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Winzer Paul Weltner

Diese Weine heben die Laune

Von Jakob y Strobel Serra
Aktualisiert am 03.04.2020
 - 19:48
Die Anbaufläche des fränkischen Winzers Paul Weltner beträgt elf Hektar und teilt sich in vierzig Parzellen auf.
Wenn wir schon zu Hause in Quarantäne darben müssen, sollten wir wenigstens guten Wein trinken. Sehr geeignete Kandidaten, um die Laune zu heben, sind die gereiften Silvaner von Paul Weltner aus Franken. Die Kolumne Geschmackssache.

So schnell kann ein Segen zum Fluch werden: Seit ein paar findige Winzer und Weinbaufunktionäre auf die Idee gekommen sind, den Silvaner zum „Spargelwein“ zu deklarieren, ist die bis dahin nur in ihrer Heimat fest verwurzelte Leib-und-Magen-Traube Frankens in aller deutscher Munde – als fruchtiger Tropfen, der unkomplizierten Trinkfluss garantiert und dabei so bekömmlich ist, dass er sofort zu jedermanns Freund wird.

Seither trinken die Deutschen reflexhaft Silvaner zum Spargel und schlagen dabei gerne eine besonders bizarre Volte im kulinarischen Kuriositätenkabinett unserer Nation. Denn sie kennen keine Skrupel, zehn Euro für ein Kilo des schnellwachsenden Stangengemüses zu zahlen, während sie für den angeblich perfekt dazu passenden, in der Herstellung zehnmal so aufwendigen Wein kaum die Hälfte ausgeben. Und so ist der Ruf des Silvaners zwar nicht ruiniert, aber doch reduziert auf einen Wein von freundlicher Eindimensionalität zum Schnäppchenpreis.

Der Franke Paul Weltner will sich damit um keinen Preis abfinden. Seit fünfhundert Jahren betreibt seine Familie in Rödelsee Weinbau, seit den Zeiten seines Urgroßvaters keltert sie Qualitätsweine, seit Anfang der achtziger Jahre gehört sie zum Verband der Deutschen Prädikatsweingüter, und seit er selbst den Betrieb führt, kämpft er an vorderster Front für die Ehrenrettung des Silvaners. Er habe ihn in seiner Jugend erst als langweiligen Allerweltswein, dann je nach aktueller Mode als fruchtsatten „Monster-Silvaner“ oder holzverseuchte Bonbonniere kennengelernt, sagt Weltner. Und erst seine Lehrjahre bei den pfälzischen Spitzengütern Rebholz und Weegmüller hätten ihm die Augen für das Potential dieser Traube geöffnet.

„Ich muss dem Silvaner nichts hinzufügen“

Vor fünfzehn Jahren hat er den Familienbetrieb übernommen und will seither nichts anderes, als zur reinen Seele des Silvaners vorzudringen, den er aus Respekt vor der Tradition so wie in den alten Zeiten prinzipiell mit einem „y“ schreibt. Purismus ist dabei der Leitfaden all seines Handelns: Keine Kellermeistertricks dürften das Aroma des Silvaners und seines Terroirs verfälschen, stattdessen müssten neunzig Prozent der Arbeit im Weinberg gemacht werden, sagt der Winzer, der bis zu fünfzehn Durchgänge pro Saison im Wingert auf sich nimmt, fast jeden Rebstock mit Vornamen kennt, beim Laubschnitt und der Düngung mit größter Sorgfalt ans Werk geht, die meisten Trauben von Hand liest und die Weine zum größten Teil im Edelstahl ausbaut, weil das Holz ihren Geschmack nur verzerren würde. „Ich muss dem Silvaner nichts hinzufügen“, sagt Weltner und klingt dabei kein bisschen kokett.

Einen solchen Aufwand kann er nur betreiben, weil er mit elf Hektar eine vergleichsweise kleine Anbaufläche besitzt. Sie splittert sich wegen der fränkischen Realteilung in vierzig Parzellen auf, was noch mehr Arbeit bedeutet und Weltner gerade recht ist – er säße ohnehin schon zu viel am Schreibtisch und freue sich immer, wenn er selbst Hand anlegen könne.

Seine Spitzenlage ist der Küchenmeister, der seit dem vierzehnten Jahrhundert mit Rebstöcken bepflanzt ist. Er liegt in einem Kessel unterhalb des Steigerwalds, blickt nach Südwesten, bekommt deswegen keine brüllende Mittagshitze ab, was die Trauben nicht zu fett werden lässt, und ist eine Art Baumkuchen der Geologie aus lauter unterschiedlichen Schichten. Gipskeuper mit einem hohen Ton- und Pflanzenanteil dominiert zwar, wechselt sich aber auch munter mit Schiefer, Kalk, Estherien, Schilf- und Blasensandstein ab.

Die Wandlung

Genau diese Komplexität will Paul Weltner in die Flasche bringen, nicht nur bei seinen Silvanern, die sechzig Prozent der Produktion ausmachen. Die kompromisslose Dickköpfigkeit des Winzers zeigt sich auch beim Sauvignon Blanc, der sich auf keine Konzession an den Massengeschmack einlässt und nicht nach Stachelbeere, sondern hochintensiv nach Kräutern und Gewürzen schmeckt, oder beim Riesling aus der Ersten Küchenmeisterlage, der ein Paradebeispiel an Klarheit, Schlankheit und Schnörkellosigkeit ist.

Die Königsdisziplin aber bleibt der Silvaner, von dem Weltner mit andächtigem Respekt spricht. „Herbe Saftigkeit, mineralischer Biss und ein fester Kern, Spannung, Straffheit und Phenolik“, das alles müsse der ideale Silvaner besitzen, der es an Vielschichtigkeit mit jedem Riesling aufnehmen könne. Er will Balance statt Breite, eine zurückhaltende Frucht, wobei kein einzelnes Obst dominieren darf, und bloß keine Bonbonnieren, die wie Aladins Geist der Flasche entsteigen. Seine Weine wecken Interesse in aller Welt, die wissen will, was es außer Riesling noch in Deutschland gibt. Und so kann Weltner ein Fünftel seiner Produktion bis nach Japan und Nordamerika exportieren, während der Ausfuhr-Durchschnitt in Franken bei zwei Prozent liegt.

Am spannendsten wird es, wenn man die Silvaner vertikal verkostet. Der Jahrgang 2018 vom Julius-Echter-Berg ist ein strenger, beinahe asketischer Anti-Spargel-Silvaner, ein Wein, der zum Nachdenken zwingt, weil er selbst noch unentschieden zu sein scheint. Doch schon der Jahrgang 2017 schmeckt nicht so, als hätte er ein Jahr lang in der Flasche gelegen, sondern ein Jahr in einem buddhistischen Kloster meditiert, um nach einer Phase höchster Konzentration seine innere Mitte zu finden.

Noch spektakulärer sind die Metamorphosen beim Rödelseer Küchenmeister aus der Erste Lage. 2018: ein wilder Bursche in der Pubertät, der nicht recht weiß, wohin mit sich selbst; 2017: eine wundersame Selbstharmonisierung und Wandlung zur Sanftmut; 2014: als hätte der Wein heimlich eine Reise in exotische Länder unternommen, um von dort Aromen tropischer Früchte mitzubringen, meilenweit entfernt von einem Spargelwein, tiefgründig genug, um eine Foie Gras zu begleiten. Und das Große Gewächs aus der Hoheleite, der besten Parzelle des Küchenmeisters, verwandelt sich binnen fünf Jahren von einem Silvaner-Säulenheiligen, so schlank und geradlinig wie eine gotische Kathedrale, in einen faustischen Grübler, der extrem dicht und komplex ist, so schwer zu entschlüsseln wie das Wesen des Herrn Doktor und so rauchig, als lauerte Mephisto um die Ecke.

Weingut Paul Weltner, Wiesenbronner Straße 17, 97348 Rödelsee, Telefon: 0 93 23/36 46, www.weltnerwein.de.

Quelle: F.A.Z.
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