Kolumne

Der Moment, in dem das Tor fällt

Aktualisiert am 15.04.2020
 - 07:51
Wo waren Sie in diesem Moment? Mario Götze kurz nach dem WM-Sieg-Treffer 2014zur Bildergalerie
Die Plätze sind leer, die Tribünen verwaist, die Bälle liegen in den Schränken – aber wenigstens die Erinnerungen an die großen Momente im Leben eines Fußballfans sind noch da. Die Kolumne „Der Moment“, diesmal von neun Autoren.

„Der größte Augenblick aller Zeiten“ heißt in dem Buch „Fever Pitch“ das Kapitel, in dem Nick Hornby über den Moment schreibt, in dem der FC Arsenal 1989 in der letzten Minute des letzten Saisonspiels das entscheidende Tor schoss und nach 18 Jahren wieder englischer Meister wurde. „18 Jahre, in einer Sekunde komplett vergessen. Was ist der passende Vergleich für einen solchen Augenblick?“, fragt Hornby. Sex falle weg, der Höhepunkt sei dabei zu vorhersehbar. Auch bei der Geburt eines Kindes fehle „das entscheidende Überraschungsmoment“ und bei einem Lottogewinn die „gemeinschaftliche Ekstase“. Nick Hornbys Fazit: „Keiner der Augenblicke, die andere Menschen als den besten ihres Lebens beschreiben, scheint mir vergleichbar.“

Und wann, wenn nicht während der fußballfreien Corona-Krise, wäre der richtige Zeitpunkt, um sich an solche Momente zu erinnern?

30. Juni 1996: Deutschland gegen Tschechien

Das Tor, das ich nie vergessen werde, liegt nun vierundzwanzig Jahre zurück. Ich war damals 13 Jahre alt. Unglaublich eigentlich, dass man schon in diesen jungen Jahren das Tor seines Lebens gesehen hat. Aber einen Europameisterschaftssieg der eigenen Mannschaft im legendären Wembleystadion, Block 236, Reihe 2, Sitz 127 – direkt hinter dem Tor, in das Oliver Bierhoff das einzige Golden Goal der deutschen Fußballgeschichte geschossen hat –, das ist nicht mehr zu toppen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir in diesem zarten Alter an der Seite meines Vaters schon vollumfänglich klar war, was ich da gerade unter den Flutlichtern erlebte, als Jürgen Klinsmann den Pokal wenig später in den Londoner Nachthimmel hob und selbst die Queen nur wenige Tribünen von mir entfernt saß.

Obwohl seitdem meine Liebe zum Fußball nicht geringer geworden ist und meine Fußballabenteuer auch nicht kleiner: Dieses Tor, das Oliver Bierhoff am 30. Juni 1996 gegen Tschechien in der 95. Minute nur 20 bis 30 Meter Luftlinie von uns entfernt erzielte, das löst bis heute Gänsehaut bei mir aus.

Seit der Rückkehr aus London hängt über meinem Schreibtisch ein Plastikhut in den Farben der deutschen Flagge, mit einem Werbeaufdruck der britischen Boulevardzeitung „The Sun“. Diesen hatte mir mein Sitznachbar im Taumel der Siegesgefühle auf den Kopf gesetzt. Der Hut hat diverse Umzüge, neue Schreibtische und Lebensveränderungen überstanden – und immer wieder einen Platz über meinem Arbeitstisch gefunden.

Zu verdanken habe ich dieses einmalige Erlebnis meinem fußballverrückten, begeisterungsfähigen und unternehmungslustigen Vater, mit dem ich noch zahlreiche andere, auch nicht weniger legendäre Fußballerinnerungen teile. Aber ich bin mir sicher, dass dieses Tor, dieser Jubel, diese Reise auch zu den allergrößten seiner Fußballabenteuer zählt.

