Im „Café Traxlmayr“ in Linz

Auf einen Verlängerten

Von Michael Martens
18.07.2021
, 14:20
Eine Melange im Café Traxlmayr in Linz ist die Eintrittskarte zum Lesevergnügen.
Von der NZZ über Le Monde oder die New York Times bis hin zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Im „Café Traxlmayr“ in Linz kostet der Kaffee etwas mehr, um das riesige Angebot an Zeitungen zu finanzieren.

Es muss hier unbedingt davon erzählt werden, wie es einem hergelaufenen Studenten vor vielen Jahren einmal gelang, den ziemlich großen österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard im „Café Bräunerhof“ zu Wien in ein unvergessliches Gespräch zu verwickeln, doch dazu später. Beginnen soll diese Geschichte nämlich in Linz, an der Adresse Promenade 16, wo sich das „Café Traxlmayr“ befindet, und zwar schon seit fünf Generationen respektive bald 150 Jahren. Noch etwas älter ist nach österreichischen Maßstäben – und die sind schließlich nicht unbedeutend, wenn es um Kaffeehäuser geht – allein das „Café Thomaselli“ in Salzburg, das seit 1852 in wechselnden Generationen der namensgebenden Familie gehört.

Unübertroffen nach jedwedem Maßstab dürfte aber das Angebot an Printmedien im „Traxlmayr“ sein. Zu einem österreichischen Kaffeehaus, derlei weiß man, gehört eine Auswahl an Zeitungen. Allerdings ist das einst reiche Angebot in manch einem Lokal mitunter recht dürftig. Internationale Blätter gibt es bisweilen gar nicht mehr, und was landestypische Printprodukte betrifft, so schlägt das mancherorts ausliegende Sortiment, katachrestisch gesagt, dem Fass die Zacken aus der Krone. Es wird gar von Kaffeehäusern berichtet, in denen überhaupt keine gedruckten Zeitungen mehr ausliegen. Welch zwielichtiges Volk mag sich dort versammeln, und warum?

Bitte nur drei Zeitungen auf einmal!

Zum Glück hat das „Traxlmayr“ mit solchen Etablissements nichts gemein. Die Speisenkarte umfasst auf einer ganzen Seite den Menüpunkt „Lektüre“ und zwar vollkommen zu Recht. Um die 100 aktuelle Ausgaben verschiedener Tageszeitungen und Journale liegen hier aus. Ob man sich die Zeitläufte vom Corriere della Sera, von Le Monde, der New York Times, der Linzer Rundschau, dem Večernji List aus Zagreb, der Neuen Zürcher oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklären lassen will: Damit es keinen Zank gibt, sind die beliebtesten Blätter mehrfach vorhanden. Die Oberösterreichischen Nachrichten liefern täglich acht Exemplare an das „Traxlmayr“, die F.A.Z. gibt es immerhin doppelt. Das ist auch deshalb nötig, weil es selbst in den besten Häusern immer jemanden gibt wie den Herrn an Tisch 41, der sich hinter einem halben Kubikmeter Zeitungen verschanzt, als gäbe es kein Morgen. Hinter seiner papiernen Trutzburg hält er sich jetzt schon seit gut einer halben Stunde am Standard fest, nimmt aber noch ein halbes Dutzend weiterer Blätter in Beschlag, obwohl es in der Speisenkarte heißt: Bitte nur drei Zeitungen auf einmal!

Die fünfte Generation: Ulrich Traxlmayr in seinem Café in Linz..
Die fünfte Generation: Ulrich Traxlmayr in seinem Café in Linz.. Bild: Mafalda Rakoš

Doch selbst Unersättliche lassen den Ephemeridenschatz des „Traxlmayr“ nicht schmelzen. Heute zum Beispiel sind die Salzburger Nachrichten noch zu haben, auch das Oberösterreichische Volksblatt, der Kurier oder die Wiener Zeitung. Zur Not wäre auch noch eine Süddeutsche da. Außerdem mehr als ein Dutzend Wochenblätter, davon allein drei verschiedene aus Hamburg.

19.000 Euro für Zeitungsabonnements

„Bis vor einiger Zeit hatten wir auch eine tschechische Zeitung, aber die Lieferung wurde leider eingestellt“, sagt Ulrich Traxlmayr, der das von seinem Ururgroßvater gegründete Kaffeehaus gemeinsam mit seiner Frau führt und auch während des Gesprächs nie vergisst, aufmerksam Stammgäste zu begrüßen oder zu verabschieden. „Wir haben nun eine französische Zeitung, aber keine tschechische mehr – obwohl Tschechien nur 30 Kilometer von hier liegt“, bedauert Herr Traxlmayr. Ginge es nach ihm, läge ein tschechisches Blatt auch weiterhin in seinem Hause aus: „Wenn man Kaffeehaus sein will, gehört ein reichhaltiges Angebot an Zeitungen einfach dazu. Das darf keine wirtschaftliche Frage sein.“ Ist es natürlich aber doch. Mehr als 19.000 Euro, sagt Herr Traxlmayr, gab sein Haus vor der Pandemie jährlich für Zeitungsabonnements aus, und die fulminante Auswahl lässt darauf schließen, dass es heuer wieder ähnlich sein wird.

