Der Moment ...

... in dem man sich ausgesperrt hat

Von Sönke Sievers
09.09.2020
, 06:35
Die Tür ist zu, der Schlüssel drinnen, unser Autor draußen. Es folgen Wut und Verzweiflung, mitleidige Blicke der Nachbarn – und der Moment, in dem er sich seinem Schicksal ergibt.

Ich schiebe das Garagentor an und es fällt wie in Zeitlupe ins Schloss. Langsam, aber nicht langsam genug, als dass ich das Drama noch stoppen könnte, das sich da gerade anbahnt. Ich bringe noch ein „Nein!“ hervor, das selbst in meinen Ohren halbherzig klingt. Das Tor ist zu. Verschlossen, den Riegel habe ich vorher noch umgelegt. Mein Hausschlüssel? Der liegt auf dem Beifahrersitz meines Autos, das ich eben in der Garage abgestellt habe. Der Garagenschlüssel auch.

Zum Glück ist meine Partnerin zuhause, die mir aufmachen kann, denke ich. Kann sie nicht. Denn sie ist spontan mit ihren Freundinnen ans Meer gefahren. Ich bin auf mich gestellt.

Ich glaube, wenn man sich aussperrt, folgt alles einer Art Zeremoniell: Zunächst gilt es, flehend „Bitte, bitte“ zu sagen und dabei viermal, die Lippen angestrengt zusammengepresst, am Tor zu rütteln. Vielleicht ist es ja gar nicht richtig geschlossen? Doch, ist es. Dann stemmt man die Arme in die Hüfte, stöhnt dramatisch auf und sieht sich hilfesuchend um. Niemand da.

Ist die Phase der Lamenti durchlebt, beginnt die Suche nach Lösungen: Vielleicht steht ein Fenster offen oder die Balkontür? Welche Fensterscheibe ist am ehesten verzichtbar und kann eingeschlagen werden? Schließlich kommt dann der Moment, der unvermeidlich aber zugleich befreiend ist, ja sogar erlösend: Der Moment, in dem man sich als Ausgesperrter ganz bewusst seinem Schicksal ergibt und die Niederlage eingesteht. Dann gibt es keine falsche Hoffnung mehr und kein Vielleicht.

„Das ist verriegelt?“

Ich nehme meine Einkäufe und schleiche zur Haustür. Ein Nachbar öffnet mir. Nur pro forma rüttele ich dann doch an der Wohnungstür, als wüsste ich nicht ganz genau, dass ich immer zweimal abschließe, seit mir die Nachbarin von gegenüber erzählt hat, dass in unsere Wohnung schon zweimal eingebrochen worden sei, bevor wir dort eingezogen sind. Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Selbstbetrug.

„Ok, Google: Was kostet ein Schlüsseldienst?“ Unter der Woche am helllichten Tag bestimmt nicht die Welt, denke ich. Der zweite Treffer der Suchmaschine wirkt seriös, ich rufe an. 69 Euro soll die rettende Tat kosten, das klingt fair. Rückfragen gibt es keine, nur eine halbe Stunde Wartezeit möge ich einplanen. Bald darauf fährt ein schwarzer Oberklasse-SUV vor, die Reifen breit, die Scheiben getönt. Aus dem Innenraum dringt laute Musik. Dem großen Auto entsteigt ein kleiner, muskelbepackter Mann, den Körper verziert mit vielen Tattoos, an den Füßen trägt er Adiletten. Es ist der Schlüsseldienst.

Bei der Begehung des Tatorts erfolgt die erste Überraschung für den Profi: „Ein Garagentor?“. Gefolgt von der zweiten: „Das ist verriegelt?“. Mir leuchtet ein, das wären für den Disponenten am Telefon sicherlich zwei interessante Informationen gewesen. Der Profi kratzt sich entgeistert am Kopf. Er hatte bloß eine zugefallene Wohnungstür erwartet. Mir dämmert, dass mein Schicksal für heute noch nicht mit mir fertig ist. Der Profi hält Rücksprache mit der Zentrale. Der Preis von 69 Euro ist nicht zu halten, aber das ist nicht die schlechteste Nachricht: „Tut mir leid, Bruder“, sagt der Profi in plumper Vertrautheit, aber mit dem gebotenen Einfühlungsvermögen. Er müsse nochmal in die Firma und eine Bohrmaschine holen, um das Tor zu öffnen. Nur kurz nach Wiesbaden, eine halbe Stunde hin, eine halbe Stunde zurück. Der Profi braust davon und ich wähle das Treppenhaus als naheliegenden Zufluchtsort.

