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Der Moment ...

... in dem ich einen 100-Kilometer-Lauf beendet habe

Von Alexander Davydov
 - 11:05

„Am Ziel wartet sie auf mich“, schießt es mir durch den Kopf, während ich mich zwinge, einen Fuß vor den nächsten zu setzen, ohne dabei ins Gehen zu verfallen. „Sie wird am Ziel da sein.“ Es ist ein beflügelnder Gedanke inmitten der zähen Masse, die meinen Kopf beherrscht. Es ist früh am Morgen, und ich laufe mittlerweile seit fast acht Stunden. 70 Kilometer habe ich bereits hinter mir, knapp 30 weitere stehen mir noch bevor. Dann erst ist das Rennen beendet.

Ich nehme am Dodentocht teil, auch Totenkopfmarsch genannt. Das bedeutet: 100 Kilometer müssen innerhalb von 24 Stunden zurückgelegt werden. Ob laufend, gehend oder kriechend ist jedem Teilnehmer selbst überlassen. Die Veranstaltung findet im August in der kleinen belgischen Gemeinde Bornem statt. Die Erfolgsquote der Teilnehmer soll je nach Wetterlage bei 40 bis 60 Prozent liegen.

Acht Monate vor dem Start bilde ich mir während der Anmeldung zum Lauf noch ein, die Strecke auch unter zwölf Stunden bewältigen zu können. Ich bin kein besonders ausdauernder oder technischer Läufer. Aber immerhin: Ich bin offen für neue Herausforderungen, frisch erholt von zwei Knieoperationen und, was meinen Hochmut noch kitschiger erscheinen lässt: verliebt. Die Motivation ist also da.

Zur Vorbereitung laufe ich 140 bis 150 Kilometer pro Woche. Einen Monat vor dem Rennen ist mein linkes Knie überlastetet. Ich muss fast drei Wochen pausieren – und überlege, den Lauf sein zu lassen. Aber mit der Teilnahme möchte ich mich in einem fehlgeleiteten Sinn für Romantik vor ihr beweisen. Sie bleibt meine Motivation, doch noch mitzumachen.

Gedanklich teile ich mir die Strecke in kleine Einheiten ein. Ich laufe regelmäßig zehn Kilometer vor dem Frühstück, 20 Kilometer jogge ich häufig von der Arbeit oder Uni nach Hause, auch ohne besondere Anstrengung. 50 Kilometer? Mach ich ab und zu an einem Wochenende. Schon hat man die Hälfte geschafft. Dann sind es nur noch zwei mal 25 Kilometer. Ein bisschen Qual gehört ja auch dazu. Und das letzte Stück bin ich hoffentlich bereits in Siegestrance. Trotzdem habe ich Angst, als der Startschuss fällt.

„Sie wartet am Ziel auf mich“

Acht Stunden später fühle ich mich erschöpft und leer. Die pausenlose Belastung ist ein tückischer Zustand, in dem alles in monotonem Schmerz untergeht. „Sie wartet am Ziel auf mich. Endlich kann ich sie dort in den Arm nehmen“, rast es also durch meinen Kopf, während ich aus dem Sekundenschlaf erwache, die Augen aufreiße und gerade noch scharf nach rechts ziehe, um nicht in einen Abwassergraben zu laufen. Ich stolpere noch einige Schritte weiter, bis ich mich wieder fangen kann. Der Lauf ist eine mühselige und abwechslungslose Choreographie aus Schritten und Atmung. Ohne Euphorie passiere ich die 80-Kilometer-Marke. Die flache, ländliche Szenerie Flanderns rauscht an mir vorbei, bald wird die Sonne aufgehen. Ich bemerke die Schatten und Umrisse gemütlich wirkender Bauernhäuser und den frischen Heugeruch der umliegenden Felder. Seit ich losgelaufen bin, hat mein Körper auf vielfältige Weise versucht, mir mitzuteilen, was er von den Strapazen hält. Zum Räuspern in der Achillessehne bei Kilometer 40 und dem Zwicken in den Schulterblättern ab der Hälfte der Strecke gesellen sich später schrille Protestnoten in Knie, Hüfte und Augen.