Das Finanzamt akzeptiert die Kosten als Betriebsausgaben und folgt damit Traxlmayrs Lesart, dass für das angemessene Dasein eines Kaffeehauses der Bezug von Zeitungen ein so selbstverständlicher Kostenbestandteil sei wie Aufwendungen für Personal oder Kaffeemaschinen. Aber um Kosten absetzen zu können, muss das Geld trotzdem erst einmal verdient sein. Und in der Tat: Herr Traxlmayr erhebt so etwas wie eine Rundfunkabgabe, nur eben auf Zeitungen. „Es stimmt schon: Der Kaffee ist etwas teurer bei uns.“ Die Kalkulation läuft darauf hinaus, dass die Kundschaft im „Traxlmayr“, ob sie nun Zeitung liest oder nicht, die vielen Abonnements finanziert, indem sie ein wenig mehr als anderswo für einen Kleinen Braunen oder den Verlängerten zahlt. Von einer Zwangsgebühr kann dennoch nicht die Rede sein, denn es wird ja niemand gezwungen, im „Traxlmayr“ einzukehren, und es kommt auch keiner in Haft, der dem Café fernbleibt. „Ich kenne kein Café in Österreich“, rechtfertigt Herr Traxlmayr seinen kleinen Pressezins, „das so viele Zeitungen im Angebot hat. Das ,Café Landtmann‘ in Wien ist zwar größer, die haben weniger Zeitungen als wir.“

Thomas Bernhard im Olymp der Nörgler

Herr Traxlmayr sagt das keinesfalls triumphierend. Er tritt leise und freundlich auf wie sein Personal, das die Gäste nicht im Ton garstiger Grantelei bedient, der angeblich das Markenzeichen von Kaffeehauskellnern ist. Granteln und Kaffeehaus, das gehört vermeintlich unauflöslich zusammen, nicht zuletzt im Fall des ziemlich großen Schriftstellers Thomas Bernhard, der in Wien für gewöhnlich im „Bräunerhof“ grollte und schmollte, zeitweilig aber auch im verflossenen „Casino Zögernitz“ im 19. Bezirk. Im „Zögernitz“ kann man allerdings nicht mehr auf Bernhards Spuren griesgrämig sein, da das Haus zu einem Altenheim oder zu einem Komplex aus Eigentumswohnungen umgebaut wird, zu irgendetwas Gerontologischem jedenfalls.

Das liets man etwas länger: Im Café Traxlmayr im Linz liegen um die 100 aktuelle Ausgaben verschiedener Tageszeitungen und Journale aus.
Das liets man etwas länger: Im Café Traxlmayr im Linz liegen um die 100 aktuelle Ausgaben verschiedener Tageszeitungen und Journale aus. Bild: Mafalda Rakoš

Bernhards Ruf als Kaffeehausmissmutiger ist längst Legende. Die Süddeutsche Zeitung feierte den Dichter 2008 noch vergleichsweise bescheiden als „schreibenden Grantler“, die Welt nobilitierte ihn 2019 schon zum „unvergleichlichen Grantler“, und die taz (die im Hause „Traxlmayr“ allerdings nicht geführt wird, denn alles hat seine Grenzen) nannte ihn unlängst gar „einen der größten Grantler der Weltliteratur“. Thomas Bernhard hat sich offenbar postum hochgegrantelt in den Olymp der Nörgler. Als die eigentlich Missgelaunten in der Kaffeehauswelt gelten indes die Kellner. Dass postkakanische Kaffeehauskellner unverbesserliche Dauergrantler seien, mag in unvordenklichen Zeiten zutreffend gewesen sein, doch heutzutage kommt der waschechte Wiener Kaffeehauskellner meist aus Bosnien, Kroatien oder Rumänien, heißt Bogdan, Zoran oder Dacian und hat womöglich zwar auch einmal schlechte Laune, zum authentischen Granteln aber nicht den passenden Akzent.

Kaffeehaussymphonie in a-Moll

So auch im „Traxlmayr“, wo allerdings ohnehin nur Kellnerinnen arbeiten. „Ich hätte gerne eine gemischte Mannschaft, wegen des Arbeitsklimas und auch für die Gäste. Damen wollen gern von einem netten Herrn bedient werden, und Herren freuen sich, wenn ihnen eine Dame den Kaffee serviert“, sagt Herr Traxlmayr. „Wir haben schon Kellner gehabt, aber die sind uns wieder abhandengekommen.“ Warum ihm seine Kellner entlaufen sind, verrät Herr Traxlmayr nicht – sondern nur, dass es schwer sei, gute zu finden. Deshalb gibt es im „Traxlmayr“ allein Serviererinnen (im roten Gilet) und Kellnerinnen (im schwarzen). Alle sind löblich höflich, ihre angenehmen Stimmen fügen sich in die dezent musikfreie Geräuschkulisse ein, als seien sie eigens hinzukomponiert worden.

