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Weingut „Bernhart“

Der große Grenzgang

Von JAKOB STROBEL Y SERRA
 - 19:40
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Trinken wir deutschen Wein oder einen französischen? Ist das ein Elsässer oder ein Pfälzer? Haben wir ein Großes Gewächs vom Spätburgunder im Glas oder einen Pinot Noir Grand Cru? Die Frage ist genauso verzwickt, wie es das deutsch-französische Verhältnis über Jahrhunderte war, und schuld daran ist in diesem Fall der Urgroßvater von Gerd Bernhart. Er kaufte um 1900 Weinberge rund um Weißenburg, im festen Glauben, dass das Elsass auf ewig deutsch bleiben würde. Seither hat es dreimal den Besitzer gewechselt, und da niemand weiß, ob der jetzige Stand der endgültige ist, sollten wir die Frage salomonisch so beantworten, dass wir einen Bernhart-Wein trinken.

Sein Gut liegt am südlichen Ende der Deutschen Weinstraße in Schweigen, das historisch ein Ableger des Klosters Weißenburg oder Wissembourg ist, ganz wie man will. Seine besten Weinberge befinden sich aber jenseits der Grenze hinter dem Haus, was dem deutschen Weinrecht seit 75 Jahren Kopfzerbrechen bereitet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollte die Familie enteignet werden, doch niemand im Elsass wollte die Wingerte übernehmen. Also durften die Bernharts gnadenhalber weiter ihre Trauben in Frankreich anbauen, und erst ein Staatsvertrag zwischen Kohl und Mitterrand befreite 1984 die Schweigener Winzer vom Damoklesschwert der Enteignung.

Ausnahmegenehmigung im Weinrecht

Aus französischen Trauben aber kann man keinen deutschen Wein machen, befand das rheinland-pfälzische Weinbauministerium, so dass eine Ausnahmegenehmigung für Schweigen ins deutsche Weinrecht aufgenommen werden musste. Seine einzelnen Spitzenlagen darf Bernhart trotzdem nicht aufs Etikett schreiben, sondern muss sich mit der Generalbezeichnung Sonnenberg begnügen, durch den glücklicherweise die Grenze führt – der deutsche Sonnenbergzipfel reicht den deutschen Bürokraten, um ausländische Trauben als quasideutsche anzuerkennen. Gerd Bernhart hingegen hat keine Schwierigkeiten mit Grenzen, denn als Schweigener Winzer kann man gar kein Nationalist sein. „Ohne Frankreich wäre unser Dorf nichts“, bekennt er frei heraus. Auf deutscher Seite ist die Landschaft flach wie ein Brett, der Boden schwer von Löss und Lehm, das Lesegut nur für Guts- und bestenfalls Ortsweine zu gebrauchen.

Auf der französischen Seite bricht der Pfälzerwald mit bis zu 35 Prozent Gefälle in den Rheingraben ab und lässt Kalkstein und Kalkmergel hervortreten, die besten Garanten für Phenole und Tannine, Mineralität und Salzigkeit. Sie machen aus einem Sauvignon Blanc ein vornehmes, filigranes und auf penetrante Stachelbeer-Aromen verzichtendes Gewächs, ein Spiegelbild von Gerd Bernhart selbst, der niemals laute und schon gar keine vorlauten Weine macht. Auch sein Chardonnay ist kein Fruchtbonbon, sondern wappnet sich bei aller Weichheit und Rundheit mit straffer Säure vor zu viel Schmelz. Selbst der Weißburgunder als Großes Gewächs widersteht der Versuchung, seine Aromen bis zur Überfrachtung zu intensivieren. Er kennt sein Maß und seine Mitte und zieht die stille Konzentration der pompösen Wucht vor.

Bio Wein für Zukunft und Geschmack

Das entspricht Bernhart, der sich lieber Gedanken über die Zukunft der Erde als über die eigene Bedeutung auf ihr macht. Deshalb hat er auf biologischen Weinbau umgestellt, nimmt dafür höheren Arbeitsaufwand im Wingert und geringere Erträge am Stock in Kauf und bereut es trotzdem nicht, Fenchelöl und Backpulver statt Pestiziden und Chemiedünger für die Stärkung der Reben und ihren Schutz vor Pilzbefall auszubringen. Die Weinberge seien so ausgeglichener, und die Weine schmeckten besser, sagt Bernhart, „nicht wie eine Turbo-Antibiotika-Sau aus Trauben“. Bio-Landwirtschaft sei eine gesellschaftliche Angelegenheit, denn jeder müsse sich heute fragen, wie er leben wolle – und welcher Wein ihm ins Glas komme.

„Wir müssen in Deutschland mit unseren paar tausend Hektar Qualität liefern, weil wir nicht mit Spanien oder Chile konkurrieren können, und wir müssen bereit sein, endlich gutes Geld für guten Wein auszugeben“, sagt der Winzer, der in Wissembourg lieber ein Bresse-Huhn für 25 Euro kauft als eine Tiefkühlkreatur beim deutschen Discounter. Seine Weine und Schaumweine, Bernharts heimliche, durch die Elsässer Crémant-Tradition angestachelte Liebe, sind Bresse-Hühner in der Flasche: der Riesling ein glasklarer, gertenschlanker deutscher Winzersekt par excellence; der Chardonnay eine prickelnde Beschwörung der deutsch-französischen Erbfreundschaft, von einem deutschen Winzer aus französischen Trauben im französischen Stil in eine deutsche Flasche gefüllt; der handgerüttelte Blanc de Noir extra Brut ein ausdrucksstarker, rauchiger und trotzdem cremiger Charakterbursche.

Gerd Bernharts Frankophilie wird bei seinen großen Rotweinen noch deutlicher. Sie werden handgelesen, meist spontan vergoren, liegen für vier, fünf Tage auf der Schale, damit sie nach Johannisbeere statt nach Marmelade schmecken, reifen in Barriques aus französischer Eiche und müssen sich mit maximal 13,5 Alkoholprozent begnügen. Das Resultat sind keine Säftchen, sondern grazile Kraftprotze wie der Cabernet Sauvignon Réserve von 2012, der so dicht und so dunkelrot ist, dass man sofort versteht, warum solche Gewächse in manchen Sprachen wie dem Katalanischen als „Vi negre“, schwarzer Wein, bezeichnet werden. Rot wie ein Rubin und ein Geisteskind der Bourgogne mit einem deutschen Erzeuger ist hingegen der Spätburgunder von 2016, der nach Pfeffer, Cassis und Sauerkirsche duftet. Und das Große Gewächs vom Spätburgunder, diese wunderbare Liaison aus Kraft und Leichtigkeit, Schwerelosigkeit und Erdschwere, macht die Frage endgültig obsolet, ob Gerd Bernhart deutsche oder französische Gewächse keltert. Denn Nationalismen sind beim Wein so überflüssig, wie sie es überall sonst sein sollten.

Weingut Bernhart, Hauptstraße 8, 76889 Schweigen-Rechtenbach, Telefon: 06342/7202, www.weingut-bernhart.de.

Quelle: F.A.Z.
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