<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Der Moment ...

... in dem die Fremde zum Zuhause wird

Von Valerie Scholz
Aktualisiert am 25.03.2020
 - 07:20
An einem Ort wohnen ist das eine, sich zuhause fühlen, das andere.
Mit acht Jahren zieht unsere Autorin mit ihrer Familie nach Thailand – und vermisst zunächst nichts mehr als ihre Freunde und deutsches Brot. In der Kolumne erzählt sie, wie ihr neuer Wohnort schließlich auch zu ihrem Zuhause wurde.

An manche Dinge erinnert man sich später noch sehr genau. Es war Ostersonntag, wir saßen am Frühstückstisch. Neben meinem Teller stapelten sich bunte Schokoeier, als ich erfuhr, dass wir nach Thailand umziehen. Thailand – das sagte mir gar nichts. Ich war acht und interessierte mich hauptsächlich für Pferde; und Thailand 2001 war noch lange nicht das Backpacker-Nirwana und Massentourismus-Ziel, das es heutzutage ist.

Meine Eltern machten gute Miene und verkauften mir die Neuigkeit als großes Abenteuer – kein Grund zur Sorge also. Doch als ich mich zum letzten Mal in den Sattel meines Lieblingsponys Samurai schwang, meine Kuscheltiere in die Umzugsboxen wanderten und das Haus sich langsam leerte, kamen die Tränen und das Gefühl, dass sich alles Vertraute nun verändern würde.

Mein Vater versuchte, die Sorgen zu zerstreuen. Als Mitarbeiter einer international tätigen pharmazeutischen Firma hatte er bereits sein halbes Leben im Ausland verbracht. Meine beiden Halbschwestern wuchsen in Indonesien und Ecuador auf. Vom ersten Tag in Thailand an sagte er: „Ihr werdet schon sehen, am Ende wollt ihr nicht mehr weg!“

Endlich zurück – nach Thailand

Meine Mutter und ich waren da anderer Meinung. Wir fühlten uns fehl am Platz, vermissten deutsches Brot, sehnten uns nach frostigem Boden und dicken Pullis, fieberten jedes Jahr unserem Heimaturlaub nach Deutschland entgegen.

Wir saßen gerade im Flugzeug von Hamburg nach Bangkok, auf dem Rückweg des ersehnten Deutschlandurlaubs, als Thailand plötzlich nicht mehr nur mein Wohnort war. Ich war zum ersten Mal nicht traurig. Im Gegenteil, ich war sogar ein bisschen froh, endlich zurückzufliegen. Deutschland wirkte plötzlich etwas zu aufgeräumt, die Menschen etwas zu steif und das Wetter, trotz Sommer, viel zu kalt. Ich freute mich wieder auf Zuhause. Und Zuhause war: mein Zimmer mit dem Mückennetz über dem Bett und dem Balkon, für den es zwar draußen viel zu heiß war, aber von dem man direkt auf die Kokospalmen und den Pool blicken konnte. Zuhause: Nonthaburi, Vorstadt von Bangkok, Thailand.

Ich hatte mittlerweile Englisch gelernt, ging zum Dressurreiten, und besuchte die Internationale Schule Bangkok, wo ich Freunde fand, die eine ähnliche Geschichte hatten wie ich. „Third culture kids“, wie man uns nannte, Kinder, die in Kulturen aufwachsen, die ihrer eigenen fremd sind – zumindest am Anfang.

Dunkles Brot bezogen wir von einer kleinen schweizerischen Bäckerei, die Apfeltarte vom Mandarin Oriental Cafe war unschlagbar und die beste Pizza der Welt gab es im Limoncello Restaurant. Bangkok war plötzlich nicht mehr dreckig und laut, sondern aufregend und lebendig.

Weniger Ort als Gefühl

Als wir nach sechs Jahren zurückzogen, war ich nicht froh, sondern traurig. Ich nahm mir fest vor, Hamburg zu hassen, Deutschland zu hassen. Das wurde mir anfangs leicht gemacht, die Schulen wollten mich nicht, da man ja „nicht wisse, wo diese guten Noten herkommen“ und ich die wichtigsten Jahre der deutschen Grammatik verpasst hatte. Der Reitsport war teuer und oft ungerecht, und mit meinen Freunden aus Grundschulzeiten hatte ich mich größtenteils auseinandergelebt. Ich war schon wieder fehl am Platz. Aber dieses Mal wusste ich innerlich: Es würde sich ändern.

Das ist mittlerweile zwölf Jahre her. Heute fühle ich mich wieder zuhause in Hamburg. Trotzdem zieht es mich oft weg, ob zum Studium nach Holland, zum Praktikum nach Frankfurt oder mit dem Rucksack um die Welt. Denn ich weiß, dass Zuhause weniger ein Ort als Gefühl ist, das man nahezu überall finden kann. Und wer weiß, vielleicht will man dann am Ende gar nicht mehr weg.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.