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Der Moment ...

... in dem ich beschloss, meinen Kollegen nie wieder Geld zu leihen

Von Anna-Lena Ripperger
 - 08:35

Ungefähr einmal pro Woche wünsche ich mir, ich wäre Chefin eines Inkasso-Büros. Dann könnte ich einfach einen bulligen Typen mit Nahkampferfahrung damit beauftragen, meinen Kollegen das Geld abzujagen, das ich ihnen geliehen habe. Warum ich selbst nicht dazu in der Lage bin? Weil ich Angst habe. Nicht vor meinen Kollegen (denen ich zum Teil körperlich überlegen wäre). Sondern davor, geizig zu wirken.

Ich will nicht, dass die anderen merken, dass ich mir ge- und verliehene Geldbeträge peinlich genau notiere, um sie schnell zurückzuzahlen – oder nie einzufordern. Denn um die Rückgabe von Geld zu bitten, finde ich ähnlich demütigend, wie an der Theke vom Barkeeper erst dann bemerkt zu werden, wenn mir ein anderer Gast gönnerhaft den Vortritt lässt.

Ich frage also nie nach. Ich warte auf mein Geld. Und warte. Und denke darüber nach, nachzufragen. Und warte weiter.

Ich wünsche mir still, dass sich meine Kollegen von selbst daran erinnerten, dass sie noch eine Rechnung mit mir offen haben. Schließlich laufe ich auch so lange niedergedrückt durchs Büro, bis ich alle meine Schulden beglichen habe.

Noch viel mehr wünsche ich mir allerdings, dass es mir egal wäre, ob ich die winzigen Beträge, um die ich wegen eines Schokoriegels, einer Limo oder eines Kantinenessens angepumpt werde, zurückbekomme. Denn dass ich meine Mini-Außenstände einfach nicht vergessen kann, beweist nur eines: Ich bin ein unsympathischer Mensch. Wer will schon mit kleinlichen Kollegen im selben Großraumbüro sitzen? Wer geht noch freiwillig mit denen Mittagessen oder Kaffee trinken, die sich als geizig geoutet haben?

Die Kleinlichkeit wird bleiben

Vielleicht, nehme ich mich manchmal in Schutz, stammt mein schwieriges Verhältnis zu Geld noch aus der Zeit, als ich wenig auf dem Konto hatte; als ich mich im Studium am Ende des Monats von Spaghetti mit Tomatenmark ernährte und mit einem mulmigen Gefühl zum Geldautomaten schlich. Vielleicht habe ich mich einfach noch nicht daran gewöhnt, genug Geld zu haben, rede ich mir ein.

Doch eigentlich weiß ich, dass meine Kleinlichkeit überleben wird – selbst dann, wenn ich irgendwann zu den zehn reichsten Deutschen gehören sollte und von niemandem mehr auch nur einen Cent zurückfordern muss, damit ich mal kurz mit meiner Cessna auf einen Café au lait nach Saint-Tropez fliegen kann.

Dabei lade ich freundliche Menschen gerne ein, zum Essen, ins Kino oder auf einen Kaffee. Ich verleihe freigebig alles, was ich besitze: meine Fahrräder, meinen Regenschutz für Trekkingrucksäcke, meine Erich-Kästner-Werkausgabe. Zeitlich unbegrenzt. Ohne Bedingungen. Aber bei geliehenem Geld hört es auf.

Inzwischen habe ich schon ein paar Tricks drauf, um mich vor der tristen Selbsterkenntnis des Geizigseins zu drücken. Es hilft, grundsätzlich wenig Bargeld im Portemonnaie zu haben. Dann kann man die Bitte um Büro-Kredite – reinen Herzens und gut begründet – ablehnen.

Schluss mit den Tarnmanövern

Bargeld-Armut ist auch praktisch, um geliehenes Geld auf elegante Weise zurückzubekommen, à la: „Könntest du mir vielleicht die fünf Euro zurückgeben, die ich dir letzten Freitag geliehen habe. Sonst kann ich in der Kantine nicht zahlen …“ Diese Notlage habe ich – Asche auf mein Haupt ­– auch schon öfter vorgetäuscht, um an mein Geld zu kommen.

Doch mit all diesen Tarnmanövern muss jetzt Schluss sein. Gerne erlasse ich allen Menschen, mit denen ich jemals zusammengearbeitet habe, alle ihre Schulden. Ich gelobe, nie mehr ein böses Wort über meine Außenstände von etwa 89,35 Euro zu verlieren. Von Zinsen ganz zu schweigen. Aber während ich den Kollegen, der mir gegenübersitzt, hartnäckig fixiere, um ihn auf subtile Weise daran zu erinnern, dass er mir seit eineinhalb Wochen sechs Euro schuldet, fasse ich einen Beschluss. Weil ich – zumindest im Büro – niemals mehr daran erinnert werden will, wie ich wirklich bin. Geizig. Habsüchtig. Kleinlich.

Deshalb werde ich nie mehr auch nur einen Cent verleihen. Nicht einmal dann, wenn mein Chef mich darum bittet. Stattdessen werde ich allen potentiellen Schuldnern sagen: „Leihen kann ich dir nichts. Aber schenken.“ Und mich dabei herrlich großzügig fühlen.

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Quelle: FAZ.NET
Anna-Lena Ripperger
Redakteurin in der Politik.
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