Am Tag nach dem Endspiel konnte ich natürlich nicht um acht Uhr in der Schule sitzen. Mein Vater ließ es sich nicht nehmen, mir eine Entschuldigung zu schreiben, die in etwa so lautete: „Hiermit entschuldige ich meine Tochter für den 1.7.1996. Sie konnte am Montag nicht am Unterricht teilnehmen, weil sie am Abend zuvor der deutschen Nationalmannschaft im Wembleystadion zujubeln musste.“

Lucia Schmidt

26. Mai 1999: Bayern München gegen Manchester United (I)

Es war die Nachspielzeit eines amerikanischen Austauschjahres: Eine Woche Ferien bei einem Freund in einer Collegestadt am Connecticut River. Wir schliefen endlich mal aus, wir fuhren zum Schwimmen an den See, die Bayern standen im Finale der Champions League, was zu unserem Glück der Sportsender ESPN übertragen würde, wir aßen Burger, immer nur Burger, und schauten abends die Playoffs der NBA – in der nur Wochen zuvor ein junger Würzburger Riese namens Dirk Nowitzki zu spielen begonnen hatte, etwas jünger als wir, aber der gleiche Akzent. Ansonsten hingen wir den ganzen Tag vor dem Haus auf einer Veranda ab, wie Bruce Springsteen sie besungen hatte: „Like a vision she dances across the pourch as the radio plays…“ Bei uns auf der pourch lief aber Don Henley, „Boys of Summer“, so kamen wir uns auch vor. Ach, diese Erinnerungen. Diese Erinnerungen. Diese verdammten Erinnerungen.

Am 26. April 1999 um 16.30 Uhr unserer amerikanischen Zeit klärt Stefan Effenberg zur Ecke. Es ist die letzte reguläre Minute des Endspiels zwischen Manchester und den Bayern, die seit Baslers Freistoßtor in der 6. Minute (beziehungsweise 14.51 Uhr in Middletown) führen. Beckham flankt den Ball an den Fünf-Meter-Raum, Fink versucht, ihn wegzuschlagen, trifft aber nicht richtig, der Ball trudelt zu Giggs, der haut ihn direkt weiter zu Sheringham, der ihn ins Tor schlenzt: 1:1. Drei Minuten später tritt Beckham wieder eine Ecke in den Strafraum der Bayern, Sheringham verlängert mit dem Kopf, Solskjaer macht das Bein lang: 1:2. Abpfiff. Es ist 16.34 Uhr. Sechstausend Kilometer weit entfernt haben die Bayern die Champions League im Flutlicht von Barcelona verloren, und bei uns scheint die Sonne.

Ich würde gern sagen: Ich habe diese Bilder noch genau vor Augen, den Querschläger von Fink, das ausgestreckte Bein von Solskjaer, den radschlagenden Schmeichel, den kollabierenden Kuffour, Fergusons berühmtes Interview danach. Aber wenn ich an dieses Spiel denke, sehe ich immer nur drei Jungs vor mir, nach einem echt harten Aufprall aus sehr großer Höhe in tiefster Stille: Wie sie betäubt in einen Fernseher starren, auf dem längst schon wieder eine andere Sportart läuft, für die sich die Amerikaner mehr interessieren. Eben noch waren die drei irgendwie zu Hause gewesen, in weiter Ferne so nah: Fußball, Homeland, Heimat. Jetzt fühlt es sich an wie die Taucherkrankheit. Wie wenn man aus einer Nachmittagsvorstellung im dunklen Kino auf die Straße tritt und die Guten doch nicht gewonnen haben, sondern die Bösen. In roten Trikots. Mit Beckham-Haaren.

Die letzten Dollar zusammengekratzt. Nochmal zum Liquor Store gerannt und Bier geholt, importiertes Beck’s, aus Trost und Trotz und Stolz. Und später noch einmal. Ahnungslose amerikanische Nachbarn, die nur nett sein wollen, werden von der Veranda herunter angepöbelt. Es wird geraucht. Es wird geflucht. Es wird geschworen: Nicht noch mal. Nie wieder. Der eine der drei ist nicht mal Bayern-Fan und wird es nie werden, aber trotzdem. Die anderen beiden sind Bayern-Fans, seit sie denken können, und jetzt erst recht. Alle drei waren längst Freunde und werden es jetzt noch einmal. Vielleicht, weil sie an diesem Nachmittag gemeinsam allein mit dem Fußball waren. Der einen alles mögliche machen kann, wütend, glücklich, hämisch, ungerecht – aber nie einsam.

Tobias Rüther

26. Mai 1999: Bayern München gegen Manchester United (II)

Es ist der Moment, in dem mein Fußballgedächtnis lichterloh brennt. Davor und danach glüht es vor sich hin, aber diese Tore sind nicht mehr auszulöschen. Es sind Tore gegen uns. Gegen Olli und mich.

Am 26. Mai 1999 bin ich zwölf Jahre alt. Olli Kahn ist mein Superstar. Er hängt in diesem unangenehm hellblauen Trikot in Retro-Chic als Mega-Poster aus der Bravo Sport über meinem Bett. Gemeinsam mit meinem Bruder (damals 14) darf ich im elterlichen Schlafzimmer Champions League schauen. Das ist etwas Besonderes, alleine weil mein Bruder und ich uns auf ein gemeinsames Fernsehprogramm einigen können. Ich ziehe mal nicht den Kürzeren. Wir zerren die Matratze vom Bett und ganz nah vor den Fernseher. Die Bayern – Effe, Basler, Sammy Kuffour, natürlich Loddar, Zickler, Jancker, Scholli – gegen Manchester. David Beckham muss wohl auch irgendwo auf dem Platz stehen. Für mich gibt es nur Olli. Er hat wenig zu tun, alles läuft wie gewohnt, alles ist gut. Bayern führt in der 90. Minute 1:0. Das holt keiner auf.

Drei Minuten Nachspielzeit. Ecke. Tor für Manchester United. Olli ist chancenlos, klar. Ein Olli Kahn macht keine Fehler. Die Naturgesetze lassen ihm keine Chance, deshalb, und nur deshalb, geht hinter ihm auch mal ein Ball ins Tor. Plötzlich sind mein Bruder und ich nicht mehr hibbelig, nervös und aufgeregt, das ist jetzt ernst. Aber weiterhin gibt es keinen Zweifel daran, dass unsere Bayern das gewinnen. Dann lässt Olli noch einen durch. 1:2. Es folgt, nur Sekunden nach dem Wiederanpfiff, der Abpfiff. Welch unfaires, unsportliches Verhalten, Schiri! Hätte er den Bayern noch fünf Sekunden gegeben, sie hätten ausgeglichen. Vermutlich wäre Olli vorgestürmt, alleine, und hätte den Ball ins gegnerische Tor gedroschen.

Thomas Helmer, der glatte Saubermann Helmer, zeigt beide Mittelfinger Richtung Tribüne. Und die Bayern gehen nicht als Sieger vom Platz. Welche ballharte Sicherheit soll an dem Abend denn noch platzen? Oliver Kahn kniet darnieder – beißt er ins Gras, schreit er es nur an? Olli sitzt am Tor. Nein das ist kein Sitzen, das ist ein Symbolbild des Häufchens Elend. Ein Riese, der menschlich wird. Dann liegt Olli an der Torlinie, Scholli lehnt am Pfosten. Die „Mutter aller Niederlagen“ nennt Kahn diese Schmach im Camp Nou später mal. Und auch ich bin mir sicher: So etwas passiert uns nie wieder, Olli!

Dann kommt die Weltmeisterschaft 2002. Wir, also Olli und ich, spielen phantastisch. Bester Spieler schon vor dem Finale, in sechs Spielen nur einen Unhaltbaren doch nicht gehalten, wieder chancenlos, klar. Dann lässt Olli Rivaldos Aufsetzer abprallen. Ronaldo staubt ab. Olli und ich werden nicht Weltmeister. Nach dem Abpfiff sitze ich wieder mit Olli am Torpfosten. Wir waren ganz alleine in diesem Moment. Aber ich hielt zu ihm.

Manon Priebe

29. Mai 1999: Eintracht Frankfurt gegen 1. FC Kaiserslautern

Dass der coolste Mensch der Welt ein Norweger ist, weiß ich seit dem 29. Mai 1999. Es ist der 34. Spieltag der Fußball-Bundesliga und das vermutlich spannendste Abstiegsfinale, das es je gab. Außerdem ist es wahnsinnig heiß, weshalb ich das 1:0 der Frankfurter Eintracht im Waldstadion gegen den 1. FC Kaiserslautern direkt nach der Halbzeitpause verpasse, während ich noch in der Getränkeschlange anstehe. Geschenkt, denn um das Tor soll es hier nicht gehen. Und es werden in dem Spiel noch fünf weitere Treffer fallen.

