Whiskymanufaktur Orma

Was für eine Schnapsidee!

Von Johannes Ritter
18.01.2021
, 13:23
Auf einer Bergstation im Oberengadin auf 3303 Metern Höhe haben Rinaldo Willy und Pascal Mittner eine Whisky-Destillerie installiert – die höchstgelegene Brennstätte für Whisky der Welt. Davon erhoffen sie sich besondere Aromen.

Wenn Rinaldo Willy von seinem neuen Arbeitsplatz erzählt, gerät er ins Schwärmen: „Vom Fenster aus sehe ich den Bernina-Gletscher und den Biancograt.“ Der schneebedeckte Biancograt führt auf den Piz Bernina, einen 4049 Meter hohen Berg im Schweizer Kanton Graubünden, in dem Willy aufgewachsen ist. Der Vierzigjährige liebt die Berge – und er hat noch eine andere Leidenschaft: das Whisky-Brennen. Gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Pascal Mittner verbindet er nun seine beiden Vorlieben. Auf der Bergstation des Piz Corvatsch im Oberengadin haben sie eine Whisky-Destillerie installiert, 3303 Meter über dem Meer – die höchste Brennstätte für Whisky auf der Welt.

Wie kommt man auf so eine Schnapsidee? Willy und Mittner sind vor zehn Jahren in die Whisky-Produktion eingestiegen. Ihr Kleinstunternehmen namens Orma (rätoromanisch für Seele) stellt hauptsächlich Single-Cask-Whiskys her. Die Hochprozenter kommen nach mindestens dreijähriger Lagerzeit jeweils aus einem einzigen Fass und werden zu Preisen von 160 bis 290 Franken über das Internet verkauft. Für unterschiedliche Geschmacks- und Duftnoten lagern die Holzfässer an unterschiedlichen Orten in Graubünden: in einem Sprengstofflager, einer früheren Bankfiliale, einer Scheune, einem Erdkeller aus dem 15. Jahrhundert, einer alten Schmugglerhöhle – und in einer Felsgrotte auf dem Corvatsch.

Mit Schlafsack, Isomatte und Notproviant

Schließlich kamen die beiden Bündner auf die Idee, dort oben auch Whisky zu brennen. Willy hofft, dass dem Whisky beim Destillieren ein breiteres Spektrum an Aromen und Duftnoten erhalten bleibt, weil der Siedepunkt in dieser Höhe zehn Grad tiefer liegt als auf Meeresniveau. „Es sollte ein weicher Whisky werden“, sagt Willy, wohl wissend, dass der Praxistest noch aussteht. Schließlich können sich Aromen nach jahrelanger Lagerung auch verflüchtigen.

Eine Million Franken haben die Whisky-Pioniere in ihr hochalpines Brennprojekt gesteckt. „Wir hatten dieses Geld nicht“, sagt Willy und gesteht, dass sie nicht vom Whisky-Verkauf leben können und hauptberuflich auf ganz anderen Feldern unterwegs sind. „Friends, fools and family“, sagt Willy lachend, hätten in einer Art „Crowdfunding“ die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt. Sie werden die ersten sein, die an den Führungen durch die Destillerie teilnehmen, die Willy und sein Kompagnon von Dezember an jeweils freitags und samstags anbieten – Whisky-Degustation inklusive.

Die Teilzeitarbeit in luftiger Höhe hat ihre Tücken. In bestimmten Phasen darf der Brennprozess nicht unterbrochen werden. „Wenn die Bergbahn aber wegen eines aufziehenden Sturms ihren Dienst schon früher am Tag einstellen muss, sind wir gezwungen, da oben zu übernachten. Deswegen haben wir immer Schlafsack, Isomatte und etwas Notproviant dabei.“ Ein paarmal mussten die Whisky-Enthusiasten schon in der Bergstation campieren. Dabei machten sie eine schöne Entdeckung: Sobald alle Touristen weg sind, kreisen hier viele Raben. Der Gipfel macht seinem Namen alle Ehre: Corvatsch heißt auf Rätoromanisch großer Rabe.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Ritter, Johannes
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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