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Weinsuche via App

Mädelsabend oder Grillen auf der Terrasse?

Von Gerald Franz
 - 15:52
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Wer einmal in der Weinabteilung weniger auf die Regale vor als auf den Kunden neben sich achtet, erlebt in vielen Fällen eines: Hier sucht jemand die Nadel im Heuhaufen. Und die größte Schwierigkeit ist, dass die nicht einmal aussieht wie eine Nadel. Woran soll der Kunde die richtige Flasche erkennen? Dabei ist sein Auftrag sogar oft sehr eindeutig. Zum Dinner bei Freunden muss ein flüssiges Mitbringsel her. Vielleicht hat er auch selbst zum Grillabend eingeladen. Oder möchte einem Geschäftspartner ein kleines Geschenk machen. Der Anlass ist dem Suchenden klar, der dazu passende Wein nicht. Blamieren möchte sich niemand. Also was tun?

Natürlich kann man einfach zum Fachhändler gehen und seinen Fall schildern. Wer aber lieber online kauft, muss auf Hilfestellung trotzdem nicht ganz verzichten. Denn natürlich haben auch Online-Händler ein hohes Interesse daran, dem von der Vielfalt erschlagenen Kunden einen Wegweiser zu geben. Der Internetshop Xanthurus etwa setzt dabei auf drei Kategorien: feiern, schenken, sammeln. Dass „ein hervorragender Wein für die hervorragende Feier“ laut der Produktliste ein spanischer Rosé für sechs Euro sein kann, aber auch ein Jahrgangschampagner für über 50 Euro, wirkt auf den ersten Blick ein wenig willkürlich. Wobei eine hervorragende Studentenparty sicher auch etwas anderes ist als eine silberne Hochzeit.

Ein weiterer Online-Händler, wine4friends, listet unter „Wein-Zeit“ etwa ein Dutzend Anlässe wie „Zur Party“, „Raus auf Balkon und Terrasse“ oder „Endlich Feierabend“ auf. Wer auf die entsprechende Kategorie klickt, bekommt eine stattliche Auswahl an Weinen vorgesetzt, bei denen es dann freilich wieder gilt, sich zu entscheiden: einen Rosé aus dem spanischen Navarra, einen Weißburgunder aus der Pfalz oder einen portugiesischen Vinho Verde? Wem die vorgeschlagenen Weintypen wenig sagen, der wird sich die knappen Beschreibungen durchlesen müssen. Aber immerhin ist der Rahmen schon deutlich eingeschränkt. Und die Weinvorschläge passen vordergründig zu den angegebenen Anlässen. Doch ob man wirklich Hilfe braucht, um einen Rosé als Terrassenwein zu erkennen?

Empfehlungen sind Geschmackssache

Manche Online-Händler haben neben den Standards wie „Romantisches Dinner“ und „Feiern aller Art“ auch ausgefallenere Anlässe gelistet. Bei Vipino gibt es etwa den „Reparaturwein“, der die Gäste nach einem langen Abendessen mit Weinbegleitung aus ihrem Food-Koma reißen und wieder Leben in die Bude bringen soll. Um Belebendes geht es auch bei ps-wein in der Kategorie „Frühlingserwachen“: Dass dieses nicht mit Rotwein sabotiert werden soll, wird bei einem Blick auf die Auswahl schnell klar. Woran festgemacht wird, was sich als „Geschenk zur Wohnungseinweihung“ eignet, bleibt allerdings ziemlich vage.

Auf mehr Interaktion mit dem Suchenden setzt „Frag’ Henry“. Hierbei handelt es sich um einen personalisierten Verkaufsassistenten, der Schritt für Schritt eine Abfrage vornimmt und dem Kunden dann Vorschläge unterbreitet. In vielen Supermärkten und auch online grüßt dieser Henry mit Baskenmütze, Moustache und Rotweinglas als Bilderbuchfranzose. Warum er dann nicht Henri heißt, bleibt allerdings das Geheimnis des Anbieters.

