Der Moment ...

... in dem das Idol fällt

Von Alexander Davydov
21.10.2020
, 14:16
Unser Autor lässt sich im Alltag von seinen Idolen inspirieren. Doch was passiert, wenn das Vorbild moralisch abstürzt? Über Momente der Enttäuschung.

Ich stehe im Ring einer Sporthalle. Immer wieder übe ich einen Bewegungsablauf, den ich zuvor bei Anderson Silva gesehen habe. Der Brasilianer ist ein begnadeter Kampfsportler, ein Perfektionist mit einem beeindruckenden Arbeitsethos, der sich aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet hat. Ich bewundere seine fließende Technik, seine Geduld und vor allem seinen einmaligen Instinkt, die Schwächen seiner Gegner im richtigen Moment zu entblößen. Ich kann es mir eingestehen: Ich bin ein Fan, wenn auch kein glühender Verehrer. Sein Vorbild treibt mich aber zu Höchstleistungen im Training an, ich lerne aus den Siegen und der Philosophie des Sportlers.

Doch dann wird Silva leichtsinnig, prahlerisch, verliert seinen Weltmeistertitel durch Knockout, weil er seinen Gegner unterschätzt. Im Rückkampf gegen den deutlich jüngeren Kontrahenten bricht er sich nach einem Tritt sein Waden- und Schienbein. Die Karriere scheint ihren Zenit überschritten zu haben. Doch der Brasilianer, mittlerweile 37, kann nicht loslassen – und greift zu verbotenen Substanzen. Der Dopingmissbrauch fliegt auf, es folgen ein aufsehenerregendes Verfahren und eine mehrmonatige Sperre.

Die Strafe von 330.000 Dollar kann Silva als mehrfacher Millionär sicher verkraften – ich würde gerne glauben, dass der Verlust der Integrität den einst so stolzen Kämpfer mehr getroffen hat. Gerade beim Kampfsport empfinde ich Doping als besonders verwerflich: Denn der Einsatz von Gewalt braucht Regeln. Diese schützen die Athleten, garantieren einen respektvollen Umgang miteinander. All diesen Werten hat Silva den Rücken gekehrt. Der Fan in mir bleibt mit einem bitteren Gefühl der Enttäuschung zurück. Die naive Vorstellung, dass man Spitzenleistung in dem Sport erreichen kann, wenn man nur hart genug trainiert, ist durch Silva angekratzt. Kann man so jemanden noch nacheifern?

Von ihnen hatte ich mir mehr erhofft

Ein anderes Mal bereite ich mich auf ein Auswahlverfahren bei der Bundeswehr vor. Es ist ein mühseliger Lauf, während dem ich auf meinem MP3-Player ein Lied in Dauerschleife höre: „Hello Again“ der Lostprophets. Im Refrain krachen Gitarren, Schlagzeug und der Sänger auf mich ein. Das Musikstück lässt mich erst den einen Hügel überwinden, obwohl ich sicher bin, dass ich nicht mehr kann, dann den nächsten und den nächsten – bis zur Kaserne. „Es ist nicht das Ende“, ruft mir Ian Watkins, Sänger der Rockgruppe, immer wieder hinterher. Seine charismatische Stimme wird für die nächsten Jahre immer wieder mein Begleiter durch Phasen der Schwäche und der Zweifel.

Dann wird Watkins 2013 wegen zahlreicher Sexualdelikte, darunter mehrfachen Kindesmissbrauchs, zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt. In mir tobt Widerwille. Gerne würde ich das Lied noch einmal wieder abspielen, die Erinnerungen wieder wachrufen. Stattdessen fristet es irgendwo in den Tiefen meiner Festplatte ein schamhaftes Schattendasein.

Emil Nolde, Roman Polanski, Joanne K. Rowling: Es gibt unzählige Prominente, die in der Vergangenheit für Kontroversen gesorgt haben, sich Verfehlungen geleistet haben oder gar straffällig wurden. So unterschiedlich die Fälle sind, so unterschiedlich ist der Umgang der Fans mit ihnen. Manche trennen Werk und Künstler komplett, andere stellen nur ihre Unterstützung ein, erfreuen sich aber weiter an bisher erschienen Büchern, Filmen und Musikstücken. Für mich persönlich bleiben solche Verfehlungen dunkle Flecken, die die Werke und Leistungen trüben. Es geht um Menschen, von denen ich mir dank ihres Wirkens mehr darüber hinaus erhofft hatte. Doch großartige Leistungen müssen nicht immer von guten Menschen kommen.

Was also bleibt übrig? Den inneren Kompass über Bord werfen? Nur noch aus sich selbst die Inspiration suchen? Ich finde darauf keine befriedigende Antwort. Jeder, der in einer ähnlichen Situation war, wird es für sich selbst entscheiden müssen. Fest steht, dass sich an den Umständen, warum ich zum Fan werde, wenig ändern wird. Aber wie lange ich es bleibe, hängt auch von der Privatperson hinter meinem Idol ab.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Davydov, Alexander
Alexander Davydov
Sportredakteur.
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