Dreh im Piemont

Reise ins Reich der Trüffeljäger

Von Maria Wiesner
29.10.2020
, 18:46
Die Trüffeljäger des Piemont sind nicht mehr die Jüngsten, können den Herbst aber kaum erwarten: Dann zieht es sie zur Suche in die Wälder. Dokumentarfilmer haben sie drei Jahre begleitet und eine Welt fernab der Technologie entdeckt.

Was Pilze sammeln mit holländischer Barockmalerei zu tun hat? So einiges, wenn man sich „Truffel Hunters“, den Dokumentarfilm von Michael Dweck und Gergory Kershaw, anschaut. Das beginnt schon in der Anfangsszene. Da fährt die Kamera langsam auf das Panorama eines Herbstwalds zu. Was man erst für die Vogelperspektive hält, entpuppt sich als gerader Blick auf eine Steilwand voller gelbgoldener Bäume, durch deren Geäst sich zwei schwarz-weiß-gefleckte Hunde drängen. Erst ein wenig später fällt der Mann auf, der sich in schlammgrüner Weste mit Wanderstock hinter den Hunden den Steilhang hinauf arbeitet. Die Farben und der Aufbau der Szene ähnelen jenen auf den Landschaftsgemälden holländischer Meister. Diese Assoziation ist kein Zufall, entführen die beiden Filmemacher doch in eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben scheint.

Mehr als drei Jahre haben Dweck und Kershaw in den Dörfern des Piemont verbracht und jene alte Männer begleitet, deren Leidenschaft die Trüffeljagd ist. Da ist Aurelio, 84 Jahre alt, kinderlos, den immer wieder jüngere Trüffeljäger aufsuchen, um ihm die Geheimnisse seiner Stammplätze zu entlocken. Ein Ansinnen, gegen das er sich selbstverständlich vehement wehrt. Sein einziger Gefährte ist die Hündin Birba, die er wie eine Tochter umhegt.

Dann ist da Carlo, 88 Jahre alt, dessen Frau versucht, ihm das nächtliche Trüffelsuchen auszutreiben. Natürlich schleicht er trotzdem in tiefster Dunkelheit mit seinen Hunden durch die Wälder. Sergio, 68 Jahre, hingegen lässt sich gern mal mit anderen Trüffeljägern auf einen Plausch ein. Die Gespräche machen deutlich, wie viel Geheimniskrämerei unter ihnen herrscht, wie hoch der Konkurrenzdruck ist. Sergio wird im Laufe des Films erzählen, dass er immer ein Gegenmittel im Auto hat, denn manche Sammler legen Gift um ihre Stellen aus, um die Hunde zu vertreiben. Sergio hat bereits zwei seiner hochsensiblen Trüffelhunde verloren. Als eines seiner Tiere während des Drehs verendet, wird er vor einem Polizisten in Tränen ausbrechen.

Es sind solche intimen Aufnahmen, die zeigen, wie viel Zeit und Geduld die Dokumentarfilmer in das Projekt gesteckt haben. Nicht nur um das Vertrauen ihrer Protagonisten zu gewinnen, auch um solch ästhetisch ausgefeilte Aufnahmen zu bekommen.

Wer die italienischen Häuschen jener Bergdörfer kennt und um die dunklen Holzgarnituren weiß, die in diesen Zimmern für gewöhnlich das Licht schlucken, wird verwundert vor diesen Bildern sitzen und staunen, wie es dem Filmteam gelang, die Trüffeljäger in ihren Wohnungen fast ausschließlich mit natürlichem Licht in Szene zu setzen. „Das war gar nicht so leicht“, erinnert sich Kershaw während eines Videointerviews. „Wir haben viel Zeit damit verbracht, auf den richtigen Moment, die richtige Beleuchtungsgelegenheit zu warten. Bei Aurelio gab es nur dieses eine Fenster am Esstisch und dort schien an zwei Stunden pro Tag die Sonne hinein.“

Pilzjagd aus der Sicht des Hundes

Beim Warten auf den richtigen Augenblick sind sie auf so einige interessante Ideen gekommen. So haben sie von einem Schuhmacher in einem der Dörfchen ein Geschirr anfertigen lassen, mit dessen Hilfe sich eine GoPro-Kamera auf dem Kopf eines Hundes anbringen ließ. Die so entstandenen Aufnahmen zeigen die Trüffelsuche aus der Perspektive des Hundes und geben gleichzeitig Einblick in die Beziehung zwischen den Sammlern und ihren Hunden. Einmal allein im Wald beginnen die alten Männer mit den Tieren fast schon ein Zwiegespräch, zum Teil in einer Sprache, die weit vom Piemonteser Dialekt entfernt allein auf die Verständigung zwischen Herrschen und Hund zugeschnitten ist.

Dieser Idylle setzen die Filmemacher jene Eindrücke entgegen, die sie in der Welt des Trüffelhandels gesammelt haben. Wie Mosaiksteinchen puzzelt sich das Geschehen zusammen. Auf Szenen aus dem Wald und den Dörfern und Wohnungen der Trüffelsucher folgen Aufnahmen von Preisverleihungen, bei denen der prächtigste Trüffel ausgezeichnet wird, man beobachtet im Licht von Autoscheinwerfern den nächtlichen Ankauf frischer weißer Trüffel, für die vierstellige Summen geboten werden, und man belauscht die Telefonate eines Trüffelhändlers, der mal mit französischen, mal mit russischen Klienten spricht und irgendwann seiner Tochter erklären muss, warum sie kaum Trüffel zuhause essen.

Der Blick auf den internationalen Trüffelmarkt, der die Suche befeuert und die Preise drückt, bleibt jedoch unkommentiert. Ob man hier die Nostalgie der alten Italiener für eine Welt fernab der Technologie teilt oder auf eine Kritik der Globalisierung hineindeuten will, bleibt den Zuschauern überlassen.

Gefragt nach der derzeitigen Faszination mit Pilzkulturen – wie sie zuletzt in Büchern wie Anna Lowenhaupt-Tsings „Der Pilz am Ende der Welt“ Ausdruck fand – bezeichnet Kershaw Pilze „als Mysterium der Natur“. Trüffel könne man nicht kultivieren, sie zu suchen erfordere Übung, langjähriges Wissen und Training. Dweck fügt ergänzend hinzu: „Pilze sind etwas, dass Menschen nicht kontrollieren können. Das macht einen Teil ihrer Faszination aus.“

Der Film „Truffle Hunters“ wird zum Abschluss des Wiener Filmfestivals Viennale am 1. November in 15 Kinos in der österreichischen Hauptstadt laufen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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