Curry 36 in Berlin

„Die vegane Currywurst ist sehr beliebt“

Von Julia Stelzner
10.04.2022
, 13:42
Am Mehringdamm 36: Die Kette Curry36 ist in der Hauptstadt der beste Anlaufort für heiße Wurst – oder auch für die vegetarische Alternative.
Fleischlose Alternativen werden immer populärer. Auch der Kult-Currywurstladen in Berlin „Curry 36“ hat seit einiger Zeit eine Veggie-Wurst im Sortiment. Und diese wird nicht nur von veganen Hippies und Frauen angenommen.
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Als vor zwei Jahren die Wirtschaftsressorts die Umsatzzahlen von Rügenwalder Mühle verbreiteten, waren viele verwundert: Die veganen Ersatzprodukte machten mehr Gewinn als Aufschnitt und Würstchen aus Fleisch – also das, womit das Familienunternehmen aus Niedersachsen seit fast 200 Jahren sein Geld verdient. Wegen des anhaltenden Veggie-Booms nagt Rügenwalder sogar am Produktionslimit der fleischfreien Produkte.

Dennoch: In Deutschland ist vegetarische Wurst immer noch ein Nischenprodukt. Weltweit wächst jedoch die Nachfrage nach alternativen Proteinen. Die Studie „Food for Thought: The Protein Transformation“ von Boston Consulting Group und Blue Horizon prognostizierte vergangenes Jahr, dass der Fleischkonsum 2035, also schon in 13 Jahren, in Europa und Nordamerika seinen Höhepunkt erreicht haben wird.

Mirko Großmann, der Geschäftsführer von Curry 36, hat das Sortiment erweitert.
Mirko Großmann, der Geschäftsführer von Curry 36, hat das Sortiment erweitert. Bild: Jens Gyarmaty

Was sagt ein Besuch bei Berlins bekanntem Currywurst-Imbiss, wo es seit 1981 vor allem um Fleischgenuss geht, über den Trend zur Veggie-Wurst aus? Viel, denn seit drei Jahren bereichert eine vegane Currywurst das Sortiment der vier Berliner Filialen von Curry 36. „Die vegane Currywurst ist sehr beliebt“, sagt Mirko Großmann, Geschäftsleiter von Curry 36. „Sie hat bereits die Bio Currywurst bei der Nachfrage überholt.“ Gegen die „echte Currywurst“ aus Fleisch kommt der Neuzugang allerdings nicht an. Aber: „Wir brauchen die Augen nicht zu verschließen, der Verzicht auf Fleisch ist ein wichtiger Hebel, um dem Klimawandel entgegenzuwirken“, sagt Großmann in seinem Büro über dem Hauptsitz am Mehringdamm 36 in Kreuzberg. Als Imbiss müsse man mit dem Zeitgeist gehen. Vegane Ersatzprodukte sind heute selbstverständlich. Nichts, wonach man extra fragen muss.

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Und was ist drin?

Curry 36 kauft seine vegane Wurst bei einem Händler ein, der auch andere Großkunden beliefert. Damit sie dem Original in Sachen Textur möglichst nahekommt, wird sie frittiert, nicht auf dem Rost neben der Fleischwurst gegrillt. „Das weiche, bissfeste Brät bekommt so eine krosse Ummantelung, die den Crunch der Currywurst mit Darm imitiert.“

Die vegane Currywurst (links) sieht sogar fast so aus wie das Original.
Die vegane Currywurst (links) sieht sogar fast so aus wie das Original. Bild: Jens Gyarmaty

Und, anders als gedacht: Ersatzprodukte brauchen gar nicht Unmengen von Geschmacksverstärkern, Fett und Salz, um wie Fleisch zu schmecken.

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Ein Blick auf die Inhaltsangabe der Veggie-Wurst: Neben den Hauptbestandteilen Sojaeiweiß, Wasser, Rapsöl und Weizeneiweiß kommen Verdickungsmittel, Aromen, Gewürzextrakte und Raucharoma zum Einsatz. Polysaccharide wie Carrageen und nicht näher bestimmte Aromen bei der veganen Wurst stehen Diphosphaten
und Natriumglutamat bei der Zutatenliste der „Bockwurst aus Schweinefleisch mit Darm“ gegenüber, für die Fleisch aus Mecklenburg-Vorpommern verwendet wird. Ganz ohne Zutun schmeckt die normale Wurst nun auch nicht.

So oder so: Eine Wurst mit dem Gesundheitswert eines frisch gepressten Safts oder einer Gemüsesuppe gleichzusetzen – diese Rechnung geht sowieso nicht auf. Vielmehr geht es bei dieser Art von Fast Food um Tierschutz. „Wir werben trotz der hohen Produktqualität sowieso nicht damit, dass unsere Produkte gesund sind“, sagt Großmann. Die Currywurst sei etwas, das man sich ab und zu gönne. Dann aber gerne. Und voller Genuss. Preislich nehmen sich beide Würste nicht allzu viel. Die Fleischwurst kostet am Mehringdamm zwei Euro bei 85 Gramm Gewicht, die größere Veggie-Wurst 2,50 Euro bei 115 Gramm Gewicht.

Sollen Schweine- und Pflanzenwurstesser weiter gegeneinander sticheln: Am Mehringdamm 36 stehen sie harmonisch und mit Abstand an. Und es sind nicht nur Frauen, die sich fleischlos ernähren: Zuerst bestellt ein junger Mann Mitte 30 eine vegane Currywurst, kurz darauf ein älterer Herr. Macht bei zwei von sieben hungrigen Kunden binnen zehn Minuten einen Anteil von knapp einem Drittel. Am Ende folgt der persönliche Vergleich. Unserem Fotografen, der auch Fleisch isst, schmeckt die vegane Wurst gut, die Fleischvariante besser, sie sei saftiger. Der Autorin – seit 20 Jahren Vegetarierin – schmeckt die vegane Wurst ausgezeichnet: Endlich kann auch sie mal wieder Currywurst essen.

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Quelle: F.A.Z. Magazin
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