So entsteht eine herrliche Kaffeehaussymphonie in a-Moll, aufgeführt vor einer Kulisse aus rotem Plüsch und weißen Marmortischchen: Das Knarren des Parketts nach dem Übergang vom alten Saal zum Neubau von 1907, das gelegentliche Zeitungsrascheln nicht nur von Tisch 41, dazu als Leitmotiv ein Klimpern von Besteck und Tellern auf einem gedämpften Klangteppich aus Plaudereien.

In Linz Linzer Torte essen

Über allem waltet Tatjana, die Oberkellnerin aus der Ukraine, unterstützt von Natalia aus der Slowakei und Stephanie, die in Taiwan aufgewachsen ist. Sie haben nichts von jenem Dünkel, der in einem anderen Klischee über Kaffeehäuser aufscheint: Demnach wird, wer bei einem grantelnden österreichischen Kellner das gewünschte Getränk nicht exakt unter dem landläufigen Namen bestellt – also etwa als Mokka, Melange oder Einspänner – mit Missachtung gestraft. Doch das ist ausgemachter Unsinn. Wer weiß, was ein Fluchtachterl oder ein Pfiff ist, mag zwar insbesondere kurz vor der Sperrstunde einen kleinen Vorteil haben – aber niemand muss in einem österreichischen Kaffeehaus auf sprachfolkloristischen Zinnober zurückgreifen, um einen Espresso zu bestellen und auch zu bekommen. Auch die Linzer Torte heißt einfach nur Linzer Torte und wird im „Traxlmayr“ zwar nicht nur, aber doch besonders gern von Touristen bestellt.

Gebackener Karfiol, eine traditionelle österreichische Speise im Café Traxlmayr.
Gebackener Karfiol, eine traditionelle österreichische Speise im Café Traxlmayr. Bild: Mafalda Rakoš

Es verhält sich damit vermutlich wie mit dem berühmten ästhetischen Marder von Christian Morgenstern: Ebenso wie der nur um des Reimes willen und deshalb als Wiesel inmitten Bachgeriesel auf einem Kiesel saß, gibt es Fremde, die vor allem deshalb in Linz Linzer Torte essen, um später davon erzählen zu können, wie sie in Linz Linzer Torte aßen. Allerdings muss gesagt werden, Herr Traxlmayr möge verzeihen: Linzer Torte ist berühmter, als sie schmeckt. Genauer: Sie schmeckt lange nicht so berühmt, wie sie ist. Das hat sie mit ihrer jüngeren Wiener Schwester gemein, der Sachertorte, die von einem minderjährigen Konditorlehrling erfunden worden sein soll und auch ziemlich genau so schmeckt. Wer jedenfalls im „Traxlmayr“ oder anderswo gefragt wird, ob die Linzer mit oder ohne Schlag kommen solle, antworte unbedingt: mit. Auf die paar Kalorien kommt es dann nämlich auch nicht mehr an, und wer Linzer Torte ohne Sahne isst, riskiert eine Staublunge.

„Ist die Ennzettzett schon frei?“

Am besten hilft dagegen die alte oberösterreichische Volksweisheit: Linzer Torte schmeckt am besten, wenn man sie kurz vor der Mahlzeit durch ein Fiakergulasch ersetzt. Das ist im „Traxlmayr“ übrigens famos. Gleiches gilt für die Schinkenfleckerl oder den Kavalierspitz mit Semmelkren und Kartoffelschmarrn sowie vermutlich auch für das Salonbeuschel vom Kalb, das aber nur von September bis Mai zu haben ist, denn alles hat seine Zeit, auch Lungen und Herzen von minderjährigen Kühen.

Doch es ist spät geworden und damit Zeit für die Geschichte, wie es einem hergelaufenen Studenten vor vielen Jahren einmal gelang, Thomas Bernhard in ein unvergessliches Gespräch zu verwickeln. Die Sache war nämlich so: Der Glückspilz, heute ein leidlich erfolgreicher Verleger in Wien, damals Student und nach glaubwürdig klingenden Aussagen noch lebender Zeitzeugen bisweilen sogar Studierender ebenda, saß eines Tages im „Bräunerhof“ und wurde des ziemlich Großen ansichtig. Leibhaftig und höchstpersönlich saß er da, die N.Z.Z. lesend, neben sich zudem die F.A.Z. und ein anderes Blatt, das nichts zur Sache tut. Nach etwa einer halben Stunde ging der gelegentlich studierende Student innerlich zitternd auf den nun in die F.A.Z. vertieften ziemlich großen Bernhard zu und fragte: „Entschuldigen Sie, Herr Bernhard – ist die Ennzettzett schon frei?“ „Ja“, antwortete der ziemlich große Schriftsteller, setzte seine Lektüre fort und blieb unvergesslich. Was wiederum Linz betrifft, so hat Ephraim Kishon in seiner Geschichte „Linzertorte“ alles gesagt, was man über diese schöne Stadt wissen muss und eigentlich sogar mehr. Aber davon soll bei anderer Gelegenheit berichtet werden, und zwar vorzugsweise im einmaligen „Traxlmayr“ in Linz.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot