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David Kross über den Film „Trautmann“ 

„Torwart ist ein sehr einsamer Posten“

Von Bettina und Christian Aust
 - 13:58
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Herr Kross, was wussten Sie vor diesem Projekt über Bert Trautmann?

Ehrlich gesagt nichts. Der Regisseur Markus H. Rosenmüller und sein Produzent haben mit vor ungefähr fünf Jahren von dieser Geschichte erzählt. Ich dachte sofort: Das ist ein unglaubliche Lebensgeschichte und perfekter Stoff für einen Film. Und wollte unbedingt dabei sein. Die Dreharbeiten wurden dann immer wieder verschoben. Aber so hatte ich viel Zeit mich vorzubereiten. Ich habe alle Trautmann-Biografien verschlungen.

Das ist das eine. Aber da war ja auch noch die physische Herausforderung.

Das hatte ich jetzt schon wieder verdrängt. Ich war vorher nicht besonders fit und habe erst einmal mit einem Trainer gearbeitet. Später kam dann noch ein Torwarttrainer dazu. Es hat mir geholfen, dass ich im Alter von fünf bis 15 Jahren Fußball gespielt habe. Aber ich war immer Mittelfeldspieler, stand nie im Tor.

War Fußball mehr als ein Hobby?

Ich wollte, wie viele Jungen, irgendwann Fußball-Profi werden.

Wie gut haben Sie gespielt?

Ich hatte immer eine ganz gute Technik. Aber letztlich fehlte es an der Physis. Wahrscheinlich hätte ich sowieso nicht das Zeug dazu gehabt. Aber genau deswegen war es für mich grandios, den Fußball-Profi, der in England auch ein Star war, wenigstens einmal spielen zu können. Ich bin jede Woche zum Training gefahren, bis ich die Körpersprache eines Torwarts verinnerlicht hatte. Und irgendwann war ich richtig im Sportler-Modus. Das fühlte sich gut an.

Bei welchem Verein haben Sie gespielt?

Ich bin ja in Schleswig-Holstein aufgewachsen, in Todendorf, einem Dorf mit ungefähr 500 Einwohnern. Da habe ich mit fünf Jahren beim VfR Todendorf angefangen. Später sind wir nach Bargteheide, eine Vorstadt von Hamburg, gezogen. Und da war ich beim TSV Bargteheide.

Sind Sie da jetzt Ehrenmitglied?

Nein, ich habe da bestimmt keinen Eindruck hinterlassen. Denn irgendwann kam ja die Schauspielerei dazwischen.

Wie hat sich Ihre Perspektive auf den Torwart-Posten verändert?

Das ist ein sehr einsamer Posten. Wenn die vorne ein Tor schießen, bist du ganz alleine und wenn du selbst eins rein kriegst eigentlich auch. Du hast ein eigenes Training, unabhängig von der Mannschaft. Es sind schon sehr besondere Charaktere, die im Tor stehen. Du brauchst einen großen Willen und den absoluten Tunnelblick.

So wie als Schauspieler!

Ich brauche das, wenn ich eine Rolle spiele, weil ich so gut wie möglich sein will. Und in dieser Zeit kommen dann auch Dinge, die ich sowieso irgendwo in mir trage, zum Vorschein. In diesem Fall war das tatsächlich dieser unbedingte Wille. Da inspiriert mich die Rolle und ich übernehme dann auch Charaktereigenschaften dieses Menschen.

Sie wirken jetzt vor der Kamera wie befreit. Ist da ein Knoten geplatzt?

Ich hatte einfach großes Glück mit den letzten drei Rollen: „Simpel“, „Ballon“ und „Trautmann“. Diese Rollen waren völlig unterschiedlich und sehr reich an Facetten. Und Erfahrung macht in diesem Job eine Menge aus. Vielleicht war es gut, dass ich den Trautmann jetzt und nicht vor fünf Jahren gespielt habe. Aber ich glaube ja daran, dass Dinge so passieren, wie es sein soll.Ich sehe diese drei Rollen wie eine Trilogie, denn sie haben ganz verschiedene Aspekte in meinem Charakter angesprochen. Dafür bin ich dankbar.

Welche Charaktereigenschaften hat Bert Trautmann in Ihnen stimuliert?

Der war sehr entschlossen und ein großer Sportsmann. Es hat auch wieder diese Liebe zum Sport aus mir herausgekitzelt, aber auch das Geradlinige. Trautmann hatte ja eine Menge durchgemacht, auch in der Hitler-Jugend. Und trotz dieser ganzen Gehirnwäsche hatte er diesen unbedingten Sinn für Gerechtigkeit.

Und den haben Sie auch?

Ja, aber nicht so extrem wie er. Die Stärke und das Anpackende fand ich auch faszinierend. Sich hinzustellen und die Proteste von 20000 Fans im Stadion einfach auszuhalten, war eine besondere Qualität. In diesen Momenten war ihm das Team immer wichtiger als die eigenen verletzten Gefühle. Und dabei hat er nie mit der Moralkeule gearbeitet. Er wurde eher unbewusst ein Botschafter für den Frieden. Und das hat mich sehr beeindruckt.

Fühlen Sie sich jetzt vor der Kamera freier?