Die Eintracht steht vor dem Spiel gegen Kaiserslautern auf dem 16. Platz und wäre damit, wenn es so bliebe, abgestiegen, für den Gegner aus der Pfalz geht es immerhin noch um den Einzug in die Champions League. Neben Frankfurt kämpfen auch Rostock (bei den bereits abgestiegenen Bochumern), Stuttgart sowie in einem direkten Abstiegsduell Freiburg und Nürnberg ums sportliche Überleben in der Erstklassigkeit. Die volle Dramatik lässt sich auch mehr als zwanzig Jahre später noch in der legendären Bundesliga-Schlusskonferenz angemessen nacherleben.

Auch im Block müssen wir uns – ohne Smartphones – auf jene Fans verlassen, die ein Taschenradio mitgebracht haben und mit dem Ohr den Spielständen in den anderen Stadien lauschen. Und von dort dringt Dramatisches zu uns: In der Schlussviertelstunde wechselt die Tabellenkonstellation beinahe mit jedem Tor, das auf einem der betroffenen Plätze fällt. Lange sieht Rostock wie der sichere Absteiger aus, dann wieder Nürnberg. Um 17.12 Uhr, drei Minuten vor Spielende, schießen die Nürnberger ein Tor. Frankfurt liegt mittlerweile mit 4:1 vorne, aber das reicht nicht, ein Tor fehlt oder man wäre abgestiegen.

Ein letzter Angriff, der Stürmer Jan Åge Fjørtoft bekommt am Strafraum den Ball und läuft alleine auf Torwart Andreas Reinke zu. Und dann tut er das Unfassbare: Er macht einen Übersteiger, aber nicht elegant, wie ein Südamerikaner das gekonnt hätte, sondern eher ungelenk, so wie es bei jedem von uns beim Kicken im Park aussähe. So wie bei einem Norweger eben. Und danach schiebt er den Ball lässig ins Tor und es steht 5:1. Die Eintracht steigt nicht ab, wildfremde Menschen fallen sich um den Hals, jubeln, weinen. Nach dem Abpfiff rennen wir auf den Platz und buddeln uns als Andenken ein Stück Stadionrasen aus, das meine Mutter noch jahrelang auf der heimischen Terrasse pflegen wird. Und ich denke immer noch gern an diesen verrückten Norweger und daran, ob er sich selbst manchmal fragt, was gewesen wäre, wenn er den vorbeigeschossen hätte.

Felix Hooß

14. Juni 2006: Deutschland gegen Polen

Den Moment, in dem das Tor fällt, habe ich lange kommen sehen. Es war in Paderborn, meiner Geburtsstadt, bei einem Hallenturnier. Dort fiel er mir zum ersten Mal auf. Es muss etwa im Jahr 2000 gewesen sein. Diese unheimliche Schnelligkeit. Wusch … und weg war er. Kein Gegenspieler konnte ihn stoppen, allenfalls die Bande, die das für ihn viel zu kleine Spielfeld begrenzte. Er spielte für Borussia Dortmund und rannte allen einfach davon. Ich war beeindruckt und beschloss, mir den Namen zu merken und seinen fußballerischen Werdegang zu verfolgen. Aus dem sollte doch was werden!

Und es wurde etwas aus ihm. Seine Ausbildung bei der Post brach er ab, weil er 2002 in den Dortmunder Bundesliga-Kader kam und gleich mal Meister wurde. Kann man so machen! Nun brauchte ich keine Hallenturniere für Junioren mehr, um ihn zu sehen, sondern saß im Stadion mit 80.000 Fans oder vor dem Fernseher. Und immer hatte ich ihn besonders im Blick. Und immer sprintete er schneller als die Gegenspieler. Es sprang nicht immer etwas dabei heraus, aber er hatte etwas, das andere nicht hatten. So war ich keinesfalls überrascht, als er 2006 in den deutschen Kader für die Weltmeisterschaft im eigenen Land berufen wurde, obwohl er zuvor gar kein Länderspiel bestritten hatte.

