So isst die Welt

Massaker mit Messer und Gabel

Von Jakob Strobel y Serra
09.04.2021
, 12:10
Die Menschheit teilt sich bei ihren Esswerkzeugen in drei große Gruppen, die so gut wie keine Überschneidungen kennen: Stäbchen, Finger, Besteck heißt die Dreifaltigkeit am Tisch. Und womit isst man am besten? Die Kolumne Geschmackssache.

Alle Menschen essen, aber nicht alle Menschen essen gleich. Stattdessen tun sie es auf denkbar unterschiedliche Art und Weise: Die einen essen mit Stäbchen, die anderen mit Messer und Gabel und die dritten mit den Händen. Warum aber hat die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte irgendwann beschlossen, sich in diese drei Gruppen aufzuteilen, die so strikt voneinander getrennt sind wie sonst nur Glaubensgemeinschaften? Warum haben die Europäer so viele Errungenschaften aus China übernommen, das Papier, das Porzellan, den Kompass, aber nicht die kluge Sitte, das Essen mit Hilfe von Holzstäben in mundgerechten Häppchen zu verspeisen?

Warum isst man in Indien noch immer mit den Händen, so wie die Urmenschen in ihrer Höhle, obwohl das Land eine jahrtausendealte Geschichte hat und zu den raffiniertesten Zivilisationen der Erde gehört? Und warum können wir Abendländer es nicht lassen, unsere Speisen am Tisch „mit Messer und Gabel zu massakrieren“, wie es der französische Philosoph Roland Barthes nannte, ganz so, als müsste die Kuh erst auf dem Teller geschlachtet werden? Das sind Menschheitsfragen, auf die wahrscheinlich kein Mensch eine endgültige Antwort weiß.

Die Feinfühligkeit der Finger

Am Anfang jedenfalls waren die Hände – und sie sind es immer noch. Denn kein Kleinkind greift freiwillig zu irgendeiner Form von Tischwerkzeug, sondern folgt dem atavistischen Verhalten, das schon dem Homo erectus vor Jahrmillionen zu eigen war. Den Gebrauch seiner Hände muss es sich mühsam abtrainieren und entweder von Vater und Mutter den Löffel zu halten lernen oder mit rohen Erbsen die korrekte Benutzung von Stäbchen üben. Ein Gewinn ist das nicht unbedingt, weil es keine intimere Zwiesprache mit unserer Nahrung gibt, als unsere Hände zu benutzen. Die Haptik, nicht nur Optik und Olfaktorik, sagt uns, was wir gerade in unseren Mund und Magen hineinstecken. Die Feinfühligkeit der Finger verhindert, dass wir zu heiß essen und uns verbrennen. Die Kette der Natürlichkeit unserer Nahrungsaufnahme vom Pflücken und Sähen bis zum Verzehren wird am Tisch von keinem Hilfswerkzeug unterbrochen. Man kann schon verstehen, warum vier Milliarden Menschen weiterhin nichts als ihre Hände am Tisch benutzen.

Die Chinesen aber haben schon immer weit größeren Wert auf Verfeinerung als Atavismus gelegt und sich vor dreitausend Jahren von der Primitivität des Finger Food verabschiedet. Die notorische Knappheit von Brennstoff mag ein Auslöser gewesen sein – kleingeschnittenes Essen wird schneller gar und ist am einfachsten mit Stäbchen zu essen –, doch sie war nicht der alleinige Grund. Vielmehr wollen die Chinesen an ihrer Tafel nicht an die Gestalt des Tieres erinnert werden, das sie gerade verspeisen, vielleicht haben sie ja zu schöne Momente mit ihrer Peking-Ente erlebt. Und dass der Gebrauch von Stichwaffen oder Miniaturheugabeln am Tisch barbarisch ist, musste ihnen nicht erst Konfuzius ans Herz legen. Dem weisesten aller Chinesen wird immer wieder unverbürgt unterstellt, er habe die Messer aus dem Esszimmer verbannt und stattdessen die Stäbchen empfohlen, weil man mit ihnen langsamer, bewusster und genussvoller esse. Das ist zweifellos richtig. Dass man mit ihnen allerdings auch eine enorme Schaufelkraft entfalten kann, zeigt der chinesische Essensgruß: Er lautet „man man chi“ – iss langsamer!

Vom Glück der Tischbarbarei

Die feinen Esswerkzeuge, die dank buddhistischer Missionare auch Japan, Korea und Vietnam eroberten, verlangen zwangsläufig nach mehr Etikette als das grobe abendländische Besteck. Niemals darf man die Chopsticks ins Essen stecken, denn das erinnert an die Position der Räucherstäbchen bei Beerdigungen. Niemals darf man Essen mit Stäbchen weiterreichen, denn so übergeben buddhistische Priester die Knochenreste aus der Asche Verstorbener an die Angehörigen. Und mit den Stäbchen an der Essschale zu klappern ist der größte Fauxpas, weil so nur Bettler Aufmerksamkeit erregen wollen.

Da haben wir abendländischen Tischbarbaren es wesentlich leichter, allein schon deswegen, weil wir uns über das adäquate Instrumentarium beim Essen jahrhundertelang nicht den Kopf zerbrechen wollten. Die antiken Griechen und Römer schlemmten mit den Händen oder gaben sich mit groben Holzlöffeln zufrieden. Im Mittelalter war es üblich, ein Futteral am Gürtel zu tragen, in dem sich Messer und Löffel befanden – „Besteck“ lautete das mittelhochdeutsche Wort für dieses Behältnis, und schon hatten die Deutschen im Gegensatz zu Franzosen, Italienern oder Engländern ein präzises Wort für ihr Esswerkzeug. Bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert brachte man sein Besteck immer mit, wenn man zu einem Mahl eingeladen war, selbst in Gasthäusern bekam man nur einen Teller und einen Humpen.

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Wie verblüffend jung die Geschichte unserer Tischsitten ist, zeigt exemplarisch die Geschichte der Gabel. Sie war zwar schon im Römischen Reich verbreitet, aber nur zum Aufspießen von Häppchen oder zum Servieren von Fleischstücken. Mit dem Untergang Roms verschwand sie aus Europa, kehrte erst im Hochmittelalter über das byzantinische Reich zurück und sorgte sofort für Furore: Der Soziologe Norbert Elias schildert in seinem Buch „Über den Prozess der Zivilisation“, wie eine Prinzessin aus Byzanz am Hof des Dogen von Venedig mittels einer Gabel Nahrung in ihren Mund führte – und damit den Frevel beging, von Gott gegebenes Essen mit etwas anderem als den von Gott dafür vorgesehenen Händen zu essen. Für die Kirche waren Gabeln lange Zeit Teufelszeug, weil der Dreizack als Insignie des Leibhaftigen galt. Hildegard von Bingen sah im Gebrauch von Gabeln sogar eine Verhöhnung Gottes. Von Martin Luther stammt der berühmte Satz: „Gott behüte mich vor dem Gäbelchen.“ Und Erasmus von Rotterdam befand kategorisch, dass alles, was am Tisch gereicht werde, mit drei Fingern oder Brotstücken zu nehmen sei.

Diese Skepsis hielt sich dermaßen zäh, dass erst dank der industriellen Massenfertigung im späten neunzehnten Jahrhundert die Vier-Zinken-Gabel, wie wir sie heute kennen, zum Stammgast an unserem Esstisch wurde. Für die meisten Erdenbewohner ist sie indes immer noch eine Kuriosität. Vielleicht sollten auch wir sie ab und zu beiseitelegen und mit Stäbchen essen oder mit bloßen Händen. Denn fast sechs Milliarden Menschen können unmöglich irren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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