Ich fange mit jeder neuen Rolle immer wieder bei Null an. Gert Voss hat es einmal so beschrieben: Es ist, als ob man immer wieder das erste Mal zum Schwimmunterricht ginge. Ich stehe da gewissermaßen immer wieder nackt vor den Leuten. Das ist mit viel Unsicherheit verbunden. Das muss wahrscheinlich auch so sein. Beim ersten Drehtag habe ich jedes Mal das Gefühl: Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich da mache. Ich habe keine Ahnung, wie dieser Job funktioniert.

Auch nach all den Jahren?

Ja. Ich arbeite ja auch immer wieder mit ganz anderen Teams, die etwas anderes erzählen wollen. Ich hole auch immer wieder andere Dinge aus mir hoch.

Ihre Karriere begann mit einem Knall. Wie blicken Sie heute darauf zurück?

Auf so etwas kann man gar nicht vorbereitet sein. Das war wirklich extrem, denn es ging so schnell. Erst kam „Knallhart“, dann „Krabat“, anschließend „Der Vorleser“. Ich musste dann erst einmal herausfinden, wie ich diesen Job machen und wie ich damit leben will. Ich wollte auch mein eigenes Handwerkzeug finden.

Wie haben Sie das gefunden?

Ich habe sehr viel von den Regisseuren gelernt. Bei Detlev Buck habe ich das Improvisieren gelernt, also im Moment und flexibel zu sein. Bei „Krabat“ musste ich durch das Fantasy-Thema mit viel Technik und zum Beispiel vor einer „Green Screen“ drehen. Das bedeutet, sehr präzise zu sein. „Der Vorleser“ musste ich dann auf Englisch spielen. Stephen Daldry hat mir vermittelt, wie man eine Rolle wirklich vorbereitet und die historischen Aspekte einarbeitet.

Fehlte Ihnen mit so viel Aufmerksamkeit nicht der Raum, um sich ausprobieren zu können?

Natürlich fehlte der manchmal. Und es war teils auch schwierig, wieder zu mir zurückzukommen. Mit „Der Vorleser“ wurde die Aufmerksamkeit besonders groß. Es hatte etwas Surreales. Ich kannte Kate Winslet nur aus „Titanic“. Und auf einmal hieß es: David, wir haben jetzt Proben mit Kate in New York. Ich habe mir gesagt: David, zieh das jetzt durch. Letztlich hatte ich dadurch viele Möglichkeiten. Ich kann mich nicht beschweren.

Wie erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Kate Winslet?

Das war bei den ersten Proben in New York. Sie hat mich mit weit aufgerissenen Armen unglaublich herzlich begrüßt. Und mir war sofort klar, dass sie keine komplizierte Hollywood-Diva ist.

Hatten Sie Angst vor der Liebesszene?

Zu Anfang schon, aber ich habe dann versucht, mich auf die Komplexität der Rolle zu konzentrieren. Wir haben die Liebesszenen auch erst ganz zum Schluss gedreht, weil die amerikanische Produktionsfirma auf meinen 18. Geburtstag warten wollte, damit sie nicht von irgendeinem Anwalt auf eine Milliardensumme verklagt werden, weil ein Minderjähriger so tun musste, als ob er Sex hätte. Ich war zu dem Zeitpunkt also schon vertraut mit dem Team, da wir über ein Jahr schon alle anderen Szenen abgedreht hatten.

Sie haben ähnlich wie Trautmann eine Zeitlang in England gelebt. Wie hat Sie dieser Ortswechsel verändert?

Das mit dem Reisen und den Ortswechseln ging ja für mich schon viel früher los. Für „Same same but different“ sind wir nach Kambodscha gereist. Ich bin durch meine Arbeit viel herumgekommen. Und davon profitiere ich jetzt bei einer internationalen Produktion wie „Trautmann“, die in England gedreht wurde. Es war ein bisschen wie im Film. Wir mussten uns einander am Anfang erst einmal annähern, um zusammen klarzukommen.

Wo ist heute Ihre Heimat?

Das ist schwierig zu benennen. In erster Linie ist das für mich da, wo die Familie ist. Das ist nicht an einen Ort gebunden. Es müssen auch nicht leibliche Verwandte, sondern können auch Freunde sein. Orte haben für mich immer etwas Temporäres. Wenn ich mich irgendwo wohl fühle, hat das nie etwas Endgültiges. Da ist immer dieses Gefühl, nicht zu wissen, wo ich einmal ankomme. Aber ich hoffe, ich werde es irgendwann finden.

Was hat Ihnen zu Beginn ihrer Karriere Halt gegeben?

Das war auch meine Familie. Ich habe viel telefoniert, wenn ich weit weg war, um Anschluss zu haben. Ich habe eine große Familie, zwei Brüder und eine kleine Schwester. Und unter uns Geschwistern existiert eine Gemeinschaft, die wichtig für uns ist. Wir telefonieren zwar nicht mehr so oft wie früher, aber wir haben eine Whatsapp-Familiengruppe, durch die wir verbunden sind.

Wonach suchen Sie nun in Ihrer Arbeit?

Das ist schwierig nach dieser Trilogie. Es muss irgendwas in mir zum Schwingen bringen. Das kann auch etwas sein, das ich mir nicht zutraue, wo ich so richtig über meinen Schatten springen muss. Wichtig ist, dass ich aus dem Bauch heraus sage: Darauf habe ich Bock!

Quelle: F.A.Z.
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