Kinderarbeit

So bitter schmeckt die Schokolade

Von Sarah Tekath
Aktualisiert am 10.11.2020
 - 09:46
Mehr Chancen durch faire Bezahlung verspricht der Schokoladenhersteller Tony’s Chocolonely.zur Bildergalerie
Trotz internationalen Abkommen werden Tausende Kinder für die Produktion von Kakao versklavt. Ein Dokumentarfilmer fühlte sich als Konsument mitschuldig und produziert heute selbst Schokolade.

Kam Sami Felix weiß noch auf den Tag genau, wann seine Kindheit endete. Es ist der Tag, als die Männer kommen, um ihn mitzunehmen. In jedem Dorf läuft das Gleiche ab: Die Familien werden auf den zentralen Platz gerufen. Die Fremden sprechen von einer glorreichen Zukunft der Jungen als Kakaobauern in der Elfenbeinküste. Mütter umklammern ihre Söhne, Väter winden sie aus ihren Armen. Sie wollen nur das Beste für ihre Kinder: eine gute Arbeit und ein sicheres Einkommen. Sie glauben den Männern. Es gibt Einwände, dass kein Geld da sei, um die Reise zu bezahlen. „Kein Problem“, sagen die Männer, „die Jungen können es abarbeiten.“

Kam Sami Felix ist damals, 1999, nur wenig älter als zehn Jahre, aber nicht zu jung zum Arbeiten. Die nächsten vier Jahre wird er mit anderen Kindern gewaltsam, mit Züchtigungen, Schlägen und Morddrohungen, auf einer Kakaoplantage festgehalten, um jene Schokolade zu liefern, die den Konsumenten in Europa den Alltag versüßt. Er wird einer der Kindersklaven, von denen es heute in der Welt noch Hunderttausende gibt.

Der bittere Beigeschmack des Leids in Westafrika ist in unserem Mund lange nicht angekommen. Bis der niederländische Investigativ-Journalist Teun van de Keuken die unglaublichen Zustände Anfang der 2000er Jahre öffentlich macht: Als Fernsehjournalist reist er 2003 nach Westafrika. Er will zum Stand von Kinderarbeit in der Kakaoindustrie recherchieren, denn 2001 ist in den Vereinigten Staaten das Harkin-Engel-Protokoll unterzeichnet worden. Darin haben sich acht große Unternehmen der Schokoladenindustrie verpflichtet, Kinderarbeit bis 2005 abzuschaffen. Auf dieser Reise hört de Keuken die Geschichte von Kam Sami Felix.

Arbeitszwang ohne Entlohnung

„Wir wurden nicht bezahlt, aber wir wurden gezwungen zu arbeiten.“ Kam Sami Felix ist 16 Jahre alt, als er van de Keuken erzählt, unter welchen Bedingungen er von 1999 bis 2003 als Kindersklave auf einer Kakaoplantage gearbeitet hat. Das Gespräch wird in Diebougou, im Heimatland von Kam Sami Felix in Burkina Faso, vom Fernsehteam des niederländischen Verbraucherprogramms aufgezeichnet, für das de Keuken damals arbeitet und das Einblicke in die Produktion von Lebensmitteln bieten will.

„Essen haben wir nur einmal pro Tag bekommen. Aber es war nicht gut, und wir sind alle sehr mager gewesen.“ Kam Sami Felix blickt zu Boden, während er das erzählt. „Wenn wir nicht gearbeitet haben, wurden wir geschlagen. Ich hatte Bauchschmerzen, musste aber trotzdem arbeiten. Wer sich weigerte zu arbeiten, wurde geschlagen.“ Einmal, sagt er, habe er gesehen, wie ein Junge versuchte zu flüchten. „Am Abend wurde er dann mitgenommen und danach nie wiedergesehen. Das kam oft vor, dass Jungen verschwunden sind. Sie wurden dann einfach durch neue ersetzt.“

500 Kinder seien auf der Plantage gewesen. „Aber wir durften nicht miteinander sprechen und einander nicht sehen.“ Erst als er von seinen Freunden auf der Plantage spricht, zeigt Kam Sami Felix Emotionen. Er spricht schneller, unterbricht den Übersetzer, zeigt auf seine Freunde, die hinter ihm sitzen, die das Gleiche erlebt haben. „Mit Familienmitgliedern durften wir auch nicht sprechen. Haben wir es doch getan, wurden wir verprügelt oder ermordet.“

Die Aussagen des Jungen werden nicht nur im Fernsehen ausgestrahlt, sie werden in den Niederlanden vor Gericht auch als Zeugenaussagen dienen. Denn van de Keuken hat einen Plan. Er wird sich selbst als Schokoladenkriminellen anzeigen. Sein Gedankengang: „Wenn ich ein Fahrrad von einem Junkie kaufe, von dem ich weiß, dass es gestohlen sein könnte, mache ich mich ja auch strafbar.“ Er fragt sich: Tragen Schokoladenesser eine Mitschuld an den Zuständen, wenn sie Süßigkeiten kaufen, die wahrscheinlich mit Hilfe von Kindersklaverei produziert wurden?

