Corona und Konsum

Brauchen wir gerade noch Luxus?

Von Johanna Dürrholz
Aktualisiert am 06.04.2020
 - 12:08
Der Versace-Store in Paris ist derzeit geschlossen.
Wenn es ums schiere Überleben geht, verlieren teure Besitztümer an Wert. Höchste Zeit, sich über neue Perspektiven Gedanken zu machen.

Geht man dieser Tage am Decksteiner Weiher in Köln joggen, kann es sein, dass man Glück hat: Die Sonne steht dann genau richtig, nämlich in dem Winkel, der den schnöden Weiher beinahe azurblau blinken, das Gras, das ihn säumt, grüner leuchten lässt und der Seele einen kleinen Stich versetzt – es ist nicht alles schlecht in dieser Zeit. Also sicherstellen, dass man mindestens 1,5 Meter Abstand zu all den anderen Joggern hat, und: tief einatmen jetzt. Echter Luxus, so ein Moment, oder?

Schaut man sich an einem (Corona-freien) Samstagnachmittag auf den Champs-Élysées um, findet man dort all die großen Marken, die ein luxuriöses Leben versprechen: Vor Chanel und Louis Vuitton stehen die Touristinnen Schlange. Einlass nicht für jeden, Wartezeit mehrere Stunden. Wer zur teuren Tasche noch die richtige Uhr kauft, hat es geschafft, suggerieren Bilder und Werbung. Taschen für viel Geld, von dem man auch einen Kleinwagen kaufen könnte, Garderobe, teurer als ein Brautkleid. Auch hier in dieser Zeitung zeigen wir häufig Gegenstände, die teuer sind, von Designermarken entworfen wurden, die Exklusivität versprechen. Auch das ist für viele Menschen etwas, was man als Luxus bezeichnen könnte.

Warum aber wollen wir überhaupt Luxus – und was versprechen wir uns davon? Wieso wollen wir etwas, was eigentlich überflüssig, nicht rational brauchbar ist? Warum kaufen sich Menschen übertrieben schnelle Autos, die so schnell sind, wie ihre Besitzer vermutlich nie damit fahren können (oder dürfen)?

All das scheint irgendwie weit weg, während eine Pandemie wütet, die öffentliches Leben – und damit jede Gelegenheit, Luxus zur Schau zu stellen – lahmlegt. Niemand würde gerade Schlange stehen vor Dior oder Cartier – selbst wenn das ginge.

Stattdessen stehen wir vorm Supermarkt an. Um Klopapier zu kaufen und Nudeln. Wo sonst mindestens zwölf verschiedene Klopapiersorten zu finden sind, herrscht im Moment gähnende Leere. Manche Supermärkte haben die Klopapierregale inzwischen sogar mit Ostersüßigkeiten befüllt, um den Mangel an Angebot zu vertuschen, und wohl auch, weil wir diesen Anblick, dieses Gefühl, dass etwas nicht frei und jederzeit verfügbar ist, nur schwer ertragen können. Soll das heißen, dass Klopapier nun Luxus ist? Irgendwie banal.

Es ist dieses Überangebot an Dingen, dieser Überfluss, den viele für Luxus halten. Aber ist etwas wirklich noch Luxus, wenn es für alle zugänglich ist? „Es sieht so aus, als befänden wir uns in der Genussfalle“, heißt es beim Ethiker Jean-Pierre Wils, der fragt, ob Luxus eine „verdorbene Perspektive“ sei. Dabei ist der Drang zu genießen laut Wils durchaus verständlich: Vorher musste der Mensch lange verzichten. Sei es wegen Hungersnöten oder Kriegen, sei es aus religiösen Gründen – oder in Zeiten einer Pandemie. Ständig gab es entweder nicht genug oder durfte es nicht genug geben. Überfluss, Genuss um des Genießens willen, Luxus – all das galt allenthalben als unanständig, dekadent.

