Dalgona-Challenge aus Korea

Schnitz um dein Leben

Von Johanna Christner
25.10.2021
, 15:33
Der Mann mit dem Regenschirm: „Squid Game“-Hauptdarsteller Lee Jung-jae wählte ungewollt die komplizierteste Form aus.
In der Netflix-Serie „Squid Game“ entscheidet die Süßigkeit „Dalgona“ über Leben und Tod. Das Zuckergemisch wird allerdings schon seit Jahrzehnten in Südkorea verkauft – und gab Inspiration für das Quarantäne-Getränk schlechthin.
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Zwischen Rutsche und Klettergerüst gilt es für die Spieler in Folge 3 der Erfolgsserie „Squid Game“ eine Entscheidung zu treffen: Kreis, Dreieck, Stern oder doch der Regenschirm? Ohne dabei zu wissen, welche Form die größte Überlebenschance im Spiel um Leben und Tod bietet. Gut beraten war Spieler Sang-woo – durch eine Kindheitserinnerung. Ein Rückblick zeigt, wie ein älterer Herr vor einem kleinen Stand hockt und in einem Pfännchen rührt, und wie Zucker sich zu einer hellbraunen Masse wandelt, kurzerhand platt gedrückt und auf eine Plätzchenform gepresst wird: Stern, Regenschirm, Spielkegel. Der zum Erwachsenen gereifte Sang-woo entscheidet sich für das Dreieck – die einfachste Form. Denn die in Zuckermasse gegossenen Formen müssen mit einer Nähnadel und viel Fingerspitzengefühl ausgeschnitzt werden. Wer scheitert, muss wie in allen Spielen von „Squid Game“ mit dem Tod rechnen.

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Während der tödliche Ausgang dieses Spiels reine Fiktion ist, existiert die nun durch „Squid Game“ einem breiten Publikum bekannt gewordene Süßigkeit in Südkorea tatsächlich. Dort wird das Gemisch aus Zucker und Backpulver „Dalgona“ oder „Ppopgi“ genannt und seit den Sechziger Jahren an Straßenständen verkauft. Bei der Kniffelaufgabe gibt es im realen Leben im Grunde nur Gewinner: Wem es gelingt, die eingestanzte Form aus der Masse herauszulösen, erhält einen kleinen Preis wie etwa ein weiteres Stück „Dalgona“. Wer an dem Spiel scheitert, hatte zumindest ein Mal das zuckrige Vergnügen. Zugegeben, gesund ist der Spaß nicht, aber das sind herkömmliche Bonbons aus dem Supermarkt auch nicht. Und obgleich nun vielerorts vom „Squid Game-Keks“ die Rede ist, geht es bei „Dalgona“ um sehr viel mehr: Viele Menschen in Südkorea verbinden diesen bestimmten Snack mit Emotionen, Nostalgie und Kindheitserinnerungen – so wie Sang-woo, der Spieler mit der Nummer 218.

Der Erfolg von „Squid Game“ wirkt sich auch auf die Straßenverkäufer in Südkorea aus, manche der Händler können sich aktuell vor Kunden kaum retten. Ein Stück der Süßigkeit kostet etwa 2000 koreanische Won, umgerechnet ungefähr eineinhalb Euro. Das große Los zog der Händler, der sich für das Filmteam von „Squid Game“ an seine Pfännchen setzte: Der 37 Jahre alte An Yong-hui verkauft seit acht Jahren „Dalgona“ im Universitätenviertel von Seoul und fertigte gemeinsam mit seinen Mitarbeitern aus 15 Kilo Zucker die 700 „Dalgonas“ für die Dreharbeiten im Juni 2020. Seitdem „Squid Game“ zahlreiche Netflix-Zuschauer begeistert, kam es da schon einmal vor, dass An für eine Woche nicht nach Hause gehen konnte, um die vielen Kunden an seinem zwei Meter langen Stand bedienen zu können. Und das in einer Zeit, in der junge Koreaner „Dalgona“ nicht selten lediglich aus Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennen. Denn die Süßigkeit galt vor allem nach dem Koreakrieg als zuckriger Trost in schwierigen Zeiten.

Obwohl „Dalgona“ aus lediglich zwei Zutaten besteht, ist auch die Zubereitung gar nicht mal so einfach. Abhilfe schaffen die zahlreichen Videos auf Tiktok und Instagram, die seit dem Hype um „Squid Game“ unter Hashtags wie #DalgonaChallenge und #DalgonaCandyChallenge viral gehen: Den Zucker nicht zu stark erhitzen; das Pfännchen nicht aus den Augen lassen, da die Süßigkeit sonst zu verbrennen droht; nach Möglichkeit lange Stäbchen zum Verrühren nutzen; und dem Zucker nicht zu viel, sondern am besten nur eine Prise Backpulver beifügen. Übung macht auch in dieser Angelegenheit den Meister. Das perfekte „Dalgona“ wird nach dem Abkühlen nicht hart, sondern erhält eine leicht zähe und dennoch einfach kaubare Konsistenz.

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Wer sich nicht an die Zubereitung von „Dalgona“ traut, kann auch mit einem Instagram- und Tiktok-Filter vorlieb nehmen und im Selfie-Modus seiner Kamera den „Toffee Game“-Effekt ausprobieren: Während die gruselig-schöne Musik von „Squid Game“ im Hintergrund läuft, kann man dabei mit dem Gesicht die „Dalgona“-Formen ausschnitzen – auch hier ganz ohne tödliche Konsequenzen. Clevere Besitzer koreanischer Restaurants in Deutschland rufen darüber hinaus aktuell eigene „Dalgona Challenges“ aus, bei denen konzentrierte Restaurantbesucher um den Sieg schnitzen.

Mit dem „Dalgona-Kaffee“, dessen Zubereitung Internetnutzer im Lockdown beschäftigte, hat die Süßigkeit im Übrigen nicht viel zu tun. Aber dann doch ein bisschen: Nachdem Schauspieler Jung Il-woo das ursprünglich aus Indien stammende Getränk in einem Café in Macau entdeckte, stellte er die Kaffeespezialität Anfang 2020 in einer südkoreanischen Fernsehshow vor. Weil das ähnlich gefärbte Gemisch aus Instantkaffee, Zucker und heißem Wasser ihn an die Süßigkeit „Dalgona“ erinnerte, nannte er es „Dalgona Coffee“. Und da Cafés zu dieser Zeit wegen der Corona-Pandemie schließen mussten, wurde das Getränk mit seiner einfachen Zubereitung zu einem Internetphänomen – und erhielt den Beinamen „Quarantine Drink“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Christner, Johanna
Johanna Christner
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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