Postsowjetische Esskultur

Der Zwiespalt vor der Tiefkühltruhe

Von Daniel Hinz
06.05.2021
, 12:07
Unser Autor verzichtet seit vier Jahren auf Fleisch – eigentlich. Denn sein Vegetarismus stößt in der postsowjetischen Diaspora auf Unverständnis. Und dann sind da noch die Pelmeni.

„Eigentlich bin ich Vegetarier“, sage ich zu meinem Kumpel. Dehydriert und hungrig stehen wir mittags vor einer Tiefkühltruhe im Supermarkt. Unser Blick wandert verträumt zu einer Tüte mit Pelmeni, Teigtaschen mit Fleischfüllung. In einem Comic-Streifen würde uns dieser Anblick den Mund wässrig machen. In der Realität bleibt der Mund wegen meines gestrigen Rauschs allerdings trocken. Obwohl ich versuche, kein Fleisch zu essen – beim Anblick der Tüten rausche ich eine kindlich frohe Erinnerungsrutsche hinab. Diese Geborgenheit, sie spiegelt sich sinnbildlich in den teigummantelten Fleischkügelchen wider. Pelmeni, das ist die Küche meiner Mutter!

Mein Freund und ich, wir sind beide postsowjetische Migranten. Und fragen uns, ob es denn in Ordnung ist, als Vegetarier Pelmeni zu essen. „Was eine dumme Frage“, mag sich manch einer da möglicherweise denken. Fleisch ist Fleisch. Und als Vegetarier isst man kein Fleisch – niemals, nie und fertig. Seit vier Jahren lebe ich fleischfrei. Von meinen Verwandten höre ich zu Weihnachten, Ostern und auf Geburtstagen immer den selben Satz: „Bist Du noch Vegetarier?“ Sie verziehen dabei ihr Gesicht, als ginge es um den Kampf mit einer schweren Krankheit. Kein Fleisch zu essen bedeutet für die postsowjetische Diaspora Mangelernährung, oder gar schlimmer: Respektlosigkeit und Verleugnung der eigenen Kultur. Als Zeichen der Versöhnung esse ich ein Stück Fleisch mit – und trinke fünf Gläser Wodka. Bin ich doch kein Vegetarier?

Auf Fleisch zu verzichten ist elitär

Auch bei meinen Eltern stoße ich mit meinem „Hobby“ Vegetarismus auf viel Unverständnis. „Daniel, wir sind damals vor leeren Regalen aus Kasachstan nach Deutschland geflohen und jetzt isst Du nichts“, schimpft mein Vater. Die Bürgerlichen in ihren Altbauwohnungen mit Fischgrätenparkett und minimalistischer Einrichtung wählen zwischen achtzehn Sorten Hafermilch. Wenn jemand die Falsche trinkt, etwa weil Verbindungen zwischen Führungsetage des Hafermilch-Unternehmens und ominösen Politikern bestehen, darf man sich auf etwas gefasst machen. Die Menschen in der Sowjetunion durchlebten indes die ein oder andere Hungersnot. Seit den frühen 1930er Jahren deportierte der sowjetische Apparat hunderttausende Deutsche. Viele überlebten das nicht. 1936 wurde auch der Bauernhof meiner Vorfahren in der Nähe von Odessa enteignet. Im Winter wurden sie in die kasachische Steppe verbannt. Mein Opa, damals noch ein Kleinkind, überlebte. Auf Fleisch zu verzichten ist aus dieser Perspektive elitär. Pelmeni hingegen ist die Nahrung des Proletariats.

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Vegetarier und Veganer haben gute Gründe für ihr Handeln, keine Frage: Tierwohl, Gesundheit, Klima. Das liest und hört man täglich schließlich auch in den Zeitungen und Podcasts der Nation. In Deutschland ernähren sich laut Umfragen mehr als acht Millionen Menschen vegetarisch oder vegan, demnach fast zehn Prozent der Bevölkerung. In Russland sind es lediglich etwa drei bis fünf Prozent: Russland und die postsowjetischen Staaten sind Fleischländer. Der russische Einwohner aß 2019 im Durchschnitt ganze 76 Kilogramm Fleisch, der deutsche immerhin beachtliche 58 Kilogramm. Kann ich die Welt retten, wenn ich auf Pelmeni verzichte?

„Pelmeni schmecken nur mit Fleisch“

In der postsowjetischen Kultur wird Essen zelebriert, die Zubereitung benötigt ihre Zeit. Ob Pelmeni, Wareniki oder Manti: Wenn ich mich zu Hause ankündige, sitzt meine Mutter von früh bis spät in der Küche. Schnibbelt, knetet, formt. Nimmt nur die besten Zutaten. Es wäre zutiefst verletzend, nicht mitzuessen. Ich bin nicht vegetarisch geworden, um mich dem vermeintlich Bösen entgegenzustellen. Und ich versuche zu akzeptieren, dass ich die Welt nicht retten werde, indem ich meiner Mutter den vollen Teller aus der Hand schlage. Außerdem kocht sie mittlerweile auch öfter vegetarische Gerichte – mit veganem Hack. Nur Pelmeni, die nicht. „Pelmeni schmecken nur mit Fleisch, Danik“, sagt meine Mutter. Und sie hat leider recht.

Fleischkonsum ist keine individuelles, sondern eine strukturelle Angelegenheit. Niemals werden wir alle Menschen in Deutschland, geschweige denn auf der ganzen Welt, davon überzeugen können, sich überwiegend vegetarisch oder vegan zu ernähren. In postsowjetischen Staaten denkt ein großer Teil der Leute immer noch, vegetarische Ernährung sei ungesund. Juri Gagarin war vor 60 Jahren der erste Mensch im Weltall, er hatte Süßigkeiten und Wodka dabei. Und Wurst. Brauche ich dieses Label „Vegetarier“? Wie sähe eine Welt aus, in der alle einfach weniger Fleisch essen würden? Ich denke wieder an Pelmeni. Sie holen mich zurück in die Realität.

Zurück im Supermarkt unterstreicht mein Kumpel seine Ansage mit Zeige- und Mittelfinger: „Dawai, pack ein, zwei Packungen.“ Zwei. Mein Kopf dröhnt. Und doch denke ich daran, wie überraschend gut es mir gerade geht. Aber auch daran, wie fehlerhaft ich als Vegetarier bin, ja, dass ich ein schlechter Vegetarier bin. Ein Heuchler. Mein Handeln: Inkonsequent. Und doch sind Pelmeni die beste Medizin gegen meinen Kater. Sie sind Teil meiner postsowjetischen Kultur. Ich stecke die Tüten in meinen Jutebeutel. Und vielleicht, denke ich, bin ich doch kein so schlechter Mensch, wenn ich einmal im Monat Pelmeni esse.

Quelle: FAZ.NET
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