Es ist der 14. Juni. Deutschland gegen Polen. Das zweite Spiel der Vorrunde. In Dortmund. Ich sitze mit meiner Schwester auf der Nordtribüne. 0:0. Die Deutschen treffen einfach nicht. Dann entdecke ich ihn an der Seitenlinie. Bereit zur Einwechslung. Jürgen Klinsmann erklärt gestenreich, was zu tun ist. Ich höre natürlich nichts. Aber ich weiß, was er verlangt: Lauf allen davon! Ich jubele innerlich. Jetzt klappt es doch noch! Polens Linksverteidiger ist nicht der Schnellste und müde. Doch zunächst klappt – nichts. Ich bin nervös. Die Nachspielzeit läuft schon. Bernd Schneider schnickt den letzten hohen Ball in den freien Raum auf dem rechten Flügel. Wusch … und weg ist er. Keiner kommt nach. Ich jubele schon wieder innerlich. Jetzt! Jaaaaaaaaaa! Der direkte Pass in die Mitte erreicht tatsächlich Oliver Neuville. 1:0!

Auf der Tribüne fühlt es sich an, als würde das Dach gleich wegfliegen. Was für eine Energie! Nie mehr habe ich bis heute solch einen lauten Jubel erlebt, schon gar nicht bei einem Länderspiel. Klinsmann kriegt sich nicht mehr ein, Ballack springt auf Neuville. Und mittendrin, in diesem Moment, ist einer, der einfach nur das gemacht hat, was er schon immer am besten konnte: David Odonkor, der Sprinter.

Tobias Rabe

April 2013: FC Ingolstadt gegen Eintracht Braunschweig

90 Minuten sind gespielt, die Nachspielzeit läuft. Beim Stand von 0:0 gibt es noch einmal Freistoß. Jetzt muss es passieren. Über diesem lauen Frühlingsabend im April 2013 schwebt verheißungsvoll das aus dem kleinen Fußball-Einmaleins abgeleitete Versprechen: Gewinnt Eintracht Braunschweig beim FC Ingolstadt, kehrt das blau-gelbe Gründungsmitglied zurück in die Bundesliga. 28 meist trostlose Jahre in den Niederungen des deutschen Fußballs hätten ein Ende. Der Traum von Liga eins würde wahr.

Meine Braunschweig-Begeisterung währt im Frühjahr 2013 gerade einmal elf Jahre. Mir blieb, 1990 geboren, einiges erspart. Bittere Heimniederlagen gegen TuS Celle oder triste Auswärtspleiten in Herzlake, die so manches Fangesicht zerfurchten. Seit meinem ersten Mal an der Hamburger Straße habe ich trotzdem vieles gesehen, das nicht vergnügungssteuerpflichtig war. In heruntergekommenen Sonderzügen fuhr ich stundenlang bis nach Wuppertal oder Dresden. Auf der Hinfahrt stets an das Gute glaubend, auf der Rückfahrt immer aufs Neue beschäftigt mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit des Unterfangens, wenn es auswärts abermals eine Pleite gesetzt hatte.

Ich musste mit ansehen, wie der SC Paderborn uns beim dortigen Gastspiel Willi Herren als Showact vorsetzte und die Eintracht im Mai 2008 um ein Haar in die Bedeutungslosigkeit der vierten Liga gestürzt wäre. Braunschweig spielte montagabends auf Sport 1, während der Erzrivale Hannover sich im Europapokal mit Atlético Madrid messen durfte und der ungeliebte Nachbar Wolfsburg sogar Deutscher Meister wurde. Braunschweig in der ersten Liga, das war für mich immer ganz weit weg, das konnte man selbst im Fußball-Managerspiel auf dem Computer nur mit Mühe erreichen.

In Ingolstadt gibt es noch einmal Freistoß für Braunschweig. 20 Meter vor dem Tor, genau mittig. Die Mauer ist schlecht postiert, das sieht man sofort. „Mach ihn, Locke!“, ruft einer. Locke heißt in Wirklichkeit Damir Vrancic und hat eine Glatze. Der Schiedsrichter pfeift, gibt den Ball frei. Locke macht drei unprätentiöse Schritte. Der Ball verlässt seinen rechten Fuß und braucht nur eine Sekunde, um im hohen Bogen über den äußersten Spieler der Mauer zu fliegen. Dann fällt er wie ein Stein hinein in die rechte Ecke des Ingolstädter Tores.