Der klare Fokus auf die Vernunft, so führt Jean-Pierre Wils weiter aus, habe die Menschen müde gemacht: Wir wollen nicht immer nur vernünftig sein. Wir leiden unter dem selbstauferlegten Muss der Reflexion, unserer omnipräsenten und selbstverschuldeten Mündigkeit. Wer unter der Komplexität unserer Kultur ächze, der möge Zuflucht im Luxus finden, so Wils. Es ist schließlich auch schön, einmal ohne schlechtes Gewissen etwas komplett Irrationales zu tun. Auch jetzt in der Krise können wir uns an Dingen erfreuen, die wir rational betrachtet vielleicht nicht brauchen. Das ist Luxus.

Es geht aber auch um einen Aufwand, meint Lambert Wiesing. Er ist Philosophieprofessor an der Uni Jena und hat ein Buch über Luxus geschrieben. Der Begriff werde oft synonym mit „Protz“ und mit „Komfort“ verwendet, sagt Wiesing. Luxus bedeute aber weder das eine noch das andere: „Luxus ist ein übertriebener Aufwand, den wir betreiben.“ Und zwar in dem Wissen, dass er übertrieben ist. „Das ist das dadaistische Moment“, sagt Wiesing. Darunter fällt nicht, für eine Tasche viel Geld auszugeben, findet Wiesing: „Das ist ja kein Aufwand.“ Anders sei es, wenn man wisse, welcher Aufwand für die Herstellung dieser Tasche betrieben wurde. „Wenn man sich dessen bewusst ist und auch findet, dieser Aufwand ist übertrieben, das ist dann Luxus“, so Wiesing.

„Freude am eigenen Willen“

Dann ginge es nun wohl tatsächlich an, in diesen Tagen nach Klopapier zu suchen und das als Luxuseinkauf zu bezeichnen; immerhin ist es ein hoher Aufwand, viele Geschäfte abzuklappern, bis man eine Packung gefunden hat. Nein, sagt Wiesing. Das wäre ja eine zweckmäßige Anschaffung. Auch Wiesing erkennt im irrationalen Element des Luxus eine Befreiung für uns: Wir müssen nicht nur funktionieren, für etwas Größeres. Wir tun etwas, was wir wollen – und zwar nur, weil wir es wollen. Das ist eine Verweigerung gegenüber der Ratio. Wozu sonst sollten 400 PS gut sein? Wiesing nennt das die „Freude am eigenen Willen“ – man erkennt die eigene Autonomie in der Entscheidung, sich diesen teuren Wagen zu kaufen, ohne dass es einen erkennbaren Grund dafür gibt.

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Nun ist es gerade so, dass wir zum einen die Aushebelung unserer auf Zweckmäßigkeit und Effizienz ausgerichteten Gesellschaft erleben: Kaum jemand geht noch zur Arbeit, das öffentliche Leben wurde komplett heruntergefahren, die meisten Menschen haben sich mit der engsten Familie daheim verkrochen, arbeiten höchstens noch im Home-Office. Wir befinden uns in einem state of mind der totalen Entschleunigung, leben wie in Watte gepackt. So, als würde es draußen seit Wochen so arg schneien, dass man gar nicht mehr raus kann.

Zum anderen aber ist dieses Entfernen vom Normalzustand natürlich wieder genau das: rational, auf einen Zweck ausgerichtet. Auf den Zweck, das Virus möge sich nicht zu schnell ausbreiten. Und auch in dieser Zweckmäßigkeit, so runtergefahren sie auch sein mag, erfreuen wir uns der Irrationalität. Erfreuen wir uns unseres Willens: indem wir ein besonders anspruchsvolles Gericht kochen. Im Internet Bücher shoppen, die wir gar nicht brauchen. Die Plattensammlung erweitern. Ein teures, aufwendig hergestelltes Kleid bestellen im Wissen, dass wir es vielleicht erst in ein paar Wochen tragen können. Natürlich braucht man bestimmte Luxusgegenstände gerade wohl noch weniger als sonst. Wenn das Leben in Gefahr ist, haben wir naturgemäß andere Sorgen. „Wir können unseren freien Willen nur verwirklichen, wenn wir leben“, meint auch Wiesing. Zu leben sei schließlich die Voraussetzung, um autonom zu bleiben. Doch wenn wir ans Leben vor Corona denken, denken wir eben immer auch an ein gutes Leben. Das Leben, das uns nun vermeintlich fehlt. Dazu gehört auch Luxus.

