Der Moment ...

... in dem ich häuslich wurde

Von Anna-Lena Ripperger
06.05.2020
, 07:28
In der Corona-Krise landet unsere Autorin plötzlich da, wo sie nie hin wollte: am Herd. Wie die Ausnahmesituation sie verändert hat, erzählt sie in der Kolumne „Der Moment“.

Ich habe gestern drei neue Rezepte ausprobiert. An einem Vormittag. Karottenhummus, Kichererbsen-Curry und gebackenen Lauch. Im Ofen garten gleichzeitig Apfel-Quark-Bällchen. Alles gelang, Multitasking war nicht das Problem. Sondern die Erkenntnis, dass Corona mich häuslich gemacht hat. Auf einem beschämend niedrigen Niveau.

Ich entwerfe DIN-A4-große Menüpläne, als sei ich Küchenchefin eines Sterne-Restaurants. Dabei könnten mein Freund und ich uns mehrere Wochen ausschließlich von Nudeln mit Tomatensoße ernähren. (Einer von uns hat das auch schon gemacht.) Ich sorge dafür, dass zum Kaffee jetzt immer auch „was Süßes“ im Haus ist. Ich tippe „Dicke weiße Bohnen kochen” oder „Backen mit Stevia“ in Suchmaschinen-Zeilen und klicke auf Treffer bei „Chefkoch.de“. Vor der Krise hätte ich diese wirre Dilettanten-Rezepte-Webseite mit dem ästhetischen Anspruch eines Ein-Euro-Ladens nicht einmal dann freiwillig besucht, wenn sie als einzige das Rezept für sizilianisches Mandelgranita bereitgehalten hätte.

Jetzt lese ich mich stundenlang durch Phad-Thai-Rezepte. Denke schon montags darüber nach, was ich freitags kochen könnte und schreibe Einkaufszettel mit einer Hingabe, die ich sonst nur für Briefe an meine Patentante übrig hatte. Und – Grund für die Stevia-Suchanfrage – versuche, Lebensmittel aufzubrauchen, die schon seit Jahren in unserer Küche vor sich hin dümpeln. Als hätten die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten mit den Kontaktbeschränkungen gleichzeitig einen nationalen Resteverwertungswettbewerb ausgerufen. „Hamstern Sie nicht. Es ist genug für alle da. Vor allem in den Untiefen Ihrer Vorratsschränke.“

Kontrolle über meine Töpfe – und mein Leben

Jahrelang hatte ich nur Verachtung übrig für Freundinnen, die Fotos von ihren Sauerbraten und Stachelbeertorten posteten oder sich gegenseitig mit Hefeteigtipps versorgten. Nicht, weil ich nicht gerne kochen oder backen würde. Sondern weil ich es als unanständig empfand, diese natürlichen, lebens- und Gute-Laune-erhaltenden Tätigkeiten zu zelebrieren.

Die Momente, in denen ich in meinem Leben vor Corona Fotos von den Gerichten auf meinem Teller gemacht habe, lassen sich an einer Hand abzählen. Jetzt verschicke ich ungeniert Fotos von meinen selbstgeschabten Spätzle und meinem Pilz-Risotto.

Ich weiß, das muss man jetzt nicht übermäßig problematisieren. Jeder entwickelt im Umgang mit der Krise eigene Anpassungsstrategien. Kneten, Dünsten, Rühren und Braten sind wahrscheinlich genauso beruhigend wie der Kauf von Klopapier. Ich habe die Kontrolle: über meine Töpfe, meinen Mixer, mein Leben.

Ein Rückfall in die Fünfziger?

Gleichzeitig bin ich nachhaltig irritiert von meinem neuen Ich. Schon mit vierzehn war mir klar, dass eine Zukunft an einem Herd in einem Reihenendhaus unbedingt zu vermeiden ist. Und jetzt verliere ich mich in den Banalitäten der Essenszubereitung statt endlich Arendts Abhandlung über die „Banalität des Bösen“ zu lesen?

Wie lange wird das anhalten? Wie lange werde ich morgens die Kochschürze noch anziehen, bevor ich den Schlafanzug ausgezogen habe? Werden mein Partner und ich in der Krise, wie viele Paare, in die fünfziger Jahre zurückfallen?

Als ich meinem Freund, dem stillen Profiteur meiner Kochwut, beim Abendessen – es gab Kürbis-Fenchel-Lasagne und Rucola-Salat mit Parmesanspänen – einen Vortrag über die Gefahren der Viruskrise für unsere Beziehung und den Feminismus im Allgemeinen hielt (Frauen übernehmen noch mehr unbezahlte Care-Arbeit; ich backe, statt die Klassiker der Weltliteratur zu lesen; Frauen stecken, weil sie oft weniger verdienen, im Job zurück etc.), antwortete er nur: „Mir wäre es sowieso lieber, du würdest einfach mal wieder Spaghetti mit Tomatensoße kochen. Und öfter ne Maschine Wäsche einschalten.“

Obwohl seine Antwort auf der Macho-Skala mindestens ein „ziemlich sexistisch“ verdient hätte, beruhigte sie mich ungemein. Denn mir wurde klar: Meine neue Häuslichkeit ist offenbar ein ziemlich begrenztes Phänomen. Putzen, Wäschewaschen und Bügeln interessieren mich trotz Corona immer noch nicht.

Die Kolumnen

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ripperger, Anna-Lena
Anna-Lena Ripperger
Redakteurin in der Politik.
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