Mineralbad Berg

Prickelt wie Champagner

Von Rüdiger Soldt
27.09.2020
, 15:10
Das Mineralbad Berg ist frisch renoviert. Für Stuttgarter ist das ein Quell der Freude. Die Liebe zu den Mineralquellen nimmt in der Stadt teils quasireligiöse Züge an.

Die Einweihung eines sanierten Mineralbades wäre in Stuttgart eigentlich ein Champagner-Ereignis – schon wegen des prickelnden Wassers der Mineralbäder. Aber Corona-Zeiten sind nicht prickelnd. Beim Rundgang durch das neue Bad Berg kam daher vor kurzem keine große Freude auf, als sich Oberbürgermeister Fritz Kuhn mit Mund-Nasen-Schutz am Beckenrand auf eine der Holzliegen legte.

Im Mineralbad Berg können die Stuttgarter vom 5. Oktober an wieder im prickelnden Wasser schwimmen, aber eben nur unter Einhaltung der Corona-Vorschriften. Das unbeschwerte Gefühl von früher fehlt. Die Saunen bleiben vorerst geschlossen, Schwimmer müssen sich für eines von drei Zeitfenstern anmelden.

Vor vier Jahren waren im Stuttgarter Osten in der Nähe des Unteren Schlossgartens die Bagger angerollt: Für 34 Millionen Euro sanierte die Stadt das Mineralbad. Im ursprünglichen Kostenplan standen 29 Millionen. Die Sanierung sollte schon 2018 beendet sein, aber an zwei der sechs Quellen entdeckten die Bauingenieure Schäden, die Südquelle musste sogar neu gebaut werden. Jetzt sprudelt das Wasser der Urquelle wieder aus dem Trinkbrunnen im Außenbecken, und auf der Wasseroberfläche des Bewegungsbeckens spiegelt sich der Regenbogen des Glasfensters. Gründer der außergewöhnlichen Anstalt war der Hofgärtner Friedrich Neuner, weshalb die Stuttgarter ihr seit 1856 bestehendes Kultbad bis heute gern „das Neuner“ nennen. Er nutzte den kostbaren „Natrium-Chlorid-Sulfat-Hydrogenkarbonat-Thermalsäuerling“ für sein Privatbad, das Außenbecken war lange das größte deutsche Mineralwasserbassin. Vor dem Bau des Bads nutzte eine Baumwollspinnerei die reichen Wasservorräte.

Drei außergewöhnliche Mineralbäder

Erst 2005 kaufte die Stadt das Berg, womit sie – mit dem Leuze und dem Cannstatter Bad – drei außergewöhnliche Mineralbäder betreibt. Das Leuze hat pro Jahr 700.000 Badegäste, das kleine Retro-Bad Berg nur 113.000. Im Sommer treffen sich auf den großzügigen Liegewiesen Halbhöhe, Halbwelt und Club-Szene. Schon im nervösen 19. Jahrhundert hatten die Menschen erkannt, dass ein Bad im Mineralwasser „den Abgang des Urins“ fördert, die Esslust steigert und den Badenden „ein seliges Lächeln“ ins Gesicht zaubert.

In Stuttgart nimmt die Liebe zu den Mineralquellen teils quasireligiöse Züge an. Vor dem Entstehen der Freizeitgesellschaft ließ sich die Bürgerschaft in „Leuzianer“ und „Bergianer“ einteilen. Obwohl sich das Wasser in chemischer Zusammensetzung und medizinischer Wirkung kaum unterscheidet, haben beide Schwimmbäder einen ganz unterschiedlichen Charakter. Ältere Millionärinnen vom Killesberg oder schwäbisch-spartanische Spitzenbeamte trifft man eher im Berg an, Familien eher im Leuze. Das Berg ist dagegen bei der Gay Community beliebt, die Stuttgarter spötteln über das „rosa Wiesle“. Während des Streits über Stuttgart 21 wurde über die Frage debattiert, ob die Bauarbeiten der Bahn die Mineralquellen zum Versiegen bringen könnten. In den zehn Jahren seit dem ersten Spatenstich sind bei der Schüttung des Mineralwassers aus zumeist 60 Meter Tiefe aber keine Veränderungen aufgetreten.

Heute fließen aus den sechs anerkannten Berg-Heilquellen etwa 60 Liter pro Sekunde in die Außen- und Innenbassins des Kultbads. Stuttgart ist nach Budapest die mineralwasserreichste Stadt Europas. Hier gibt es 19 Mineralwasserquellen, 13 sind als Heilquellen anerkannt. 44 Millionen Liter Mineralwasser strömen täglich aus den unterirdischen Quellen. Das ist so viel, dass die Schwaben damit nicht sparen müssen. Nirgendwo sonst in Deutschland reicht die Mineralwassermenge aus, um einzelne Bassins im Durchlaufbetrieb zu betreiben, selbst in einem Thermenkurort wie Bad Füssing nicht.

Zwei der vier Becken sind Durchflussbecken, ein warmes innen (32 Grad) und ein kaltes außen (21 Grad). Sie müssen jeden Abend geleert und gesäubert werden. „Bei uns kann man das Mineralwasser in den kalten Durchflussbecken ohne jeglichen Chlorzusatz genießen“, sagt Detlef Szlamma, Technischer Leiter der Bäderbetriebe. Zwei große Veränderungen entstanden durch die Sanierung: Das Innenbecken wird jetzt beheizt, früher war es auch im Winter kalt; und das Bewegungsbecken, das früher triviales Leitungswasser enthielt, ist jetzt mit Mineralwasser gefüllt, allerdings wird es per Umwälzpumpe aufbereitet.

Ein „CO2-Teppich“

Damit der Wärmeverlust beim Beheizen des Innenbeckens möglichst gering ist, wird die Restwärme per Wärmetauscher aus dem Mineralwasser zurückgewonnen, bevor es in den Neckar fließt. Um das Wasser, wenn das Bassin morgens gefüllt wird, mit möglichst wenig Energie auf eine Temperatur von 32 Grad zu bringen, gibt es unter dem Schwimmbad nun einen unterirdischen Pufferspeicher. Der Energiebedarf ist dennoch höher als in normalen Schwimmbädern, deren Wassertemperatur meistens nur bei 26 Grad liegt. Vor acht Jahren entwickelten die Bäderbetriebe ein eigenes Verfahren, um dem stark eisen- und manganhaltigem Mineralwasser Chlor zusetzen zu können. Ohne das Herausfiltern beider Stoffe würde das Wasser bei der Zugabe von Chlor sofort braun und trübe werden. Das wäre für die Bademeister ein Sicherheitsproblem, man könnte einen auf dem Beckenboden liegenden Badegast gar nicht sehen.

Die Mineralwasserbecken müssen aus hochwertigen Materialien gebaut sein, sie brauchen bessere Fliesen und dickere Wände, weil durch das tägliche Ab- und Einlassen ein starker Wasserdruck entsteht. Außerdem müssen sie jeden Tag mit säurehaltigen Reinigungsmitteln gesäubert werden. Auf dem stark kohlendioxidhaltigen Mineralwasser kann sich ein „CO2-Teppich“ bilden, theoretisch kann das bei den Schwimmgästen zu Ohnmachtsanfällen führen. Am Beckenrand wird das überschüssige Kohlendioxid aus diesem Grund nicht nur ständig gemessen, es muss bei den Innenbecken auch abgesaugt werden.

Neu im Berg ist auch, dass das Wasser aus den sechs Quellen nicht mehr unreguliert in die Becken fließt. Die Ingenieure haben ein Entkopplungswerk entworfen, dadurch fließt das Mineralwasser gleichmäßiger in die Bassins. Das Außenbecken ist jetzt gefliest und besser zu reinigen.

Mit der Modernisierung wollen die Bäderbetriebe gerade im Winter mehr Gäste ins Berg locken. Es soll nicht so populär werden wie das Leuze, aber 150 Besucher pro Tag im Winter waren doch etwas zu wenig. Der private Badbesitzer verdiente in den letzten Jahren, in denen er das Bad führte, nur noch im Sommer Geld, auch weil die Krankenkassen die „Stuttgarter Kur“ – ein Wannenbad in heißem Mineralwasser – nicht mehr bezahlten. An diese goldenen Zeiten erinnert jetzt eine künstlerisch vergoldete Wanne im Foyer.

Der leicht muffige Charakter der Umkleiden und der Schwimmhalle ist verschwunden. Feiner Sichtbeton dominiert, ergänzt durch schnörkellose Designelemente, die den Stil der Fünfziger aufnehmen. Man wollte den Retro-Charme erhalten – zum Glück ist das gelungen.

Kraulende Rüpel waren und sind im Berg bis heute unerwünscht. Wer sich nicht zum asketischen Baden mit Stil bekennt, ist hier falsch und bekommt das von den Bergianern schnell zu spüren. Auch im neuen Berg wird sich der Satz, der einst den Altbau zierte, wieder bewahrheiten: „Mehr als Silber und Gold hebt die herrliche Quelle aus der Tiefe empor den Schatz der Schätze: Genesung.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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