Die Fußball-Mathematik lügt nicht: Eintracht Braunschweig steigt auf, und ein Jahr später als Tabellenletzter gleich wieder ab. Aber für eine Saison hat Locke ihn wahrgemacht, den schönen Traum von Liga eins.

Sönke Sievers

25. Mai 2013: Borussia Dortmund gegen Bayern München

Ausgerechnet als das Tor fällt, hole ich mir gerade ein Bier aus dem Kühlschrank, um mich auf die Verlängerung vorzubereiten. „Robben, Robben, Robben, das ist das Tor, ausgerechnet Robben“, tönt es aus dem Fernseher, und ich sprinte mindestens so schnell wie der Niederländer zurück zur Couch. Es ist das Champions-League-Finale der Bayern im Jahr 2013, es ist die 89. Minute, ausgerechnet der nationale Rivale Borussia Dortmund ist der Gegner.

Robben war durch den Strafraum getänzelt und hatte den Ball an Weidenfeller vorbei gelegt. Ausgerechnet Robben, die nervenschwache Diva, die noch im verlorenen Vorjahresfinale „dahoam“ gegen Chelsea einen Elfmeter verschossen hatte. Die Vorlage kam – ausgerechnet – vom kongenialen Partner Ribéry, die bayerische „Flügelzange“ feierte ihren größten Moment.

Man mag über die Bayern sagen, was man will, aber nach den traumatischen Finalniederlagen gegen Inter Mailand und Chelsea haben sie sich das doch irgendwie verdient, oder? Den Großteil meines Biers habe ich verschüttet, den Rest trinke ich auf die Bayern. Ausgerechnet Paulaner wie bei der bayerisch-traditionellen Meisterschaftsbierdusche? Nee, Tegernseer.

Patrick Schlereth

19. Mai 2014: Arminia Bielefeld gegen SV Darmstadt 98

Nick Hornby war 1989 nicht im Stadion, als Arsenal das entscheidende Tor in Liverpool schoss – im Nachhinein war er froh darüber, schreibt er in „Fever Pitch“, weil er sonst die „fast südamerikanische Freudenexplosion“ vor seiner Haustür in London verpasst hätte. Bei mir war es 2014 ähnlich, „das Wunder von Bielefeld“ erlebte ich in Darmstadt. Ein Jahr vorher war der SV Darmstadt 98 eigentlich aus der dritten Liga abgestiegen, dann war ausgerechnet der Lokalrivale aus Offenbach insolvent gegangen. Darmstadt blieb in der Liga und kämpfte sich 2014 in die Relegation um den Aufstieg in die zweite Liga. 21 Jahre war es damals her, dass Darmstadt zuletzt in der zweiten Bundesliga gespielt hatte. Wir kannten diese Zeit nur aus Erzählungen von den Älteren im Fanblock. Das Relegationshinspiel gegen Bielefeld wurde im Darmstädter Böllenfalltorstadion allerdings zur Katastrophe, am Ende stand es 1:3, Aufstieg abgehakt.

Das Rückspiel fand unter der Woche statt, nur ein einziger Optimist aus unserem Freundeskreis trat die Reise nach Bielefeld an. Ich kam relativ kurz vor dem Anpfiff von der Arbeit nach Hause und setzte mich vor den Fernseher. In der 23. Minute traf Dominik Stroh-Engel zum 1:0 für Darmstadt. Aus dem Fenster konnte ich den Jubel vom Public-Viewing aus der Innenstadt hören. Und langsam, ganz langsam kam das Gefühl auf: Da geht heute doch was. Ich rief einen Freund an, auch er kam spät von der Arbeit, parkte sein Auto aber direkt in der Stadt. Als der Schiedsrichter zur Halbzeit pfiff, nahm ich mir ein paar Bier und lief zum Public Viewing.