Bevor Henry in seinem digitalen Gedächtnis nach dem passenden Wein suchen kann, wählt man zunächst den Anlass aus, der hier „Moment“ heißt. Einiges erinnert an die Kategorien von wine4friends, aber es gibt auch „Brotzeit“, „Geselliger Abend“ oder „Erfolgreicher Tag“. Wer für letzteren etwas sucht, muss sich im nächsten Schritt zwischen Weiß-, Rot- und Schaumwein entscheiden. Drückt der Finger auf Weiß, geht es um Geschmacksfragen. Und zwar anhand von zwei Gemälden: Auf jeweils weißem Grund zeigt das eine harmonisch-geschwungene, rot-grün-gelbe Pinselstriche, während das andere auf Ecken, Kanten und gelb-blaue Farben setzt. Nach einigem Zögern senkt sich der Finger schließlich auf das weichere Bild. Überraschenderweise war es das schon, denn es folgen konkrete Vorschläge: drei deutsche Weine, alle drei säuregeprägte Rieslinge, einer aus dem Rheingau, zwei von der Saar. Wer denselben Prozess noch einmal durchläuft, bekommt teilweise andere Weine angezeigt, darunter einen Riesling aus der Pfalz. Anscheinend ist Riesling die ideale Rebsorte, um einen erfolgreichen Tag gebührend zu begehen. Zumindest, wenn man Gemäldetyp A ist.

Dass der individuelle Geschmack lediglich von der mehr oder weniger starken Präferenz für eines von zwei abstrakten Gemälden abhängig gemacht wird, überrascht ein wenig. Noch verblüffender erscheint, dass dieses System auch bei Anlässen wie „Mädelsabend“, „Geschenk an einen Geschäftspartner“ oder „Geselliger Abend“ Anwendung findet. Was hat deren Weingeschmack mit den eigenen Malereivorlieben zu tun? Versucht man bei einem solchen Anlass doch gerade, sich auf die Präferenzen der anderen einzustellen. Geschäftsführer Tjorven Jorzik von der Mainzer Firma „Frag’ Henry!“ erklärt dazu, dass man „intuitiv“ und „unterbewusst“ das richtige Bild auswähle, wenn man den zu Beschenkenden kenne.

Freilich bietet „Frag’ Henry“ auch andere Suchmuster als die nach Anlässen an, etwa die „Detailsuche“. Doch wer dort mit Begriffen wie „balsamisch“ oder „vegetabil“ bei der Abfrage der Aromen keine Schwierigkeiten hat, ist vermutlich auch nicht auf den Mann mit der Baskenmütze angewiesen, um im Regal etwas Passendes auszuwählen. Zumal dann auch noch die Jahrgänge in den Blick genommen werden können, die von der Software unbeachtet bleiben.

Weitreichende Weinsuche

Anders als „Frag’ Henry“ ist der „Wein-O-Mat“, ein weiterer digitaler Helfer, ausschließlich im Internet verfügbar. Allerdings empfiehlt er keine spezifischen Weine, sondern nur ein gutes Dutzend Rebsorten, die in Deutschland häufiger angebaut werden. Kein Wunder, wird das Suchwerkzeug doch bereitgestellt vom „Forum Moderne Landwirtschaft“. Bei dieser Software muss man ein paar Schritte mehr bis zum Ziel zurücklegen. Wählt man etwa als Anlass „Genießen“, als Rahmen für den Genuss den Besuch von Freunden, charaktervoll und schwer für den Weintyp, abends im Herbst oder Winter zu genießen und die Weinfarbe Rot, so wirft der „Wein-O-Mat“ als Ergebnis aus: Lemberger! Schaut man sich die einzelnen Schritte noch einmal an, dann ist das Ergebnis nachvollziehbar. Gleichwohl überrascht es doch ein wenig. Es kommt schon sehr auf die Freunde an, ob man ihnen diese gern in Württemberg angebaute Rebsorte vorsetzt, die mit Einschränkungen als „schwer“ zu bezeichnen ist und häufig durch eine frische, säurebetonte Note besticht.

Hilfreich sind die knappen Erläuterungen zum Ergebnis, die dem Umstand gerecht werden, dass eine Rebsorte so oder so ausfallen kann. Die einzelnen deutschen Anbaugebiete werden zwar nicht differenziert betrachtet. Aber zumindest wird berücksichtigt, ob die Trauben früh oder spät gelesen, im Stahltank oder im Eichenholzfass ausgebaut wurden. Wer daraufhin etwa den Eindruck hat, ein „holzbetonter“ Chardonnay sei etwas für ihn, muss allerdings eine weitere Suchmaschine bemühen. Denn es gilt ja immer noch, konkrete Chardonnays zu finden, die im Holzfass gereift sind. Oder es geht nun doch zum Fachhändler: Der grobe Rahmen ist bereits abgesteckt, und man muss sich nicht mehr als völlig ahnungslos outen.