Nur noch fünf Prozent Akku

Ich beschließe, dem Schicksal den Wind aus den Segeln zu nehmen und das hier jetzt einfach über mich ergehen zu lassen. Das gilt auch für die Gespräche mit der besorgten Nachbarschaft, die nun anstehen. Ob ich mich ausgesperrt habe. „Nein. Ich sitze aus Spaß im Treppenhaus und der Wocheneinkauf vor der Wohnungstür dient der liebevollen Dekoration“, erwidere ich in Gedanken, antworte aber höflich. Den Schlüsseldienst gerufen? Da sollen ja viele Scharlatane darunter sein, das sehe man immer im Fernsehen. Ich flüchte nach draußen und setze mich vor die Haustür.

Zwei halbe Stunden vergehen. Kein Lebenszeichen von dem Profi. Mein Handyakku ist schon auf bedenklich niedrige fünf Prozent gefallen, da ruft er an. Wie dringend es denn bei mir wäre? Allein die Frage lässt mich so fassungslos zurück, dass nicht nichts erwidern kann. Eine Mutter habe sich ausgeschlossen, beeilt er sich zu erklären, das Kleinkind in der Wohnung, die Herdplatte an. Da würde er erst noch schnell vorbeifahren, er wäre dann in einer Stunde bei mir, „aber nur wenn’s ok ist“. Die Geschichte klingt erstunken und erlogen, aber den Teufel werde ich tun, jetzt auf eine bevorzugte Behandlung zu bestehen. Wer weiß, was mein Schicksal dann als nächstes für mich bereithält. Mein „In Ordnung“ klingt resignativ, über den Zusatz „bitte beeilen Sie sich“ muss ich selbst müde lächeln.

Mein Handy ist mittlerweile aus. Ich sieche eine ganze Weile in drückender Hitze dahin und zeichne mit einem Ast das Haus vom Nikolaus ins Blumenbeet. Da wird mir klar, dass ich nichts mehr zu verlieren habe. Ich entschließe mich, das Schicksal nun doch herauszufordern. Einmal im Monat flattert ein abonniertes Fußballmagazin ins Haus. Was, wenn dieser Tag ausgerechnet heute wäre? Der Blick durch den Schlitz des Briefkastens fühlt sich verwegen an. Tatsächlich entdecke ich das Objekt der Begierde. Ich bin fest entschlossen, dem Schicksal dieses Schnippchen zu schlagen. Gelingt es mir, mein Fußballheft zu erreichen, kann der Profi noch stundenlang in aller Ruhe zwischen Mainz und Wiesbaden spazieren fahren. Es würde mich nicht stören. Dass jeder meiner Finger fast so breit ist wie ein handelsübliches Feuerzeug, macht den Coup nicht leichter. Unter Schmerzen manövriere ich das Fußballheft durch den schmalen Schlitz ins Freie. Die Finger wirken seltsam deformiert, egal: Der Punkt geht an mich.

Laubbläser, wer sonst?

Während ich dabei bin, die ersten Seiten des Hefts zu verschlingen, holt das Schicksal aus zu einem letzten Gegenschlag: Die Gärtner rücken an. Es ist eine absurde Szene, wie ich mit einem zufriedenen Lächeln vor der Haustür sitze und in mein Heft vertieft bin, während anderthalb Meter vor mir der Laubbläser brüllt und direkt neben mir der Rasenmäher dröhnt.

Und dann erscheint der Profi. Im Auto sitzt neben ihm jetzt eine Frau, die offenbar seine Freundin ist. Die Frage, wo er die wohl aufgegabelt hat, stelle ich nicht mal in Gedanken, das „Sorry fürs Warten“ überhöre ich lieber: Der Worte sind genug gewechselt, der Profi schreitet zur Tat. Gierig frisst sich die mächtige Bohrmaschine durch das Stahlblech des Garagentors. Außenstehende würden die sich aufbauende Geräuschkulisse übereilt als ohrenbetäubenden Lärm fehlinterpretieren. Ich hingegen höre den süßen Klang der Erlösung. Das Tor leistet einige Bohrerumdrehungen Widerstand. Ein Schlag mit dem Hammer, dann plumpst der Schließzylinder zu Boden. Das Tor ist offen, der Weg zum Auto frei und schnell greifen sich meine Feuerzeug-Finger den vermissten Hausschlüssel.

Die Erlösung kostet 140 Euro in bar, eine Rechnung gibt es nicht. Drei Stunden nach dem Anruf beim Schlüsseldienst betrete ich wieder meine Wohnung. Erschöpft, aber glücklich vereinige ich Garagen- und Autoschlüssel an einem gemeinsamen Bund, um mich für den Rest des Tages als moralischer Sieger zu fühlen.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Sievers, Sönke
Sönke Sievers
Redakteur der digitalen Ausgabe der F.A.Z.
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