zu der Art, wie wir unsere Körper sehen, und das Essen, das sie nährt, lässt sich nur als radikal bezeichnen“, schrieb unlängst eine Autorin. „Sie lehrt uns, dass Freude nicht mit Schuld einhergehen muss, dass das Leben gelebt und der Bauch gefüllt werden müssen.“

Nigellas unzeitgemäße Botschaft verfängt in allen Schichten. Ursprünglich wollte sie nur die Unschuld ins Kochen zu­rückbringen. In den Neunzigern, sagt sie, sei die kulinarische Kultur fest in den Händen der großen Küchenchefs gewesen. Dies habe viele ihrer Freundinnen, aber auch Freunde verunsichert; das Ko­chen für Gäste wurde zu einer Performance-Veranstaltung. „Ich fand das ab­surd, ich habe gesagt: Das ist nicht, wie wir zu Hause kochen sollten. Vertraut einfach eurem Gaumen!“

Verluste, Scheidung und Kokain

Heute stehen Hobbyköche nicht mehr so sehr unter dem Druck, kulinarische Spitzenleistungen zu präsentieren ­ – da­für sollen sie aber möglichst gesundes oder „ethisch“ einwandfreies Essen servieren. Nigellas subversives Laissez-faire befreit nicht nur moderne Städter, für die das Essen zu einem anstrengenden quasi-politischen Statement geworden ist, son­dern gibt auch den Leuten in der Provinz das Vertrauen zurück, dass nicht alles böse ist, was gut schmeckt, und Omas Buttertricks auch heute noch funktionieren.

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Die Bindung einer Kochbuchautorin zu ihren Lesern geht durch den Magen und somit in die Tiefe. Über das Essen lasse sich eine „besonders intime Beziehung“ herstellen, sagt Nigella. Man isst und kocht zu Hause, die Rezepte liegen in der Küche aufgeschlagen herum, und mit den Jahren stelle sich so etwas wie Kontinuität ein, sagt sie. Die Menschen würden sich ihr in Briefen anvertrauen, mit persönlichen Kocherfahrungen, aber auch mit Ernährungs- und Lebensfragen. Besonders intensiv sei es mit denen, die ähnliche Schicksalsschläge wie sie hät­ten hinnehmen müssen. Damit spielt Nigella auf den frühen Verlust von drei ihr sehr nahestehenden Menschen an. Ihre Schwester, ihre Mutter und ihr erster Ehemann starben in jungen Jahren an Krebs. Die letzten Monate mit ihrem Mann waren besonders tragisch, weil er – ein scharfzüngiger Journalist – wegen einer Mundoperation nicht mehr sprechen und auch nichts mehr schmecken konnte.

Auch Nigellas zweite Ehe – mit dem be­kannten Werbegeschäftsmann und Kunstsammler Charles Saatchi – nahm kein glückliches Ende. Das Prominentenpaar ließ sich 2013 scheiden, nachdem ein Paparazzo fotografisch festgehalten hatte, wie Saatchi seiner Frau auf offener Straße (vor einem Restaurant) an die Gurgel gegangen war. In einem Prozess, in dem es wenig später um Veruntreu­ungen der Hausangestellten ging, wurden die Zustände im Hause Saatchi/Lawson öffentlich ausgerollt, und Nigella musste zugeben, dass sie unter anderem Kokain genommen hatte. Über Wochen hinweg dominierte das Gerichtsverfahren die Klatschspalten. Danach zog sie sich länger zurück.

Mittlerweile ist die Episode Geschichte. Nigella ist wieder im Geschäft. Sie fiel nicht in Ungnade, auch weil sie die Phase mit Haltung durchstand – und mit Schweigen. Es ist fast, als hätte ihr abermaliger Tiefpunkt eine weitere Schicht aufgetragen auf diese so muntere wie fragile Biographie.

„Unser Minderwertigkeitskomplex war weg“

Mit „Cook, Eat, Repeat“ – so der englische Titel ihres aktuellen Buches – ge­lang ihr nach Meinung von Rezensenten ein neuer Wurf. Es ist ein schräges Kochwerk, mit Liebeserklärungen an Stiefkinder der modernen Cuisine. Ganze Kapitel widmet sie den wenig fotogenen Schmorgerichten („brown food“) oder der gemeinen Sardelle. Ihre Rezepte entwickeln sich aus literarisch-persönlichen Einführungen. Dabei bedient sie sich mit Hingabe der Metapher, die sie in vollendeter Form bei Aldous Huxley studiert hat. Der schrieb einmal über einen Champagner, dass er wie ein „mit einem Stahlmesser geschälter Apfel“ ge­schmeckt habe.

Man mag darüber streiten, ob Nigella immer Huxley’sche Höhen erreicht, aber unterhaltsam sind ihre Bilder allemal. Die Ochsenbäckchen mit Portwein und Esskastanien vergleicht sie mit „High Heels, auf denen man auch wirklich laufen kann“. Ihr „Suppiger Reis mit Sellerie und Esskastanien“, schreibt sie, werde den Leser „nicht von den Füßen hauen“, aber „das Ganze hat etwas Gelassenes und Freundliches an sich, und alles scheint zur Ruhe zu kommen, wenn man es isst“. Den Dip mit gerösteten Zwiebeln und Auber­ginen wiederum dürfte „jemand, der regelmäßig Babywindeln wechseln muss, nicht appetitlich finden“, aber „ich mag seine packpapierfarbene, gesprenkelte Tristesse“.

Bevor der Kellner die Dessertkarte reicht, die Nigella mit den Worten zu­rückreichen wird: „Ich habe das wirklich gern gelesen, werde aber nichts nehmen“, lässt sie sich entlocken, dass sie einmal als Austauschschülerin in Essen gewesen ist und im Studium Thomas Mann verehrt hat. „Ich fürchte, von Mann habe ich auch meine unbritische Komma-Reihung und die Neigung zu zusammengesetzten Hauptwörtern.“

Wir beenden den Lunch mit einem Campari Soda, mittlerweile scheint die Nachmittagssonne über die Themse, und Nigella wirft noch einmal einen ge­samteuropäischen Blick auf die Ge­schichte der Esskultur. Das Vorurteil, dass die britische Küche bis in die Neunzigerjahre hinein eine Zumutung gewesen sei, findet sie ein bisschen ungerecht – zumal wenn es von einem Deutschen referiert wird. Eher sieht sie eine gewisse Tragik darin, dass die Briten in der frühen Industrialisierung ihre kulinarischen Traditionen verloren hätten, in einer Zeit also, als die Menschen von den Bauernhöfen in die neuen Industriezentren gewandert sind. Die Wiederentdeckung des guten Essens sei dann mit der französischen Cuisine verbunden gewesen, „einer rigiden, formalisierten Küche“. Aber erst als sich in den Neunzigerjahren der Blick auf Frankreich gelöst und der auf Italien geschärft hätte, habe die britische Küche profitiert und wieder zu sich selbst gefunden. „Unser Minderwertigkeitskomplex war weg, wir haben gelernt, dass sich mit wenig Zutaten viel erreichen lässt, und das passte perfekt zu unserem Hang zur Unstrukturiertheit.“ Das wäre jetzt der perfekte Moment für einen zweiten Campari, aber leider liegt plötzlich die Rechnung auf dem Tisch.

Quelle: F.A.S.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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