Explizite Empfehlungen vom Fach

Doch auch jenseits von digitalen Tools gibt es Hilfe, regelmäßig alle zwei Wochen in der Weinkolumne unseres Kritikers Stuart Pigott etwa oder auch von der Autorin Romana Echensperger. In ihrem Buch „Von wegen leicht und lieblich“ geht es auch um die Frage, welcher Wein zu welchem Anlass passt. In dem „Ultimativen Weinbuch nur für Frauen“, so der Untertitel, nennt die Autorin zwar keine konkreten Erzeugnisse. Aber sie schlägt verschiedene Weintypen vor und begründet diese Wahl. Für einen „gemütlichen Abend vor dem Fernseher“ etwa empfiehlt sie einen Rotwein, der vor allem dem Gaumen schmeichelt und nicht zu kompliziert daherkommt. Schließlich liege die Konzentration bei dem Spielfilm und nicht bei der Analyse komplexer Aromen. Daher schlägt die Autorin etwa einen Tempranillo aus dem spanischen Anbaugebiet Ribera del Duero vor. Und warum Rotwein? Weißwein würde zu schnell warm werden, und zum Kühlschrank will während des spannenden Programms sicher niemand gehen. So einfach ist es manchmal.

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Auch für den vordergründig schwierigen Anlass „Hochzeitsfeier“ werden Lösungen geboten, die sowohl den anspruchsvollen Onkel Winfried als auch die unkomplizierte Oma Erna nicht überfordern. Jeweils ein Weiß- und ein Rotwein soll es sein, Punktum. Dass Echensperger mit dem Rioja Crianza unter anderem einen Roten empfiehlt, der sich tiefdunkel, vollmundig und fruchtig präsentiert und so einem breiten Publikum gefallen dürfte, wirkt nachvollziehbar. Auch dass der empfohlene Weißwein nicht durch exzentrische Aromen, kräftige Säure oder Holzfassausbau auffallen soll, scheint stimmig. Dass die Ergebnisse – etwa Weiß- oder Grauburgunder – nicht gerade spannend wirken, ist wohl schlicht der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner geschuldet.

Perfekte Empfehlung richtet sich nach dem Käufer

Offensichtlich wird auch dem ein oder anderen Winzer klar, dass nicht jeder Weintrinker weiß, was sich wozu eignet. Sehr nonchalant ist Guillem Batlle vom Weingut Rière Cadène aus dem Roussillon die Herausforderung angegangen. Seine Einstiegsweine heißen „J’ai rendez-vous avec vous“ – „Wir sind verabredet“. Der Weiß-, Rosé- oder Rotwein aus dieser Linie soll also für das gemeinsame Genießen gedacht sein. Auf dem Rückenetikett hat der Winzer verschiedene Szenarien aufgelistet: „Nur du und ich“ heißt eine davon, „Einladung bei euch“ eine andere, „Einfach nur so“ eine weitere, sechs sind es insgesamt. Die aus seiner Sicht passenden hat er einfach angekreuzt. Für Gelegenheitskäufer, die mit den kryptischen Informationen auf Weinetiketten nichts anfangen können, ist das ein erfrischender Ansatz. Denn zum einen bietet er Orientierungshilfe. Und zum anderen lässt sich mit dem Verweis auf das Etikett auch augenzwinkernd die Verantwortung abgeben: Schau mal, das ist der passende Wein, den man zu einer Einladung mitbringt! Ob man damit jedermanns Geschmack todsicher trifft, sei einmal dahingestellt. Aber die Flasche mit dem Ankreuzetikett belegt augenfällig, dass man sich Gedanken gemacht und nicht einfach einen beliebigen Wein aus dem Regal genommen hat.

Wer einen konkreten Anlass hat, für den er eine Weinauswahl treffen muss, verfügt also über mehrere sowohl analoge als auch digitale Auswahlmöglichkeiten. Wenn lediglich ein Rahmen vorgegeben werden soll, ohne dass man sich dabei von einem Sortiment von vornherein einschränken lassen möchte, kommen händlerunabhängige Hilfen in Frage. Man sollte jedoch beachten, was von der Software nicht berücksichtigt wird – zum Beispiel ist die Zahl der Rebsorten beim „Wein-O-Mat“ stark beschränkt. Auf jeden Fall muss man aber nach der Konsultation eines Ratgebers, der auf Weintypen setzt, immer noch einen konkreten Wein suchen oder im Fachhandel nachfragen. Wer darauf keine Lust hat, sollte lieber gleich zum Händler gehen oder die Systeme ausprobieren, die spezifische Weine vorschlagen. Dass der individuelle Geschmack hierbei trotz unterschiedlicher Abfragesysteme sicher nicht immer exakt getroffen werden kann, dürfte klar sein: Zu vielfältig ist die Welt des Weins und zu schwierig, alles in Worte und Kategorien zu fassen. Aber zielgerichteter als der allenfalls nach dem Preis geleitete Griff ins Regal sind die Auswahlhilfen allemal.

Quelle: F.A.S.
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