In der 51. Minute schoss Hanno Behrens das 2:0 für Darmstadt. Ein Tor noch, und 21 Jahre wären vergessen. Aber dann fiel der Anschlusstreffer, nach 90 Minuten stand es wie im Hinspiel 1:3. Verlängerung. In der 110. Minute traf Bielefeld zum 2:3, dabei blieb es bis zur 120. Minute, dem Ende der regulären Spielzeit. Das war es also, dachten wir. Bis der Ball zwei Minuten später Elton da Costa vor die Füße fiel. Er zog aus 18 Metern ab, Tor in der 122. Minute. „Das wäre der Aufstieg“, brüllte der Moderator. Da Costa sagte später über diesen Moment: „Der ganze Körper hat gezittert und ich wusste gar nicht, wo ich hinlaufen soll.“

So ähnlich fühlte es sich auch in Darmstadt an: Innerhalb von einer Sekunde erfüllte sich alles, was sich Tausende Darmstädter gewünscht hatten, es gab keine anderen Bedürfnisse in diesem Moment. Es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich wirklich jubelnd wildfremden Menschen in den Armen lag. Der Rest der Nacht verschwimmt in der Erinnerung. Schmerzlich gut kann ich mich aber an den nächsten Morgen erinnern, ich musste von einer Verhandlung beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe berichten. Richtig wach wurde ich erst, als ich kurz vor Verhandlungsbeginn merkte, dass ich zu einer völlig falschen Adresse gefahren war.

Sebastian Eder

13. Juli 2014: Deutschland gegen Argentinien

Es gibt Tore, die fallen aus dem Nichts. Und es gibt Tore, auf die hat man jahrelang gewartet. Bei dem Treffer von Mario Götze im WM-Finale 2014 traf beides zu – jedenfalls für mich. Seit Fabio Grosso acht Jahre zuvor in der Verlängerung des Halbfinals von Dortmund gegen Italien den Ball um Jens Lehmann geschlenzt und meinen damaligen Traum vom ersten bewusst erlebten Weltmeistertitel jäh beendet hatte, hatte ich auf diesen Moment gewartet. Und habe ihn dann fast verpasst.

Denn als sich André Schürrle im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro (wieder in der Verlängerung!) an der linken Außenbahn fast verrannte, bevor er doch noch irgendwie in die Mitte flankte, und Mario Götze den Ball mit der Brust annahm und ihn im Fallen mit dem linken Fuß am – zugegeben: ziemlich schlecht reagierenden – argentinischen Torhüter vorbei ins Netz bugsierte, befand ich mich schon in heißer Diskussion über die möglichen Schützen für das anstehende Elfmeterschießen.

Erst als der Lärm in der Kneipe namens „Krokodil“ in der Mainzer Neustadt anschwoll und auch jene, die immer noch saßen, aufsprangen, weil sie sahen, dass Götze im Strafraum mutterseelenallein gelassen worden war, blickte ich wieder auf die Leinwand. Instinktiv krallte ich die Finger meiner rechten Hand in die Schulter meines Vordermanns, um mich kurz darauf auf ihm abzustützen, als bei mir und rings um mich herum alle Dämme brachen. Ich hüpfte, brüllte, verspritzte den letzten Rest aus meinem Bierglas, umarmte alles und jeden in unmittelbarer Nähe.

Dann konnte ich die restlichen Minuten kaum hinsehen, zitterte beim finalen Freistoß von Messi und zeterte als Schweinsteiger blutend am Boden lag. Nach dem Abpfiff tanzten wir auf der Straße, bei der Pokalübergabe hatte ich Gänsehaut, ins Bett kam ich erst morgens um halb sieben. So freut man sich also, wenn man acht Jahre auf ein Tor gewartet hat.

Dass mich ein Treffer jemals wieder in ein solches emotionales Chaos wie in jener Nacht stürzen wird, ist nahezu ausgeschlossen. Dafür ist mir „Die Mannschaft“ in den vergangenen Jahren zu egal geworden. Für mich gibt es nur noch ein Tor, das mich in diesem Sommer in Ekstase treiben kann: Wenn Fabian Klos die Arminia aus Bielefeld nach elf Jahren zurück in die Bundesliga schießt. Dafür müsste allerdings erst mal wieder Fußball gespielt werden ...

Sebastian Reuter

Die Kolumnen

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

Quelle: FAZ.NET
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