Um seine Aussage rechtlich gültig zu machen, muss Kam Sami Felix sie noch unterschreiben. Ungelenk malt er ein Kreuz unter den Text, schreiben kann er nicht. Schulbildung ist in Burkina Faso keine Selbstverständlichkeit. In Westafrika, etwa in Ghana oder der Elfenbeinküste, von wo 60 bis 70 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion stammen, müssen viele Kinder arbeiten. Zwar nicht immer als Sklaven, dafür aber auf den Feldern der Familien, um deren Überleben zu sichern.

Wie groß das Ausmaß der Kinderarbeit in Westafrika ist, weiß das Forum Nachhaltiger Kakao, in dem sich 2012 das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die deutsche Süßwarenindustrie und der deutsche Lebensmittelhandel zusammengeschlossen haben. „In den Hauptanbauländern Côte d’Ivoire und Ghana arbeiten über zwei Millionen Kinder unter gefährlichen Bedingungen auf Kakaofeldern. Viele der Familien können ihre Lebenshaltungskosten nicht decken“, heißt es in einem Hintergrundpapier des Forums vom November 2019.

Selbstanzeige als Schokoladenkrimineller

Van de Keuken will die Lage dieser Kinder verbessern. Zurück in den Niederlanden, kauft er mehrere Tafeln Schokolade im Supermarkt, stellt die Kamera auf und filmt sich beim Verzehr. Danach ruft er die Polizei und zeigt sich 2004 selbst als Schokoladenkriminellen an. Er hat massenweise Aussagen von Kindersklaven protokolliert, und sie alle finden nun auf einmal in den Niederlanden Gehör. Zum Beispiel die von Kam Kohi Herman. Er war zur gleichen Zeit dort wie Kam Sami Felix. Heute ist Herman 34 Jahre alt, hat eine Familie und arbeitet als Zimmermann. Als er 2003 in dem Interview von seinen Erlebnissen erzählt, hat er den gleichen Gesichtsausdruck wie Kam Sami Felix. Der leere Blick ist auf endlos geschaltet, kein Gesichtsmuskel bewegt sich, keine Mimik ist zu erkennen. Ein Gesichtsausdruck, als wäre ohnehin schon alles egal. Und das gerade einmal mit 18 Jahren.

All den Aussagen der Kindersklaven ist eines gemeinsam: Es wirkt fast so, als würden die Jungen von jemand anderem sprechen. Als wäre dies nicht ihre Geschichte, die sie gerade teilen. Allein sind sie mit ihrem Erlebnissen auch wirklich nicht. Denn um sie herum sitzen, im spärlichen Schatten dünner Bäume, noch mehrere Jungen. Teenager im Alter von 15 bis 18 Jahren. Sie alle waren Kindersklaven für die weltweite Schokoladenproduktion. Selbst Schokolade probiert haben sie aber noch nie. Für sie bedeutet Kakao einzig die Trennung von der Familie, schwere Arbeit, Verletzungen und Erniedrigung.

De Keuken wird vor Gericht freigesprochen und gründet 2005 sein Schokoladenunternehmen. Aus dem niederländischen Männervornamen Teun wird Tony, und sein einsamer Kampf gegen die Ungerechtigkeiten in der Schokoladenindustrie führt zu dem Kunstwort „Chocolonely“. Ziel ist es, „Tony’s Chocolonely“ zu einer Marke auszubauen, deren Produkte zu 100 Prozent frei sind von Sklaverei und Kinderarbeit. Aber de Keukens Vision ist noch umfassender. Die gesamte weltweite Schokoladenindustrie soll sklavenfrei werden.

Das Konfetti fliegt, die Menge jubelt, Scheinwerfer flackern wild umher. „Tony’s Chocolonely“ präsentiert im Dezember 2019 in den historischen Industrieanlagen der Amsterdamer Westergasfabrik seinen Jahresbericht. Der traurigen Realität der weltweiten Schokoladenindustrie will das Unternehmen mit geballter guter Laune und Enthusiasmus für die gute Sache entgegentreten. Aus de Keukens Idee ist ein großes Unternehmen geworden, das mittlerweile auch den britischen, französischen und deutschen Markt erobert hat.