Für Selbstmitleid ist später Zeit

Kurz vor Kilometer 90 streikt die rechte Wade und krampft. Ich werde wütend auf mich selbst und ziehe aus Trotz das Tempo etwas an, was natürlich albern ist, schließlich bin der Gegner ich selbst. Wenig später folgt der rechte Oberschenkel. Ich lenke mich wieder mit dem Gedanken an sie hab, sie treibt mich voran. Das, und der Wunsch, nicht mehr laufen zu müssen. Wenn es billiger Pathos sein muss, der mich am Ende ins Ziel bringt, dann soll es halt so sein. Für Selbstmitleid hab ich auch nach dem Rennen genug Zeit. Also stelle ich mir vor, wie sie auf mich an der Ziellinie wartet, und die letzten Meter freudig mithüpft. Ich sehe sie nacheinander mit all ihren bisherigen Frisuren, während mir Streckenhelfer Wasser, Orangensaft und Red Bull anbieten. Ich erinnere mich an den türkisfarbenen Mantel, den sie anhatte, als wir uns auf dem Weihnachtsmarkt das erste Mal getroffen haben und nehme selbstgemachte Plätzchen von einem Dorfbewohner entgegen, der von seinem Campingstuhl aus schlaftrunken die Läufer beobachtet. Ich aber denke an ihre Augen und an das Lächeln, das auf mich wartet, wenn ich nur ankomme, während ich mir den Schweiß aus den geröteten Augenlidern wische. Meine Uhr vibriert: 95 Kilometer sind geschafft.

Und da ist sie: die Siegestrance. Es ist ein zartes Prickeln, das von Brust und Bauch ausgeht und bis in die Fingerspitzen greift. Ich spüre, wie mein Körper die letzten Reserven mobilisiert und Endorphine ausschüttet. Ich werde schneller, überhole Mitläufer. Werde von anderen überholt, die auf ihre eigene Art und Weise tief verborgene Kräfte freisetzen. Ob auch sie jemanden haben, dem sie entgegenlaufen?

Auf den letzten Kilometern kommt der Schmerz zurück, er jagt jetzt nicht mehr stumpf, sondern scharf durch meinen Körper. Ich versuche, ihn zu verdrängen, um die letzten Meter bis zur Zielgerade zu überstehen. Ich laufe sogar noch mal etwas schneller.

Hinter der Ziellinie gibt es eine Ananas

Das warme und positive Gefühl hallt noch nach, als ich schließlich, mehr als zwölf Stunden nach dem Start, etwas taumelnd und ein wenig verwundert, ankomme. Die Rennleitung überreicht mir eine Medaille und eine Ananas. Letztere fällt mir prompt aus den zitterigen Händen direkt auf die Füße. Ich möchte eigentlich erzählen, was für ein Kampf das Ganze war und dass es mir den Umständen entsprechend gut ginge – aber die Aufmerksamkeit des Personals gilt bereits dem nächsten Ankömmling.

Leicht benommen schlurfe ich davon, vorbei an den zahlreichen Menschen, die gerade jeweils auf ihre eigene Art den Zieleinlauf feiern. Ich fühle mich erschöpft und leer. Nach Pathos und Romantik ist mir nicht mehr. Kann es sein, dass ich eigentlich nicht ihr, sondern mir etwas beweisen wollte? In einer ruhigen Ecke befreie ich vorsichtig meine Füße von den Schuhen und ärgere mich über meine schlechte Verfassung. Aus meiner Taschen ziehe ich ein zusammengefaltetes Foto, das ich zunächst nicht einordnen kann. Erst nach einigen Momenten kommt es mir in den Sinn, dass es sie ist.

Dabei weiß sie vielleicht gar nicht, dass ich in diesem Moment das Rennen beendet habe. Oder dass ich die ganze Zeit an sie gedacht habe. Sie ist vermutlich bei sich zu Hause, in Deutschland. Aber innerhalb der vergangenen 100 Kilometer mit all den Höhen und Tiefen habe ich mich ihr denkbar nah gefühlt. Ich glaube, dafür bin sehr dankbar. Aber sicher bin ich nicht.

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Quelle: FAZ.NET
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