Alternativmedizin

Kneippen gegen Burn-out

Von Angelika Bucerius
21.01.2014
, 10:38
Der Hype um Kneipp: Kneipp-Kindertagesstätte an der Ostsee
Wer dachte, Wassertreten und Kaltgüsse seien nur etwas für gesundheitsbewusste Senioren, hat sich getäuscht. Die Verfahren, die Sebastian Kneipp im 19. Jahrhundert begründete, sind aktuell wie nie.
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Kneipp-Therapie? Das klingt nach einem verstaubten Heilverfahren aus dem 19. Jahrhundert. Sofort ist es im Kopf, das Bild von tapferen Mitmenschen, die im Storchengang durch knietiefes kaltes Wasser staksen, Handläufe leiten sie im Kreis durch das Becken. Von den Heilmethoden des Allgäuers Sebastian Kneipp scheint nach weitverbreiteter Ansicht nur noch ebendieses Tretbecken übrig geblieben zu sein. Dabei spielt das Stampfen durchs kalte Nass in der Kneippschen Lehre nur eine Nebenrolle.

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Zu dem mittlerweile wissenschaftlich anerkannten Präventiv- und Heilsystem des Pfarrers und Naturheilkundlers zählt mehr. Neben den Wasseranwendungen (Hydrotherapie) noch vier weitere Elemente: Pflanzenheilkunde (Phytotherapie), Bewegung (Kinesiotherapie), Ernährung (Diätetik) und Lebensordnung (Ordnungstherapie). So aneinandergereiht, lesen sich Kneipps Elemente wie Tipps aus einem aktuellen Gesundheitsratgeber zur Vorbeugung von Bluthochdruck, Schlaflosigkeit oder Stress.

Sein Lebenswerk verdankt er den Kühen

Und tatsächlich, was Kneipp damals entwickelt hat, ist wie gemacht für den Kampf gegen viele unserer heutigen Zivilisationskrankheiten. Dass seine Heilmethoden noch lange nach seinem Tod so aktuelle sein würden, hat Kneipp vermutlich nicht erwartet.

Zu verdanken hat er sein Lebenswerk übrigens den Kühen. Kneipps Familie war arm. Um zum Familienunterhalt beizutragen, hütete er als Junge das Vieh der örtlichen Bauern und half seinem Vater beim Weben in der Heimwerkstatt. Die Arbeit im feuchten Webkeller war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Kneipp 1846 im jungen Erwachsenenalter an Lungentuberkulose erkrankte. Er war Mitte zwanzig, als er aufgrund der schweren Lungenerkrankung von den Ärzten als hoffnungsloser Todgeweihter aufgegeben wurde.

Kneipp studierte zu dieser Zeit Theologie, und durch einen Zufall fiel ihm in der Münchner Universitätsbibliothek ein kleines Büchlein des Mediziners Johann Siegmund Hahn aus dem Jahr 1743 in die Hände; der Titel: „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen, besonders der Kranken bey dessen innerlichen und äußerlichen Gebrauche. Aus Vernunftgründen erläutert und durch die Erfahrung bestätigt von Johann Siegmund Hahn, Medicinae Doctor und Practicus in Schweidnitz“.

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Er stapfte nicht vorsichtig durch das Flusswasser

Kneipp fühlte sich beim Lesen dieser Zeilen an seine Zeit als Hütejunge auf den Feldern erinnert. Damals hatte er beobachtet, wie sich lahmende Kühe wiederholt in das eiskalte Wasser eines kleinen Flusses stellten. Damals war ihm noch unerklärlich, so schrieb er später, warum die Tiere nach einiger Zeit nicht mehr lahmten. Das Buch von Hahn gab ihm die Erklärung.

Kneipp zögerte nicht lange. Es war Mitte November, als er bei fortgeschrittener Krankheit beschloss, es den Kühen gleich zu tun, um sich selbst von der tödlichen Tuberkulose zu heilen. Der Fluss vor seiner Tür war bereits mit einer feinen Eisdecke überzogen. Anders als es die heutigen Tretbecken erwarten lassen, stapfte der junge Theologiestudent nicht vorsichtig durch das Flusswasser.

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Diese vergleichsweise milde Anwendung entwickelte er erst später. Für sich selbst wählte Kneipp sofort die intensivere Ganzkörperversion: Er rannte zum Fluss, zog die Kleidung aus, stieg bis zum Hals in das eisige Wasser, verharrte dort ein paar Sekunden, bevor er wieder hinauseilte, sich flugs die Kleider auf den nassen Körper zog und schnellstmöglich zurück in seine Studentenbude eilte und unter die warme Bettdecke schlüpfte.

Ausdauer und Zuversicht wurden belohnt

Damit war das Grundprinzip seiner Hydrotherapie beschrieben: Wasser dient als Träger thermischer Reize. Kommen diese mit dem Körper in Kontakt, wird der Körper zu Gegenreaktionen angeregt, die sich positiv auswirken und die Heilung fördern können. Durch die Kälte verengen sich zunächst die Gefäße, so dass das Blut schneller zirkulieren kann. Die Gegenreaktion des Körpers: Er produziert vermehrt Wärme. Das mit diesen Temperaturreizen verbundene Gefühl beschrieb Kneipp bereits nach seinem ersten Selbstversuch. Als er sich ins Bett legte, habe er ein wohliges Gefühl gespürt, als sich sein Körper erwärmte.

Dieses Gefühl spornte Kneipp an, er entwickelte seine Selbsttherapie weiter. Dem Wasserheilbüchlein folgend, nahm er in der Waschküche seiner Studentenunterkunft Halbbäder, indem er sich in einen Waschzuber mit eiskaltem Wasser setzte, dann wieder aus der Wanne stieg und tropfnass unter die Bettdecke kroch. An anderen Tagen goss er sich eiskaltes Wasser über Beine, Arme oder den gesamten Körper.

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Jeder Kaltwasser-Anwendung folgte die wiedererwärmende Bettruhe oder körperliche Aktivität. Seine Ausdauer und seine Zuversicht, dass ihn die kalten Wasserreize eines Tages von seiner Tuberkulose heilen würden, wurde belohnt. Kneipp wurde wieder gesund - und seine ersten Patienten, Kommilitonen, die ebenfalls an TBC erkrankt waren, auch.

Kurgäste beim Wassertreten im Jahr 1937
Kurgäste beim Wassertreten im Jahr 1937 Bild: Sueddeutsche Zeitung Photo

Als Erfinder heilsamer Wasserkuren darf sich Kneipp allerdings nicht bezeichnen. Wasserkuren gehören zu den ältesten heilenden Verfahren. Bereits die Römer richteten sich Thermen ein, die zwar auch zur Entspannung, primär aber zur Vorbeugung, Heilung und Genesung dienten. Kneipp muss man aber zuschreiben, dass er die Therapieform und ihre Wirkung systematisierte und weiter entwickelt hat: Warme Wickel und Auflagen sowie warme Teil- und Vollbäder, die er mit Kräuteressenzen anreicherte, gehören dazu. 1886 erschien Kneipps erstes Werk mit dem Titel „Meine Wasserkur“.

Doch mit den Wasseranwendungen war es nicht getan. Die vier weiteren Elemente kamen hinzu. Mindestens eins von ihnen wurzelt ebenso wie die Wassertherapie in Kneipps Kindheit. Denn seine Mutter Rosina war ein sogenanntes Kräuterweiblein. Von ihr lernte Kneipp bereits als Kind, welche Kräuter welche Heilkräfte entfalten. Sein besonderes Verdienst in der Phytotherapie - der Pflanzenheilkunde - ist, dass er sie auf eine wissenschaftliche Basis stellte und somit von mittelalterlichem Wunderglauben befreite.

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„Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche“

Weiter spielte die Ernährung für ihn eine wichtige Rolle. Für Kneipp war klar: „Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche.“ Allerdings gibt es keine Verbote in seinen Ernährungsempfehlungen. Wie man an seiner späteren Körperfülle sieht. Vielmehr ging es Kneipp damals schon um das, was heute in jedem Ratgeber steht: eine ausgewogene Ernährung von möglichst regionalen und saisonalen Produkten sowie naturbelassener Vollwertkost.

Am wichtigsten aber war Kneipp das Element der Lebensordnung. Denn Kneipp erkannte früh: „Erst als ich daran ging, Ordnung in die Seelen meiner Patienten zu bringen, hatte ich vollen Erfolg.“ Trotz dieser Erkenntnis blieb seinen Patienten körperliche Aktivität nicht erspart. Wo man heute zum Beginn des Trainings joggen oder Rad fahren würde, spornte Kneipp seine Patienten an, Wasser zu pumpen und Holz zu hacken, damit ihr Kreislauf in Schwung kam und ihre Körper ausreichend angewärmt waren für die Kaltanwendungen.

Denn eine der wichtigsten Grundregeln der kneippschen Hydrotherapie lautet: Kaltes Wasser immer nur auf erwärmten Körper. Also entweder nach Bewegung oder ganz ursprünglich, wie es Kneipp einst selbst bei seinen Therapieversuchen machte: direkt aus dem warmen Bett heraus.

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Kneipp überall

Heute kommen Ärzte und Naturheilkundler aus aller Welt nach Bad Wörishofen, Kneipps Wirkungsort, um all diese Anwendungen zu lernen. Der Kurort ist stolz auf die Naturheilverfahren; im Sommer 2013 stellte die Stadt einen Antrag, damit seine Lehre als immaterielles Unesco-Weltkulturerbe anerkannt wird. Natürlich findet sich an einem solchen Ort auch einer von derzeit 344 zertifizierten Kneipp-Kindergärten und eine der bislang nur 20 zertifizierten Kneipp-Schulen. Kneipp überall.

Eine der größten Vorteile der Kneipp-Anwendungen gegenüber anderen Naturheilverfahren sei eben, dass sie in jedermanns Alltag und in vielen Einrichtungen problemlos angewendet werden könnten, sagt Siegfried Bäumler, leitender Oberarzt in der Bad Wörishofener Kurklinik „Kneippianum“; die Einrichtung hat Kneipp selbst als seine dritte Kneippsche Stiftung gegründet. Normalerweise habe jeder eine Dusche oder Badewanne, eine Gießkanne und ein Leinentuch zu Hause, erläutert Bäumler. Das ist fast alles, was man braucht.

Allerdings empfiehlt der Mediziner, zunächst die wichtigsten Grundregeln und Grundfertigkeiten von Ärzten, Heilpraktikern und Bademeistern zu erlernen, bevor man beginnt, im eigenen Badezimmer Bluthochdruck, Stress, Burn-out, Hyperaktivität und Immunschwäche mit dem Wasserstrahl zu bekämpfen.

Quelle: F.A.S.
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