Der Moment...

... in dem ich zum ersten Mal einen Anzug nach Maß trug

Von Christoph Schäfer
19.08.2020
, 06:34
Für seinen alten Anzug war unser Autor zu dick geworden, ein neuer musste her. In dieser Kolumne erzählt er, warum er am Ende bei einem Anzug nach Maß landete – und ob der tatsächlich für den richtigen Wow-Effekt sorgte.

Mit den Jahren wird man nicht nur an Erfahrung reicher, sondern auch an Gewicht. In der vergangenen Dekade habe ich leider etwas mehr als fünf Kilo zugenommen. In die Oberarme und einen ansehnlichen Bizeps sind die zusätzlichen Pfunde leider nicht gegangen, dafür ließ sich meine Anzughose irgendwann kaum noch schließen. Auch vom Komfort hatte sie sich zu einer Hose entwickelt, in der ich bequem nur noch stehen konnte. Nachdem mir dann auch noch meine Frau beschied, dass der ganze Anzug modisch aus der Zeit gefallen sei, stand fest: Ein neuer sollte her.

Lange habe ich dafür nicht gebraucht. Auf der Frankfurter Zeil ging ich bei einer großen Modekette zielstrebig in die Anzug-Abteilung und kam eine knappe Stunde später mit einem blauen Anzug und 750 Euro weniger im Portemonnaie wieder heraus. Die Verkäuferin und ich waren mit dem Inhalt in der großen Einkaufstüte sehr zufrieden. Mein Kollege Alfons Kaiser, Leiter des F.A.Z.-Magazins und des Stil-Ressorts, hingegen weniger: „Ganz nett“, sagte er, als ich ihn ein paar Tage später nach seiner Meinung fragte. Zwei Sekunden später ergänzte er: „Der ist aber von der Stange.“

Nun halte ich mich eigentlich nicht für eitel. Aber wie „ganz nett“ und „von der Stange“ möchte ich auch nicht rumlaufen. Vor allem dann nicht, wenn ich mich für einen besonderen Anlass herausputzen muss.

Ein schlecht sitzender Anzug für 1500 Euro

Also ein zweiter Versuch. Mein 40. Geburtstag stand vor der Tür und ich redete mir ein, dass ich außer dem neuen blauen auch einen schwarzen Anzug brauchte. Was zum Beispiel, wenn mein erster Anzug dreckig wird und ich schnell einen anderen benötige? Außerdem hätte ich auf einer Beerdigung nichts Passendes anzuziehen. Und überhaupt: Ein Mann, der 40 wird, braucht doch einen schwarzen Anzug, oder?

Diesmal ging ich auf Nummer sicher. Erstens nahm ich meine Frau mit, zweitens beschloss ich, einen Marken-Anzug zu kaufen. Mit Frau und großzügigem Budget betrat ich den BOSS-Store am Frankfurter Goetheplatz. Leider kam ich ungünstig, alle Verkäufer hatten bereits andere Kunden. Nach längerem Warten wurde ich schließlich „mitbedient“; mein Verkäufer kümmerte sich hauptsächlich um seinen alten Kunden, reichte mir aber immer mal wieder Anzüge, die mal 1200 und mal 1700 Euro kosteten. Keiner davon saß auch nur ansatzweise, dafür reichte selbst mein Laien-Blick.

Das Problem, erklärte mir der Verkäufer, waren allerdings nicht die BOSS-Anzüge, sondern meine Figur. Der Verkäufer sagte das mit anderen Worten, aber letztlich lief seine Erklärung darauf hinaus, dass ich zu wenig Bizeps hätte. Das Gesamtangebot bestand also aus einem schlecht sitzenden Anzug für 1500 Euro, einem Verkäufer in Eile und einiger Bemerkungen über fehlende Muskeln. Nein, danke!

Eine Woche später der dritte Versuch, mit neuer Überlegung: Wenn sich meine Muskeln nicht dem Anzug anpassen wollen, geht es vielleicht auch umgekehrt. Ein Maßanzug soll es richten! Nach einer Internetrecherche machte ich in einem Herrenmodengeschäft in Wiesbaden einen Termin aus. Eine geschulte Verkäuferin suchte mit mir einen Stoff aus, die Zahl der Knöpfe, das Innenfutter, die Farbe der Nähte. Insgesamt waren bestimmt 30 Entscheidungen zu treffen, bei mindestens der Hälfte musste ich wegen Ahnungslosigkeit oder fehlendem Modebewusstsein passen. Zum Glück lotste mich die Verkäuferin mit freundlichen Empfehlungen sicher durch den Bestellprozess. Am Ende wurde ich vermessen; Beinlänge, Armlänge, Schulterbreite, Hüftumfang. Kein Ton von fehlenden Muskeln, auf einmal war alles gar kein Problem.

Mit Kennerblick

Auch der Preis war weitaus günstiger als gedacht: 800 Euro komplett, kaum mehr als der blaue Anzug von der Stange. Das lag vor allem daran, dass meine Maße zwar hier in Deutschland genommen, der Anzug selbst aber im fernen Osten geschneidert wurde. Streng genommen, lernte ich nun dazu, erwarb ich auch keinen echten „Maßanzug“, sondern lediglich eine „Maßkonfektion“. Die Maßkonfektion füllt die Lücke zwischen Maßschneiderei und Stangenware. Der Unterschied zwischen Maßkonfektion und Maßschneiderei besteht darin, dass der Kunde vom Maßkonfektionär über ein Standard-Größensystem vermessen wird und die meisten Zwischenschritte samt Fertigung eines Probeanzugs wegfallen. Der Unterschied, so versicherte mir die Verkäuferin, sei kaum sichtbar, der Preis aber drei- oder viermal niedriger.

Vier Wochen später war der neue Anzug da, die Hose wurde nochmal einen Zentimeter geweitet und die Ärmel ein wenig gekürzt. Eine Woche später dann die finale Übergabe. Ein letztes Mal zog ich den fertigen Anzug an, begutachtete mich im Spiegel. Um ehrlich zu sein: Der große „Wow!“-Effekt blieb aus. Der Anzug sitzt sehr gut, macht aus mir aber auch keinen zweiten Apollo. Im Fußball würde man von einem soliden 2:0 sprechen.

Um die Wirkung auf die breite Masse zu testen, trug ich den Anzug am nächsten Tag im Büro. Tatsächlich gratulierten ein paar Kollegen unaufgefordert zu einem „schönen Anzug“, den meisten war mein Erscheinungsbild hingegen völlig egal. Nicht aber unserem Ressortleiter Stil. „Nahezu perfekt!“, lobte er binnen zwei Sekunden mit Kennerblick. Aber ein echter Maßanzug sei das immer noch nicht, gell?

Kolumnen auf FAZ.NET

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

Quelle: FAZ.NET
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Christoph Schäfer
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.
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