Es gibt Karma Shoarma, ein bunt blinkendes Riesenrad, Luftballons und eine Tanzfläche. Eine Party, bezeichnend für den Stil von „Tony’s Chocolonely“. Bunt, schrill, laut. Knallige Farben und auffällige Verpackung, kreative Geschmacksrichtungen mit Toffee, Bretzeln, Cranberry-Anis und Himbeer-Knisterzucker. Und ein Tafeldesign mit Schokolade, die keine identisch quadratischen Stücke hat, sondern deren Bruchlinien kreuz und quer verlaufen. Manche Stücke sind nur so groß wie der Nagel eines kleinen Fingers und wiegen nur vier Gramm. Andere sind so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Das größte Stück, mit dem Schriftzug der Firma, wiegt 33 Gramm. Ein Symbol dafür, wie ungerecht die Anteile in der Schokoladenindustrie verteilt sind.

Bedingungen meist weiterhin schlecht

„Die Fakten sprechen für sich“, sagt Nicole Riffert, Marketing Managerin von „Tony’s Chocolonely“ Deutschland. „Seit dem Harkin-Engel-Protokoll ist nichts besser geworden. Die Deadline wurde immer weiter nach hinten verschoben, aber mittlerweile sind die Bedingungen fast schlechter als am Anfang. Daher wollen wir die Industrie inspirieren, das Problem anzugehen.“

Das erweist sich aber als schwerer als gedacht. Bei Markteinführung 2005 stand auf der Verpackung von „Tony’s Chocolonely“ rund um ein Piktogramm einer zerbrochenen Kette „100 Prozent frei von Sklaverei“. Mittlerweile ist das Unternehmen zurückgerudert und formuliert: „Zusammen machen wir Schokolade zu 100 Prozent frei von Sklaverei.“ Die Erklärung dafür kann man im jährlichen FAIRreport 2018/19 nachlesen: „Außerhalb der Niederlande wird unsere Mission gelegentlich als Anspruch missverstanden. Indem wir das Wort ‚werden‘ benutzen, verdeutlichen wir unsere Mission, unser Engagement und unsere Vision für die Zukunft.“

Auch bei der Produktion von „Tony’s Chocolonely“ gibt es noch nachweislich Fälle von illegaler Kinderarbeit, im vergangenen Jahr 259. Das kommuniziert das Unternehmen transparent im FAIRreport. Denn eine Garantie kann es bei den derzeitigen Lebenslagen der Bauern vor Ort nicht geben: Es ist die Armut, verursacht durch Dumping-Preise beim Kakao, die die Kinder auf die Felder und in die gefährliche Arbeit zwingt, während sie doch eigentlich lernen, spielen und unbeschwert sein sollten. Deswegen basiert das Konzept von „Tony’s Chocolonely“ unter anderem darauf, angemessene Preise für Kakaobohnen zu bezahlen. Dafür wurde in Zusammenarbeit mit Fairtrade ein Konzept zur Berechnung des sogenannten Living Income entwickelt, also der Summe, die zum Überleben notwendig ist. Dabei werden Faktoren wie die durchschnittliche Familiengröße in Ghana und Elfenbeinküste einbezogen, aber auch Lebenshaltungs- und Geschäftskosten.

Ein Fahrrad durch faire Bezahlung

Wie groß der Effekt einer fairen Bezahlung sein kann, zeigt die Geschichte von Ebenezer Adjei, dem Sohn eines Kakaofarmers, der von „Tony’s Chocolonely“-System zur Überwachung von Kinderarbeit in Zusammenarbeit mit einer Kooperation von Bio-Farmern im ghanaischen Suhum profitiert. Der 12-Jährige in der leuchtend blauen Schuluniform wendet verlegen den Blick von der Kamera ab, als ihn das Team der Schweizer NGO International Cocoa Initiative Ende 2019 filmt, um den Fortschritt vor Ort zu zeigen: „Ich musste früher um 5 Uhr morgens aufstehen, um die sieben Kilometer zur Schule zu laufen. Trotzdem kam ich immer zu spät, weil der Weg so weit ist. Bei Regen war es wegen des Schlamms noch schlimmer. Ich war vom Laufen immer so müde, dass ich mich kaum auf den Unterricht konzentrieren konnte. Aber jetzt habe ich ein Fahrrad und bin fast jeden Morgen der Erste.“ Schon der Besitz eines Fahrrads macht deutlich, welch große Resultate kleine Veränderungen in der Schokoladenindustrie erreichen können.

Doch der Wandel geht nur schleppend voran. Die Garantie einer von Sklaverei und Kinderarbeit freien Schokolade gibt es aktuell nicht. Auch bei „Tony’s Chocolonely“ nicht. So bleibt beim Verzehr von Schokolade vielleicht irgendwann wirklich kein bitterer Geschmack mehr zurück. Und die Kinder in Westafrika können vielleicht irgendwann wirklich einfach nur Kinder sein.

Quelle: F.A.S.
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