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Krautpleaser

Wenn die Frankfurter Bohème zum Kochen vorbeikommt

Von Eckhart Nickel (Text), Lottermann and Fuentes (Fotos)
 - 12:30
Gastgeber Tobias Rehberger hat seine Frau Daidy Mair im Arm und das Essen immer im Blick.zur Bildergalerie

Die Bohème! Lasterhafte Tunichtgute, die den ganzen Tag dem Müßiggang frönen, damit sie später am Abend in Form sind, wenn das bunte Treiben richtig losgeht. Falls es die überhaupt noch gibt, dann natürlich irgendwo hier in Frankfurt, so geht es mir durch den Kopf, während ich der Einladung des Künstlers Tobias Rehberger zu Böhmischen Knödeln folge und in frühabendlicher Winterdunkelheit den Sandweg quere. Der Sandweg! Jene magische Grenze zwischen dem Ostend und dem Nordend – wo das Café Größenwahn seit nunmehr 40 Jahren mit seiner gemütlichen Version der Kaffeehaus-Avantgarde alle möglichen Tagediebe und Revoluzzer anlockt. Das Viertel also, das neben dem obligatorischen Studium in Bockenheim mit Taxischein spätestens seit den Hauptwache-Demo-Siebzigern nichts Geringeres ist als die bestdenkbare Sponti-Schmiede für soziokulturpolitische Weltaufstandspläne aller Art, Frankfurter Schule trifft Frankfurter Scholle.

Und in der Tat, nachdem ich mich ganz ohne eine zugeflüsterte Parole durch ein Holzpaneel geklingelt habe, als wäre das hier nicht ein Hinterhof der Hegelstraße mit einer geparkten Vespa, sondern die Herbertstraße in Hamburg, schallt mir bereits im leuchtgelb und skulptural ausgegossenen Ganzkörper-Plastik-Treppenhaus die durch DJ Sven Väth sprichwörtlich gewordene Gude Laune entgegen. Väth, von dem der poetische Satz überliefert ist, Techno sei „nur ein neuer Baum in dem Wald, der Musik heißt“, könnte problemlos als geistiger Pate des Abends fungieren. Schon vor der Tür riecht es verrucht gut nach Arvenholz, aus der geöffneten Pforte schlägt mir so massiver Küchendampf entgegen, dass ich dank im Nu beschlagener Brille erst gar nicht weiß, wer mir da gleich um den Hals fällt, aber es ist zum Glück jemand, den ich an der Stimme erkenne: Vanessa Fuentes legt ihren Arm mit einer gezückten Knipskamera in der Hand auf meine Schulter. „Wenn Du wüsstest, was wir hier schon alles VOR deiner Ankunft besprochen haben, tststs ...“

Während sich der Rest der Festgemeinde eher zäh hinter meiner handgesägten Hornbrille materialisiert, steht plötzlich der Hauptstadtgastronom Boris Radczun direkt vor meinen Augen. Er hat sich, und das ist nun fast irritierend, so gut wie gar nicht verändert, seit ich ihn vor geschätzten 25 Jahren in Berlin beim Ausgehen kennengelernt habe. Während ich noch unmittelbar versuche, mir rasch die genauen Begleitumstände unserer letzten Begegnung (Pogo-Club? Panorama-Bar? Oder doch Cookies?) in Erinnerung zu rufen, spricht er schon die erlösenden Worte: „Diese Wohnungsauflösung in der Krausnickstraße, der reine Wahnsinn!“ Pünktlich zur Buchmesse hat Boris gerade mit „Le Petit Royal“ im Bahnhofsviertel eine Filiale seines kanonischen Gesellschaftsrestaurants vom Spreeufer eröffnet. Als nächstes, heißt es, folgt Dubai.

Gleich habe ich einen Steinhumpen mit schaumigem Pilsner in der Hand und werde für ein Foto von zwei Seiten angeprostet. Na klar, die Böhmischen Dörfer, von denen immer dann die Rede ist, wenn einer nicht mehr versteht, was gerade um ihn herum passiert, werden geographisch ziemlich nah an die Urquelle um die Brauereimetropole Pilsen herum verortet. Für die erste Begegnung mit dem Künstler hatte ich mir extra eine ausgefallene biographische Pointe zurechtgelegt, die ich auch gleich zum Einsatz bringe: „Nicht zu fassen: Wir haben exakt das gleiche Geburtsdatum: 2. 6. 66!“ Aber kaum ist bei ihm der erste Schockmoment mit nur leicht geöffnetem Mund verflogen, lächelt mich der vollbärtige Sympath (Markenzeichen: Signature-Brille, die aussieht wie ein klassisches Porsche-Modell) nur kurz an und antwortet: „Johnny Weissmüller hat auch am 2.6.“, was ich verschämt mit Marcel Reich-Ranicki und Marquis de Sade kommentiere, worauf er wiederum lapidar mit Charlie Watts kontert, um sich bald wieder hochkonzentriert dem Kochen zuzuwenden.

