Mythen und Verschwörungen

Wieso glauben so viele Menschen den Ärzten nicht mehr?

Von Anna Vollmer
20.03.2020
, 13:57
Ein Arzt in der Schweiz führt einen Ultraschall bei einer Patientin durch.
Wer ein Gefühl von Kontrollverlust hat, informiert sich lieber selbst, als Ärzten zu vertrauen. Das gibt den Eindruck von Kontrolle. Und ebnet den Weg für Mythen und Verschwörungstheorien – nicht nur in der Corona-Krise.
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Mythen sind schnell in der Welt, oft für immer – und längst nicht nur in Zeiten des Coronavirus. Die Psychologie weiß, dass auch von Versuchen, über einen Mythos aufzuklären, oft nur eines übrig bleibt – der Mythos selbst. In letzter Zeit scheinen Verschwörungstheorien sogar eine Art Boom zu erleben: Wem Informationen nicht passen, der hat sie mit einem gezielten Fake-News-Vorwurf schnell beiseitegewischt.

Auch die Medizin kennt das Problem. Impfgegner gibt es schon lange, doch ist die Debatte zuletzt wieder neu entflammt. Auch Fluorid ist in den Fokus gerückt, ein Salz, das die meisten aus der Zahnpasta kennen. Dieses soll, so Kritiker, giftig sein und dumm machen. „Fluoride sind Industrieabfall“, heißt es auf der Facebook-Seite von „Bewusst-vegan-froh“, der Artikel „Fluorid zerstört Schilddrüse“ wurde fast 800 Mal geteilt. Das Naturkost-Magazin „Schrot & Korn“, das in Bioläden ausliegt und eine Auflage von rund 900.000 Exemplaren hat, raunt von „Fluorschäden“. Und sogar Wikipedia schreibt: „Fluoride gelten als Nervengift.“

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Wie kommt es zu einer solchen Diskrepanz?

Zahnärzte halten dagegen: „Fluoride sind einer der weltweit am gründlichsten untersuchten Wirkstoffe. Die ‚Giftigkeit‘ der Fluoride ist nach wissenschaftlichen Untersuchungen fast 10-mal geringer als die von Kochsalz“, heißt es in einem Statement der Bundeszahnärztekammer. Die Wirksamkeit sei unbestritten: „Der kariespräventive Effekt im bleibenden Gebiss steigt mit zunehmender Fluoridkonzentration in der Zahnpasta und häufigerer Verwendung.“ Wie kommt es zu einer solchen Diskrepanz?

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Ein Teil lässt sich durch Verwechslung erklären: Fluorid klingt wie Fluor, das hochreaktiv und giftig ist. Fluorid ist nur in großen Mengen schädlich. Ähnlich wie bei Chlor und Chlorid. Das eine ist giftig, das andere Hauptbestandteil von Speisesalz und unbedenklich. Auch bei Fluorid ist die Dosis entscheidend: Wer Zahnpasta in großen Mengen isst, kann Bauchschmerzen bekommen. Wer sich damit nur die Zähne putzt, nicht.

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Doch ist die Verwechslung nur eine der Ursachen. Die Fakten werden nicht akzeptiert, wie im Fall des Impfens auch. Dort gibt es eine klare wissenschaftliche Position, die von statistischen Erhebungen gestützt wird: Impfen schützt vor Krankheiten und hat nur in den allerseltensten Fällen Nebenwirkungen. Doch Impfgegner lassen sich von diesen Argumenten nicht beeindrucken. Warum eigentlich nicht? „Viele Leute wollen etwas, das zu 100 Prozent sicher ist. Aber das ist einfach unrealistisch. Nichts ist 100 Prozent sicher“, sagt Psychologe Philipp Schmid, der an der Universität Erfurt zu Impfgegnern forscht. Es sei wichtig, das dazuzusagen, wenn man mit Impf- oder Fluoridgegnern diskutiere. Viele Leute täten sich schwer, Fluorid- oder Impfgegnern etwas entgegenzusetzen, weil sie auf deren Argumente nicht vorbereitet seien: „Bei Holocaust- oder Klimawandelleugnern ist das etwas anderes, mit diesen Themenbereichen setzen wir uns schon in der Schule auseinander.“

Verschwörungstheorien seien nichts Neues, sagt Schmid, doch mache es ihnen das Internet teilweise leichter. „Algorithmen präsentieren uns Artikel, die zu dem passen, was wir vorher gelesen haben.“ Hinzu komme der „confirmation bias“: „Wir suchen uns tendenziell die Informationen, die die Meinung bestätigen, die wir eh schon haben.“

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„Imagepflege und Produktverkauf“

