Vegane Ersatzprodukte

Thunfisch ohne Fisch

Von Johannes Ritter, Zürich
24.03.2021
, 10:22
Investoren entwickeln wachsenden Appetit auf vegane Ersatzprodukte. Deren Geschmack wird aber nur langsam besser.

Nestlé ist bekannt für Kaffee, Schokolade, Eis, Babykost, Mineralwasser, Tierfutter und vieles mehr. Als Anbieter von Fischprodukten ist der Schweizer Lebensmittelriese in seiner langen Firmengeschichte indes nicht auffällig geworden. Doch das hat sich inzwischen geändert: Seit dem vergangenen Jahr verkauft Nestlé auch Thunfisch im Glas. Allerdings handelt es dabei gar nicht um Fisch. Das „Sensational Vuna“ genannte und bisher nur in der Schweiz erhältliche Produkt besteht aus sechs fleischfreien Zutaten, unter denen ein pflanzliches Erbsenprotein die Hauptrolle spielt. Der vegane Thunfisch gleicht in Aussehen, Textur und Duft dem Original aus der Dose. Geschmacklich kommt er diesem auch recht nah – hier besteht aber noch Luft nach oben. Nestlé hat „Vuna“ binnen neun Monaten entwickelt und bastelt weiter an dessen Verbesserung.

Das Produkt ist nur ein Beispiel von vielen für die Offensive, die der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt auf dem Feld für Fleischersatzprodukte lanciert hat. Der Konzernchef Ulf Mark Schneider sieht dort große Wachstumschancen. Er wird in dieser Ansicht nun durch eine neue Studie bestätigt, die am Mittwoch veröffentlicht wird und der F.A.Z. vorab vorlag. Die Studie stammt aus der Feder der Beratungsgesellschaft Boston Consulting und der Schweizer Investmentgesellschaft Blue Horizon, die rund um den Globus an mehr als 50 Unternehmen beteiligt ist, die in der Welt der pflanzlichen Ersatznahrung unterwegs sind.

Die Autoren erwarten, dass der Markt für Ersatzprodukte tierischer Lebensmittel von heute 40 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2035 auf rund 290 Milliarden Dollar wachsen wird. In der gleichen Zeit werde der Markt für alternative Proteine von 13 Millionen Tonnen jährlich auf 97 Millionen klettern. Auf Basis dieser Schätzung kämen alternative Proteine binnen 15 Jahren auf einen Anteil am gesamten Proteinmarkt von 11 Prozent. Das ist das Basisszenario. Schnellere technologische Innovationen und stärkere regulatorische Unterstützung (wie eine Erhöhung des CO2-Preises) könnten den Marktanteil auf 22 Prozent hieven, glauben die Autoren. Gemäß diesem Szenario würde der Konsum von Fleisch, Eiern und Milchprodukten in Europa und Nordamerika im Jahr 2025 seinen Höhepunkt erreichen und der Verzehr von Proteinen aus tierischer Herkunft anschließend sinken.

„Jetzt geht es in Richtung Käse, Eier, Fisch und Meeresfrüchte“

Nach Einschätzung von Björn Witte, Managing Partner von Blue Horizon, wird das Marktwachstum durch die Corona-Pandemie zusätzlich beschleunigt. „Das Bewusstsein der Menschen für Umwelt und Gesundheit ist stärker geworden“, sagte Witte der F.A.Z. Auch der Tönnies-Fleischskandal zeige in diesem Sinne Wirkung. Als Treiber der weiteren Entwicklung sieht Witte die technologischen Fortschritte in der Aufbereitung von Erbsenprotein oder Soja als Ersatz für Fleisch in Currywurst, Grillhuhn, Gyros, Schnitzel, Bratwurst oder Hack.

Etliche der auf dem Markt erhältlichen Fleischimitate sind geschmacklich allerdings noch ein gutes Stück von den jeweiligen Originalen entfernt – von der oft ellenlangen Liste an Zutaten, mit denen die Speisen aromatisch aufgedonnert werden, ganz zu schweigen. „Alternative Proteine werden tierischen Proteinen schon bald in Geschmack, Textur und Preis in nichts mehr nachstehen“, meint indes Benjamin Morach, der als Partner von Boston Consulting Koautor der Studie ist. Nach seiner Schätzung könnten pflanzliche Fleischimitate aus Soja und Erbsen 2023 preislich und geschmacklich voll konkurrenzfähig sein. Alternative Proteine aus Mikroorganismen wie Pilzen, Hefen und einzelligen Algen könnten 2025 gleichwertig sein.

„Bisher lag der Fokus stark auf dem Ersatz von Rind und Huhn. Jetzt geht es in Richtung Käse, Eier, Fisch und Meeresfrüchte“, sagt Morach. Zu den rein pflanzlichen Doppelgängern, die binnen fünf Jahren in jeder Hinsicht gleichwertig zu den Originalen sein sollen, zählen die Studienautoren Gerichte wie Lasagne, Spaghetti bolognese, Burritos und Dim Sum.

Um bis 2035 auf die genannten 11 Prozent Marktanteil zu kommen, müssten nach Morachs Kalkulation rund 190 Milliarden Dollar investiert werden. Dies betrifft die gesamte Wertschöpfungskette von der Forschung und Entwicklung über die Rohstoffbeschaffung und die Produktion bis hin zu Vertrieb und Marketing. Die Mittel dazu aufzutreiben ist nach Aussage von Björn Witte kein Problem. Er berichtet von einer starken Nachfrage der Investoren nach Fondsanteilen seiner Gruppe, die bisher mehr als 650 Millionen Dollar in Beteiligungen investiert habe. „Der Druck wächst, in nachhaltige und umweltfreundliche Anlagen zu investieren. Dafür sind wir genau richtig aufgestellt.“ In den nächsten 12 bis 15 Monaten, so schätzt Witte, werden drei bis fünf Unternehmen aus der Branche an die Börse gehen. Der schwedische Milchersatzhersteller Oatly hat seine Unterlagen für ein Listing an der New Yorker Börse schon eingereicht.

Auch Nestlé investiert tüchtig weiter in fleischfreie und damit klimafreundlichere Produkte. Im April bringen die Schweizer vegane Mini-Pizzen (Wagner) auf den deutschen Markt. In den kommenden Monaten will Nestlé auch den Thunfischersatz „Vuna“ in Deutschland einführen, denn in der Schweiz ist man nach Aussage eines Sprechers mit den Verkaufszahlen „sehr zufrieden“. Einfach ist die Umwandlung klassischer Speisen in fleischlose Varianten allerdings auch für den finanzstarken Multi nicht. An der Entwicklung von veganem Sushi zum Beispiel beißen sich Nestlés Forscher gerade die Zähne aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ritter, Johannes
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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