Einfache Mahlzeit

Was wird zu Hause aus dem Butterbrot?

Von Celina Plag
02.04.2021
, 11:57
Gerät in der Pandemie auch das Butterbrot in die Krise? Ein Blick auf der Deutschen liebsten Snack.

Corona und die Lockdown-Lockerungen sind wie eine On-Off-Beziehung: eine toxische Leidensgeschichte. Die spielt sich an vielen Schauplätzen ab, zum Beispiel in der Küche. Wo Kinder und Arbeitende mal wieder ihren Lern-und Lohnraum gegen das „Home“ eintauschen, fristet dann die Tupperdose eine bemitleidenswerte, weil in die Unsichtbarkeit abgerutschte Existenz. Und das, obwohl des Deutschen geliebtes Döschen für das noch mehr geliebt-geklappte Pausenbrot ohnehin bereits seit mehr als einem Jahr in der Krise steckt.

Ähnlich geht es dem Butterbrot, denn es läuft Gefahr durch andere Pausensnacks ersetzt zu werden. Die Angst um das Butterbrot ist real, denn immerhin verliert einer seiner Hauptvorzüge – dass es sich in geklappter Variante so toll transportieren lässt, ohne die Arbeitstasche vollzusuppen – im Heimbüro an Relevanz.

Deutsches Kulturgut

Das ist traurig, immerhin handelt es sich bei dem Butterbrot um echtes deutsches Kulturgut. Schon Goethe ließ seinen Werther ein „Budderbrot“ verspeisen. Und als Angela Merkel 2017 der Boulevardzeitung „Bild“ ein Deutschland-ABC von A wie „Artikel 1 Absatz 1 unseres Grundgesetzes” bis Z wie „Zweifel, Zoff, Zuversicht, Zusammenhalt“ buchstabierte, stand da bei B? Eben! Das Butterbrot gehört zu Deutschland. Zugegeben, auch „Bundeswehr“ und „Bratwurst“ schafften es in Merkels Alphabet. Aber die sind halt nicht überall beliebt.

So komplex und vielfältig wie die deutsche Identität ist auch das Butterbrot selbst, weil es viel mehr ist als manche Person beim Blick auf den Namen vermutet – aber man soll ja sowieso nichts und niemanden allein nach seinem Namen beurteilen. Zur besonderen Leistung des Butterbrots gehört bekanntlich, dass es außer Butter auch alles Mögliche andere auf sich tragen kann. Käse oder Wurst zum Beispiel. Marmelade. Nutella. Oder einen veganen Aufstrich. Andersherum braucht ein Butterbrot keine Butter, um sich Butterbrot nennen zu dürfen. Präziser müsste es heißen: Das Brot gehört zu Deutschland. Aber nicht unbedingt die Butter.

Dazu passt, dass das Butterbrot eher für eine bodenständige, bisweilen kärgliche Mahlzeit steht. Wer sprichwörtlich „für ein Butterbrot arbeitet“, der meint eher keine Kaviarschnitte. Wer wiederum, wie Franz Biberkopf im Roman „Berlin Alexanderplatz“, „mehr vom Leben verlangt als das Butterbrot“, der greift vielleicht zum Sandwich. Das ist nach einem britischen Earl benannt, dem Earl of Sandwich, und allein deshalb von eher üppiger denn bäuerlicher Natur.

Um neben seiner Arbeit – oder während des Kartenspiels, da gehen die Erzählungen auseinander – platz- und zeitsparend und ohne Schmierfinger zu essen, ließ sich der Earl zusammengeklappte Brote mit Roastbeef bringen. Dass er das Klappbrot erfunden hat, gilt eher als unwahrscheinlich. Ein Mann seines Ranges dürfte vor rund 250 Jahren wohl noch nicht mal gewusst haben, wo auf seinem riesigen Anwesen überhaupt die Küche liegt. Das mittlerweile recht üppig belegte Brot aber trägt seither seinen Namen.

Schleichende Sandwichisierung

In der deutschen Hauptstadt hat die Pandemie jedenfalls die schleichende Sandwichisierung vorangetrieben. Prunkvoll belegte Sandwiches, zum Beispiel mit Kimchi und gegrilltem Käse im Restaurant Lok6 oder mit frittiertem Huhn im Barra, als hübsch verpacktes Take Away versüßten manch einem Berliner seinen täglichen Spaziergang. Mitunter bildeten sich vor den Restaurants, die auf den Verkauf von Luxusschnitten umgesattelt hatten, lange Schlangen. Und das lag nicht nur an dem Corona-gerechten Abstand.

In Deutschland versucht man schon seit Jahren, gegen die Infiltrierung von ausländischen belegten Backwaren vorzugehen. Als der Fast-Food-Gigant McDonalds 2002 hierzulande den Bagel mit dem Slogan „Butterbrot ist tot“ plakatierte, war das Geschrei groß. Die Website butterbrot.de — eine digitale Liebeserklärung an das deutsche Kulturgut und eine der frühen Perlen des deutschen Internets — startete sogar eine Petition dagegen. Schon zuvor hatte sich die Seite für den Erhalt ihres Namensgebers eingesetzt.

Inspiration fürs Butterbrot

Das blieb nicht unbemerkt. Einige der Stimmen sammelte butterbrot.de in seinem Pressespiegel. „Anhänger jeglicher Religionen, Weltanschauungen, Verschwörungstheorien und nicht zuletzt Anhängerkupplungen werden vereint unter dem Leitspruch ‚Ja, wir schmieren Butterbrote‘“, hieß es dort 1999. „Kaum ist der Doppelpaß durch, geht es dem deutschen Kulturgut an den Kragen. Nach den Scheinselbständigen haben die Sozis jetzt auch noch das Butterbrot auf dem Gewissen“, heißt es an anderer Stelle im gleichen Jahr. Es bleibt etwas unklar, warum das so sein soll. Aber es scheint, als gehörten auch Verschwörungstheorien, Anhängerkupplungen, Sozis und Meckern nach wie vor zu Deutschland.

Wer sich für sein Butterbrot etwas Inspiration holen möchte, findet auf der Website jedenfalls allerhand „scharfe Schnitten“ mit Rezeptidee. Allen anderen sei der deutsche Klassiker in seiner zeitlosen Reinform empfohlen. Dafür brauchen Sie: Eine frische Scheibe Ihres Lieblingsbrotes. Ihre Lieblingsbutter, die Sie darauf so dick verteilen, wie es Ihnen beliebt. Und eine Prise Ihres liebsten Salzes. Fertig. Falls Sie vorhatten, in die Ferne zu schweifen: Besser als zu Hause schmeckt das nirgendwo.

Quelle: FAZ.NET
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