Ein häufiges Argument von Fluorid- und auch Impfgegnern ist die Macht der Pharmaindustrie, die sich mit dem Verkauf von Impfstoffen oder fluoridhaltigen Produkten bereichern möchte. Ähnliche Muster lassen sich auch in der derzeitigen Corona-Krise beobachten: So legt Wolfgang Wodarg, ein Lungenarzt, der Corona als „Hype“ bezeichnet, auf seiner Website nahe, Italien könnte es mit dramatischen Schilderungen aus den dortigen Krankenhäusern auf finanzielle Hilfen der EU abgesehen haben. Allerdings blendet diese Argumentation völlig aus, das Staaten wie Italien und auch Deutschland erhebliche Rezessionen in Kauf nehmen, um das Virus zu stoppen. Auch Pharmakonzerne würden mit Karies und Krankheiten deutlich mehr verdienen als mit deren Prävention. Zudem lässt sich auch mit alternativen Heilverfahren Geld machen: Viele Seiten, die alternative Gesundheitstipps geben und vor Fluorid warnen, verkaufen auch die passenden Produkte oder werben zumindest dafür. So wurde etwa das populäre Internetportal „Zentrum der Gesundheit“ von Verbraucherschützern kritisiert, weil es auf dieser Seite „in erster Linie um Imagepflege und Produktverkauf“ gehe. Oder das Unternehmen Dr. Wolff, das mit seiner fluoridfreien Zahnpasta „Karex“ offensiv wirbt. Bedenken gegenüber Fluorid habe es schon immer gegeben, sagt Stefan Zimmer, Professor für Zahnerhaltung und präventive Zahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke, seit 31 Jahren als Zahnarzt tätig. Neu sei allerdings, „dass diese nach meiner Einschätzung von einem Unternehmen zu Marketingzwecken geschürt werden“, sagt Zimmer.

Dr. Wolff aus Bielefeld wirbt damit, eine Alternative zu Fluorid gefunden zu haben. Die Bundeszahnärztekammer urteilt: „Das Unternehmen Dr. Wolff betreibt seit einigen Wochen eine aggressive Werbung für das Produkt Karex und streut gezielt Verunsicherungen zu Fluoriden. Die Behauptungen entbehren der wissenschaftlichen Datenlage.“ Es gab zwei Klagen gegen das Unternehmen. Im ersten Fall erließ das Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen dessen Print- und Fernsehwerbung. Eine Klage läuft noch. In seiner neuen Werbekampagne warnt Dr. Wolff vor Fluorosen, weißen Flecken auf den Zähnen, die auftreten können, wenn Kinder zu viel Fluorid zu sich nehmen. Zimmer sagt, diese seien nicht häufig und höchstens ein ästhetisches Problem: „Lieber ein weißer Fleck als ein schwarzes Loch.“

Woher kommt die Medizinskepsis? Die meisten, die auf Impfungen oder Fluorid verzichten wollen, sind keine eingefleischten Verschwörungstheoretiker, sondern verunsichert. Das Aufklärungsvideo „Fluoride und Zahnpasta – Die ganze Wahrheit“ von Mailab, einem wissenschaftlichen Youtube-Kanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das die Werbung für „Karex“ auseinandernimmt, hat auf Youtube fast eine halbe Million Klicks und gewann 2018 den Webvideopreis. Wenige Kommentare unter dem Video warnen weiterhin vor Fluorid, die meisten sind wohlwollend: „Danke, ich war schon verunsichert und verwirrt, was sich wie auf was auswirkt“, heißt es etwa. Mailab macht etwas, womit Wissenschaftler und auch Ärzte sich teilweise schwertun: naturwissenschaftliche Forschung verständlich zu erklären. Es sei wichtig, sagt Philipp Schmid, dass Wissenschaftler ihre Forschung besser in der Öffentlichkeit präsentierten und Wissenschaftsjournalismus populärer werde. Wer bei Fragen anfängt zu googlen, sollte im besten Fall auf wissenschaftliche Beiträge treffen.

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Die Medizinskepsis liege einerseits an einer Fülle von Informationen, die im Internet zu Gesundheitsthemen verfügbar seien, sagt Edgar Pinkowski, Präsident der hessischen Bundesärztekammer. Doch auch an einem Gesundheitssystem, „das zunehmend kommerziellen Zwängen folgt“. Hier drohe „die für den Behandlungserfolg entscheidende Arzt-Patienten-Beziehung durch fehlende Zeit und Arbeitsverdichtung in Klinik und Praxis an den Rand gedrängt zu werden“. Dies habe die Konsequenz, „dass immer mehr Menschen auf alternative Therapieangebote“ auswichen.

Diese Art von Verständnis könnte Skeptiker vielleicht zum Dialog bewegen. Psychologe Philipp Schmid sagt, Menschen, die anfällig für Mythen und Verschwörungstheorien seien, hätten oft ein Gefühl von Kontrollverlust. Vielleicht informieren sie sich deshalb lieber selbst, statt Ärzten zu vertrauen: So mögen sie den Eindruck haben, Kontrolle zurückzugewinnen. Auch Professor und Zahnarzt Stefan Zimmer hat die Erfahrung gemacht, dass Verurteilungen nur zu einer noch stärkeren Abwehrhaltung führen würden. Seinen Patienten lässt er inzwischen die Wahl: „Ich will nicht der Kreuzritter der Fluoridprophylaxe sein.“ Er will niemanden überreden, sondern klärt nur noch auf.

Im September 2019 testete „Öko-Test“ 400 verschiedene Zahnpasten, fast jede zweite fiel durch. Oft, weil sie kein Fluorid enthielt. „Öko-Test“ riet: „Schauen Sie vor allem bei Naturkosmetik-Zahnpasta genau auf die Zutatenliste. Sie enthält oft kein Fluorid und bietet so keinen wirksamen Schutz vor Karies.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Autorenporträt / Vollmer, Anna
Anna Vollmer
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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