Gerade klärt er in einem Gespräch nebenan ein Missverständnis auf. Es geht um die Herkunft der Knödel: „Die kommen aus dem Böhmerwald, nicht aus Böhmen!“ Euphorisch kommt von der Seite aus dem Flur her eine Schöne mit großen Augen in grün raschelnder Seide auf mich zu und verrät mit entschiedener Geste, sie sei „die einzige in der ganzen Runde, die NICHTS mit Kreativität zu tun hat“. Und obwohl mir ihr Gesicht seltsam vertraut vorkommt, aus Film, Funk und Fernsehen, wie es heißt, stellt sie sich gleich enthusiasmiert als Immobilienmaklerin vor. „Gutes Objekt hier, dieser schicke hölzerne Flachbau, oder?“, frage ich gleich nach, aber sie relativiert: „Stimmt im Prinzip, ABER DIE LAGE!“

Nordend-Ost, das sei normalerweise ein No-Go, belehrt sie mich in perfektem Makler-Jargon, was ja auch darauf hindeuten könnte, dass sie in Wirklichkeit eine Schauspielerin ist, die sich nur gerade einen kleinen Scherz mit mir erlaubt, weil ich sie noch nicht kenne, oder, was sie ja auch denken könnte, nur so tun würde, als ob ich sie nicht kenne. Das hebt unser Gespräch nun auf eine amüsante Meta-Ebene, weil keiner mehr eigentlich weiß, ob er weiter so tun muss, als ob er nicht wüsste, dass der andere weiß. Bald entspricht so von dem, was gesagt wird, nicht mehr viel dem, wie es ist. Aber noch bevor ich dem Ariadnefaden unserer Unterhaltung zum Ursprung dieser Erkenntnis folgen kann, werden schon Teller mit Suppen zu einem gedeckten Tisch getragen, der mir erst jetzt auffällt, weil das Licht um die professionell ausgestattete Kücheninsel herum so hell ist.

Erstaunlich, wie gern sich Gäste im Gespräch an so einer Insel festhalten, als wäre es eine imaginäre Reling, die ihnen auf dem schwankenden Ozeandampfer ihres ausgerechnet durch das gerade stattfindende Reden aus dem Gleichgewicht geratenden Lebens Halt verspricht.

Nun öffnet sich auch der ganze Rest des riesigen Loft-Raums vor meinen Augen, und alle setzen sich wie in der Schule brav hin. Auch Spitzenkoch Mario Lohninger im DSquared-Trainingsanzug begibt sich vom Herd zum Tisch und offenbart uns die Bedeutung seines Extratellers Panadlsuppe: Bei ihm sei kein Weißbrot drin, „weil ich Gluten nicht vertrage“. Schlagartig wird mir klar, warum in seinem grandiosen Restaurant „Lohninger“ in der Schweizer Straße das Brot allein nicht inhäusig gemacht wird. Felix Austria! Sofort kommen wir auf den Speck zu sprechen, der wie ein Leitmotiv das Menu des Abends durchzieht. Das Geheimnis seines intensiven Geschmacks: „Kalt geräuchert!“ Die zerfasernden Brotstückchen gleiten dabei irritierend weich durch den Mund.

Immer fehlt gerade jemand, um einmal mit allen anzustoßen, aber das macht auch nichts, weil inzwischen ohnehin fast alle in der Küche gespannt auf den Hauptgang warten: den Schweinebratl nach der „Zollbergoma“ von Rehberger, der in Esslingen am Neckar mit ihren köstlichen Rezepten aufgewachsen ist. Ein wenig Fett aus dem Bräter wird zum Nachwürzen auf den lauwarmen Weißkrautsalat mit Kümmel und weißem Speck gegossen, was ihn butterig aufwertet. Jemand sticht noch die heiß dampfenden Knödel von zwei Seiten bis zur Mitte an, dann geht es zurück zu Tisch, und Schloss-Vollrads-Riesling wird nachgeschenkt. Als ich kurz zögere, während Boris mir die Platte mit dem Schweinsbraten reicht, sagt er gelassen: „Nimm Dir ruhig, ist wie bei den Bürgerlichen heute!“

Gegenüber erklärt Ata Macias, DJ und Gründer des fulminanten Nachtclubs Robert Johnson, der seit einiger Zeit seine Vita activa im Nachtleben aufgegeben hat und sich nun mit dem Konzeptlokal „Club Michel“ auch gastronomisch verewigt, der heiseren Impresaria Laura Karasek die Vorzüge der packenden Amazon-Prime-Serie „The Terror“. Die Mannschaften zweier Segelschiffe Mitte des 19. Jahrhundert auf der Suche nach der Nordwest-Passage im ewigen Eis befällt darin der Irrsinn einer seltenen Krankheit, bei der durch korrodiertes Konservenblech die Nahrung verdirbt und die Zähne sich erst schwarz verfärben und dann komplett ausfallen.

Beim Kauen der Knödel fällt mir auf, dass a) der Jus so gut ist, dass die Saucieren fast schon nach der ersten Runde leer sind und b) ein Essen umso besser ist, je weniger im Detail darüber geredet wird. Gesprächsthema stattdessen: der Geruch der perfekten Andouillette (ein olfaktorischer Drahtseilakt: darf nie unmittelbar an die Herkunft der Wurst erinnern). Nordisk-Büro-Partner Lorenzo Bissi erläutert die Renaissance der Späti-Weinbars in Berlin, und Nada Lottermann erklärt passend zum opiatisch anmutenden Nachtisch, heißen Mohnschupfnudeln mit einem Hauch Orangeade, warum Puderzucker sie immer romantisch an Blütenstaub erinnert – und flüstert mir zu, dass es sich bei der Maklerin tatsächlich um die Filmdiva Daidy Mair aus dem letzten Film von Klaus Lemke handele, zudem die Frau von Rehberger. Wer hätte das gedacht!?

Schon legt jemand Musik auf, und DJ Oskar Melzer bestimmt die sanften House-Takte gleich präzise als „Miura“ von Metro Area. Aber bevor ich zu spekulieren beginne, ob das hier doch noch ein Zimmer-Rave wird, zeigt ein Blick auf die Uhr, dass es höchste Zeit ist, die letzte U4 nach Hause zu nehmen. Au revoir! Erkenntnis zur Nacht: Es gibt sie noch, die alte Bohème.

Quelle: F.A.Z.-Magazin
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