Düfte als Familientradition

„Bei uns wurde über Parfum geredet wie bei anderen über Fußball“

Von Maria Wiesner
14.03.2021
, 11:17
Die Großeltern züchteten Rosen in Grasse, der Vater entwarf Düfte für Calvin Klein: Aurélien Guichard führt das Parfumhandwerk seiner Familie mit eigenen Kreationen fort.

Aurélien Guichard ist verschnupft. Für einen Parfumeur, der hauptsächlich mit der Nase arbeitet, ist das natürlich ärgerlich. „Normalerweise ist meine Nase morgens am besten, deshalb liegen auf meinem Schreibtisch immer schon die neuesten Überarbeitungen der Düfte parat, an denen ich gerade sitze“, sagt er bei unserem Gespräch und nimmt sich an diesem Morgen im Pandemiewinter dann lieber Zeit, ausführlich über seine Kreationen zu sprechen.

Die sind unter dem Label „Matiere Premiere“ seit kurzem auch in Deutschland (in München bei Oberpollinger und in Hamburg im Alsterhaus) erhältlich. Schlichte geschliffene Glasfalkons, deren minimalistische Labels Titel wie „Parisian Musc“, „Santal Austral“ oder „Radical Rose“ tragen. Die Düfte daran konzentrieren sich um eine Hauptduftnuance. So spielt etwa der weiße Moschusgeruch in „Parisian Musc“ mit saftigen grünen Feigennoten und die „Radical Rose“ gewinnt durch eine leichte Pfeffernuance spielerisch Tiefe.

„Mein Ziel war es, die Schönheit der Rohmaterialien in die Flasche zu bekommen“, sagt Guichard. Seine Düfte enthalten deshalb eine Konzentration von 20 bis 25 Prozent des puren Parfums. „Zu dieser Überdosis füge ich dann einige Komponenten hinzu, die verschiedene Facetten noch einmal hervorheben.“

In siebter Generation

Die Faszination mit Parfum begann für Guichard schon in der Kindheit. Seine Familie ist in siebter Generation im Parfumhandwerk tätig. Wenn er seine Großeltern in der südfranzösischen Parfumstadt Grasse besuchte, half er bei der Rosenernte. „Ich erinnere außerdem den Geruch des Jasmins, wenn er zur Duftproduktion gefahren wurde“, sagt Guichard. Sein Vater, Jean Guichard, bildete junge Parfumeure für den Kosmetikkonzern Givaudan aus und entwarf ikonische Düfte wie „Obsession“ für Calvin Klein. „Bei uns zuhause wurde über Parfum geredet, wie bei anderen Familien über Fußball“, sagt Guichard. Und fügt hinzu: „Ich hatte das Glück mit Menschen aufzuwachsen, die diese Arbeit als Kunst verstanden.“

Mit 17 Jahren verließ er Frankreich, wollte etwas mehr von der Welt sehen, kehrte dann jedoch recht schnell zum Parfumhandwerk zurück und absolvierte eine klassische Parfumeursausbildung. Nachdem er für verschiedene Designer Düfte entworfen hatte, darunter das gleichnamige Parfum für „John Galliano“ oder „Play“ für Comme des Garçons, beschloss er sein eigenes Label zu gründen und eröffnete 2019 „Matiere Premiere“. Dafür kehrte er zu seinen familiären Ursprüngen zurück, denn die Rosen für seine Parfums züchtet er seit 2016 auf einem eigenen Feld in Südfrankreich. Auch bei den anderen Zutaten ist er äußerst wählerisch. „Das Sandelholz zum Beispiel habe in Australien gefunden. Das riecht wirklich unterschiedlich, je nachdem aus welcher Region es kommt.“

Auf die Idee mit den minimalistischen Glasflakons brachten den 43-Jährigen seine Freunde. „Immer wenn sie mich besuchten, zog es sie automatisch zu dem Regal, in dem meine Duftflakons stehen.“ Dort griffen die Besucher dann aber nicht zu den buntgeschliffenen Flakons der großen Designerdüfte, sondern immer zu den viereckigen, schlichten Fläschchen, in denen Guichard jene Duftproben aufbewahrte, an denen er gerade arbeitete. Seine sieben Duftkreationen für „Matiere Premiere“ kann man daher sowohl in der 100 Milliliter Flasche kaufen, als auch im kleinen Probeflakon, der sechs Milliliter enthält und einen ersten Eindruck von der Duftwelt vermittelt, die sich Guichard mit seinen Nuancenspielereien erträumt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot