Cynthia Erivo über Serienrolle

„Ich darf nicht so tun, als sei ich Aretha Franklin“

Von Anna Wollner
03.06.2021
, 21:44
Cynthia Erivo liebt die Musik von Aretha Franklin, seit sie ein Kind war. Nun darf sie ihre Heldin in einer Serie verkörpern und erzählt, was dabei die größte Herausforderung war und welche Weisheit sie von der Soul-Queen gelernt hat.

Cynthia Erivo fehlt nur noch ein Oscar und sie hat den berühmten vierfachen Erfolg „EGOT“ zusammen, also sowohl die Auszeichnungen Emmy, Grammy, Oscar und Tony erhalten. Und das mit gerade mal 34 Jahren. Nominiert für den Oscar war sie bereits zwei Mal, es sollte also nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie ihn bekommt. Nun ist sie erst einmal in der Serie „Genius: Aretha Franklin“ zu sehen (ab 4. Juni bei Disney+), in der sie die Queen of Soul spielt.

Die Anthologie-Serie hat den Vorsetzer „Genius“, zu deutsch Genie. Was macht Aretha Franklin für Sie zu einem Genie?

Aus rein praktischer Sicht: Sie konnte keine Noten lesen und hat trotzdem komponiert und Musik erschaffen. Sie konnte wie eine Konzertpianistin spielen, und das nur nach Gehör.

Und aus theoretischer Sicht?

Mit ihrer Musik hat sie eine Brücke geschlagen, zu ihrem normalen Leben und zu dem ihrer Zuhörerschaft. Sie hat ihre eigenen Gefühle und Erfahrungen verarbeitet und über die Musik all jene angesprochen, die ihr zugehört haben. Ein Grund, warum sie überall auf der Welt gehört wurde. Sie konnte mit Musik etwas machen, das kein Anderer konnte.

Wie sind Sie selbst mit der Musik von Aretha Franklin das erste Mal in Berührung gekommen?

Ich saß im Auto meiner Mutter, auf dem Weg zur Schule. Ich war neun oder zehn Jahre alt. Und im Radio lief auf einmal „Think“. Ich hatte sie vorher noch nie in meinem Leben singen gehört. Aber ich habe mich sofort in den Klang ihrer Stimme verliebt. Ein paar Songs später lief wieder Aretha Franklin. Diesmal im Duett mit Annie Lennox „Sisters Are Doin‘ it for themselves”. Es wollte einfach nicht in meinen Kopf, wie ein und dieselbe Person zwei so unterschiedliche Songs machen kann und dass mich dann beide Songs auch noch so berühren. In dem Moment war es um mich geschehen.

Wie haben Sie sich der Körperlichkeit von Aretha Franklin angenähert?

Ich bin von Hause aus eher ein audiovisueller Typ. Ich gucke oder höre etwas und lerne. Das Netz war mir da eine große Hilfe, eine nie versiegende Quelle der Inspiration. Es gibt tausende Videos von ihr online. Vor allem von ihren Auftritten. Ich habe sie ganz genau beobachtet. Was mir schnell aufgefallen ist: Sie hat nicht viele Routinen. Sie bewegt sich zu Musik, wenn es sie packt. Mal mehr, mal weniger. Ich habe mir von ihr abgeguckt, wie sie in Musik einzutauchen. Dazu gehörte natürlich auch, dass ich Tag und Nacht ihre Musik gehört habe – meine armen Nachbarn.

Und trotzdem gelingt es Ihnen, Aretha Franklin nicht zu kopieren, sondern zu interpretieren – eine Gratwanderung.

Da sagen Sie etwas. Mir kreiste immer nur ein Gedanke durch den Kopf: Ich darf nicht so tun, als sei ich Aretha Franklin. Ich wollte keine Doppelgängerin sein, sie nicht zu hundert Prozent imitieren. Denn dann hätte ich ihr alles Menschliche abgesprochen. Wenn ich mich nur darauf konzentriert hätte, genauso so zu sein wie sie, hätte ich total steif gespielt. Die Verbindung zu ihr hätte gefehlt. Ich wollte sie als Person begreifen, nicht als Bild, Vorstellung oder Video, das ich mal gesehen habe. Richtig begreifen konnte ich sie also erst, als ich sie loslassen konnte.

Sie spielen nicht nur, Sie haben auch selbst gesungen. Noch so eine Herausforderung?
Ohja, besonders bei dem Song „Never grow old“. Da bin ich wirklich an meine Grenzen gestoßen. Es ist eines dieser Lieder, bei denen Aretha einfach macht, was sie will. Es gibt keinen bestimmten Rhythmus, keine Zeitangaben. Sie lässt sich von der Musik treiben. Sie singt, ihr Klavierspiel folgt ihr. Und andersrum. Ohne Noten, ohne Anleitung, ohne Halt. Ich habe relativ lange gebraucht, um da reinzukommen, um an den richtigen Stellen atmen zu können, die Pausen zu finden und zu verstehen, warum sie im Text immer wieder springt, bestimmte Passagen wiederholt, andere nicht. Aber als ich erstmal den Zugang gefunden habe, war es großartig mit dem Song gemeinsam zu atmen.

Aretha Franklin hat ihre Karriere in einem von Männern dominierten Business gestartet. Sie hat sich ganz langsam selbst einen Ruf aufgebaut und ist zur Aktivistin geworden. Eine Parallele zu Ihrem Leben?

Eine Parallele zum Leben jeder Frau. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Frauen nie als das geboren werden, was wir sind. Wir brauchen immer eine Weile, um herauszufinden, wer wir sind. Das mag ich an der Serie. Wir sehen sie wachsen, ihre Stimme finden. Das ist ein Prozess. Am Anfang ihrer Karriere hat sie viel Jazz gesungen. Aber das war nicht richtig für sie. Sie ist dann zu den Ursprüngen ihrer musikalischen Früherziehung zurück, zum Gospel. Das hat sie mit der Art Musik gepaart, die sie machen wollte. Heute kennen wir das als Soul. Sie hat die Musik der Kirche mit Pop und RnB gepaart. Es hat einfach ein bisschen gedauert, bis sie bei sich war, ihren Platz in der Musik und der Musikindustrie gefunden hat. Erst in den Achtzigern wusste sie, wer sie war und was sie vom Leben wollte. Sie wusste früh, dass sie singen wollte. Sie wusste nur lange nicht, was sie singen wollte.

Vor Aretha haben Sie Fluchthelferin Harriet Tubman gespielt. Was reizt Sie an diesen historischen Figuren?

Geschichten zu erzählen, die wir noch nicht hundert Mal gehört oder gesehen haben. Geschichten von Frauen, die wir eben noch nicht kennen. Bei Harriet Tubmann kannten wir ihre heroischen Taten als Fluchthelferin, aber nichts über sie selbst. Das gleiche gilt für Aretha Franklin. Wir kennen ihre Musik, aber wir wissen wenig über sie selbst. Wenn Sie so wollen, fühle ich mich wohl vom Mysterium angezogen. Dem Mysterium mehr lernen zu wollen über die Figuren, die ich spiele. Über die Frauen, die wir lieben und bewundern, aber eben nicht kennen.

Abseits der Musiklegende – was können wir von Aretha Franklin heute noch lernen?

Keine Angst davor haben einzufordern, was man verdienen sollte! Keine Angst haben, Platz und Raum einzufordern. Aretha war nicht nur Sängerin, sie war auch Aktivistin. Sie hat ihre Musik benutzt, um über die Zeit zu sprechen, die sie durchlebt hat. Egal wo wir als Frauen stehen, was unser Talent ist, wir sollten es nutzen, um der Welt zu zeigen, dass wir gehört werden wollen. Wir Frauen stellen uns selbst gerne unter den Scheffel. Aretha wusste, dass sie eine talentierte Musikerin war. Und sie hat es der Welt gezeigt. Das sollten wir uns als Vorbild nehmen.

Sie sind erst 34 und haben schon eine beachtliche Karriere hingelegt beim Film, in Serien, auf dem Broadway und als Musikerin. Welche Herausforderungen, bringt das mit sich?

Zeit. Die fehlt mir. Mein Tag bräuchte oft mehr als 24 Stunden, damit ich all das unterkriege, was ich eigentlich schaffen will. Ich bin Perfektionistin, bei mir muss immer alles hundertprozentig stimmen und sich gut anfühlen. Das braucht allerdings Zeit. Egal ob beim Schauspiel oder in der Musik. Da brauchen Dinge manchmal länger, als sie sollten. Ich versuche ja immer schon mich zu beeilen. Aber ich bin lieber sorgfältig und gut als schnell und durchschnittlich.

Quelle: FAZ.NET
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