Aber Luxus kann auch eine Illusion sein: Als 2016 das Fyre Festival angekündigt wurde, war es die Verheißung von Luxus schlechthin: Supermodels, die in einem Werbefilm auf einer Yacht feierten, die sich an einem feinen, weißen Sandstrand räkelten, die ihren Millionen von Followern viele, viele Bilder zeigten von diesem Traum, den sie da lebten – und den, so das Werbeversprechen, jeder leben könne. Man müsse bloß ein 10 000-Dollar-Ticket kaufen. Den Gästen wurde versprochen, sie würden mit Privatjets auf eine einsame Insel geflogen, dort mit Jetskis um die Insel düsen, am Strand chillen, in eigenen Villen wohnen. Das alles auf einer Insel, die früher einmal Pablo Escobar gehörte und die die Fyre-Festival-Veranstalter gekauft hatten. Ein Event der Sonderklasse.

Allein, die Insel war viel zu klein für all die Menschen. Das Festival musste auf eine andere, weniger exklusive Insel der Bahamas verlegt werden. Die Besucher wurden in einem Passagierflugzeug mit Hunderten anderen Gästen hingeflogen, die Villen existierten nicht, es hatte einen schrecklichen Regensturm in der Nacht vor Festivalbeginn gegeben. Noch am selben Tag wurde das Festival abgesagt. Ein Desaster.

Dabei war es gar nicht so sehr der versprochene Spaß an den Liveacts oder die Villen, für die die Leute da gezahlt hatten. Es war die Verheißung von etwas Unerreichbarem, von etwas, was die feiernden Models symbolisieren, etwas nicht Greifbares. Das Versprechen, so zu leben, auszusehen, zu sein wie Menschen in einem Werbeclip. Die Besucher zahlten für eine bloße Vorstellung von Luxus.

Zeit, sich neue Blickwinkel zu erschließen

Jean-Pierre Wils plädierte schon angesichts der Klimakrise für ein „Weniger an Dingen“, mit dem wir uns ohnehin anfreunden müssten. Das Mehr an Dingen sei keine brauchbare Perspektive mehr. Jetzt ist die Chance, nach einer neuen zu suchen. Und wo geht das besser als daheim, wo es Zeit gibt zum Nachdenken und Reflektieren über den Hyperkonsum, dem viele von uns sonst frönen, manchmal ohne es zu merken. Vielleicht ist nun die Zeit, die eigentlich längst hätte kommen müssen. Die Zeit, sich zu besinnen und sich neue Blickwinkel zu erschließen. Muss ich wirklich alles haben, nur weil ich es haben kann? Ist Luxus nicht erst dann Luxus und so viel schöner, wenn ich ihn nicht ständig um mich herum habe?

Vielleicht sollten wir uns nach der Krise nicht wieder auf all die schönen und schnelllebigen Dinge stürzen, die unser Dasein nur vermeintlich besser machen, auch nicht nach all den entbehrungsreichen Wochen. Das wäre im Kleinen die Wiederholung der Nachkriegsjahre. Vielmehr müssen wir fragen: Ist es den Aufwand wirklich wert, wenn ich stattdessen, unaufwendig und unluxuriös, die Sonne in diesem einen Winkel stehen sehen kann, draußen am Weiher? Und war es nicht sowieso von Anfang an eher eine Vorstellung, der wir uns hingegeben haben, eine Verheißung des guten, besseren Lebens? Dann doch lieber eine neue Vorstellung von Luxus. Damit das Leben, das wir nach der Krise wiederaufnehmen, auch ein gutes sein kann.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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